Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 4 (23.1.1925)
- Date
- 1925-01-23
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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IN . 4 Das Jüdische Echo 55 Aus der Geschichte des bayerischen Judentums Marktbrefts Judenkapitel Aus der „urkundlichen Geschichte der Stadl Marktbreit“ von Pfarrer Ploc.hmann. Mitgeteilt und mit Zusätzen versehen von Lehrer S. Brückheimer, Marktbreit. Daß die Juden schon in früheren Jahrhunderten in kranken ansässig waren, ist wohl allgemein bekannt. Auch in dem Dorfe Niedernbreit (so hieß Marktbreit, bis es durch Vermittlung des Grafen Ludwig von Seinsheim von Kaiser Ferdinand im Jahre 1557 das Marktrecht erhielt) wird derselben in den ältesten vorhandenen Handschriften gedacht. Im Gerichtsbuch wird bereits 1487 ein Judenhaus beim Kirchbrunnen erwähnt. Um 1550 nimmt sogar die Gemeinde den Juden Hirsch in Schutz gegen den Mordbrenner Claus Schlaydinger, der dafür aus Rache einen Überfall veranlaßte; um das Dorf vor Feuer zu schonen, mußte der Rat mehrere tausend fl. an den Markgrafen von Hohenlandsberg, den Anführer der plündernden Reitergesellen entrichten. Es scheint aber, daß sich die Niedernbreiter schon um 1553 an ihre Herrschaft wandten, damit diese — wie auch andern Orts — die Juden aus dem Flecken hinausweise. Dafür wollten sie von „jedem Eimer Wein 5 Maas als Umgeld“ an den Seinsheimer Grafen abfiihren. Dieser beurkundete auch bald darauf, daß er erbötig sei, „auf zukünftige Ostern des Jahres 1553 alle und jede Juden aus dem Flecken zu gebieten, abzuschaffen und nimmermehr keinen in Flecken zu ewigen Zeiten ziehen, noch darinnen zu wohnen oder handthieren zu lassen.“ Nach wenigen Wochen waren die Juden vertrieben. Ihre Güter und Häuser nahm der zu gleicher Zeit und mit gleichen Rechten mitregierende Herr von Seckendorf, der sie auch zwang, ein Verzeichnis darüber zurückzulassen, was sie an Geld hier und in der Nachbarschaft einzunehmen hatten. Er wollte die Juden der Mühe des Einkassierens entheben. „Da aber mancher Jude der Herrschaft des Jahres mehr Schutzgeld gibt und Straf verursacht, als viel christliche Unterthanen eintragen“, nahm man die Juden auch wieder auf. Mit Genehmigung des Fürstbischofs von Würzburg, dem späterhin Marktbreit unterstand, ließ sich im Jahre 1636 der erste Israelite zum großen Ärger der Gemeinde hier nieder. Nach ein paar Jahren waren bereits wieder fünf Familien mit 21 Personen hier ansässig. Der Bischof zeigte sich den öfters gestellten Wünschen der Marktbreiter um „Abschaffung der Juden“ nicht willfährig. Daß es darüber mit den Juden, denen man, wo man konnte, gerne etwas ans Zeug flickte, zu zahlreichen ärgerlichen Auftritten kam, läßt sich denken. Bald wurden sie angeklagt, daß sie der Metzger- und Gerber-Handwerk verstümpeln, falsch Gewicht brauchen, den Zoll defraudieren, mit Feuer leichtsinnig umgehen und sich schrecklicher Gotteslästerungen schuldig gemacht haben sollten. Nun waren aber seit dem Jahre 1642 die katholischen Grafen von Schwarzenberg für ihre im 30jährigen Kriege dem Kaiser geleisteten Dienste mit der Herrschaft über Marktbreit belehnt worden. Die vorgebrachten Beschuldigungen fanden in der Kanzlei zu Wässerndorf (2 Stunden von Marktbreit entfernt) keinen Glauben. Die ausgleichende Gerechtigkeit traf die Verleumder. Der Rat wurde mit 100 Taler Strafe belegt, weil er die Frevel nicht beweisen konnte. Der Ratschreiber Jobst Zehnder aber mußte für seine spitzige Feder 20 Taler bezahlen. Weil die Strafe nicht gleich erlegt wurde, lud man den Bürgermeister samt einigen Ratsmitgliedern unter dem Vorwand anderweitiger Verhandlungen nach Wässerndorf, schickte sie dort in Arrest, aus dem sie nur das Handgelübde unverzüglicher Strafenlrichtung erlöste. Nun gingen ellenlange Klagen direkt nach Wien, wo sich Fürst Ferdinand von Schwarzenberg zumeist in kaiserlichen Diensten aufhielt. In einer der Beschwerden, in denen die härtesten und beschimpfendsten Worte nicht fehlten, heißt es: „es liefen täglich viel schlampende Betteljuden aus und ein, die, wenn einige Contagion grassieren sollte, den Ort infiziren könnten.“ Darüber beschwerte sich eine jüdische Deputation in Wien seihst und erwirkte am 1. August 1687 einen Generalschutzbrief. Die Juden wurden nun in die Steuer gelegt und mußten sich an christlichen Sonn- und Feiertagen „solcher Aktionen und Handlungen enthalten, wodurch die Christen geärgert oder verführt werden mögen.“ 1691, am Pfingstfest, zogen die Juden während des Kirchengeläutes (!) in Prozession über den Markt und durch die Gassen, trugen eine neugeschriebene Sefer Thora voraus, machten vor ihren Häusern unter Gesängen Station und gingen darauf in die Synagoge. Dieser Umzug sollte eine Danksagung sein, „weil Gott den Ort vor den Franzosen bewahrt hätte“. Darüber erbost baten „die mit Gut und Blut gehorsamst aufzuwarten verpflichteten Unterthanen wehmiithigst“, daß Fürst Ferdinand, nachdem die Familienzahl bereits wieder von 8 auf 14 gestiegen war, einen weiteren Zuzug nicht mehr genehmigen möge. Bei diesen 14 Matrikeln ist es fortan bis 1862 geblieben. Und mit Strenge wurde ihrer gerechtet. Als nämlich der bekannte Hoffaktor Simson Wertheimer, der kraft seines kaiserlichen Privilegs sich im ganzen Reich festsetzen durfte, für seinen Vater hier ein Haus erwerben wollte, wurde ihm das nur unter der Bedingung gestattet, daß sein hier wohnender Bruder Männlein Jud W. erst sein Haus an einen Christen verkaufe. Der genannte Hoffaktor hat sich wohl auch für die im Jahre 1703 erfolgte Erneuerung des Generalschutzbriefes eingesetzt, der den Juden erlaubte, „eine Synagoge zu halten, einen Rabbiner, Vorsänger und Schulmeister aufzunehmen und ihre Zeremonien wie zu Prag, Frankfurt und Worms zu gebrauchen Macht haben sollten.“ 1714 riß der Streit wegen der Prozession mit den neuen Zehngeboten die alten Wunden wieder auf. Der Rat wandte sich an aller Herren Länder, was in dieser Sache Brauch, und erhielt von dem einen zur Antwort, daß dergleichen Frevel der gottlosen Rott exemplarisch zu strafen sei; während z. B. der Stadtrichter von Prag erklärte, es sei von jederzeit erlaubt und von Alters her praktiziert, daß neue zehn Gebote unter einem jüdischen sogen. Himmel öffentlich, wenn es gleich an Christenhäusern vorbeiging, auch nach Belieben mit Musikanten zur Synagoge getragen werden. — Von Simson Wertheimer erzählt ein Gedenkstein in der Vorhalle unserer Synagoge und ein Eintrag im Memorbuch, welch große Verdienste er sich erworben um die Juden in der Medinoh Schwarzenberg. IfUSMI-TfcE Im Feinste echt russische Teemarke Gen.-Vertret : Dr. ETTINGER, MÜNCHEN __Ann«»ss*ras»«* 47. T«*l«*for» 31 7 92