Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 3 (16.1.1925)
- Date
- 1925-01-16
- Page
- Seite 38 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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38 Da* Jüdische Echo Nr. 3 Menschen für sich haben. Ihm zeigt der Zentralverein und seine Taktik keinen Ausweg. Und daher würde er imer wieder an der Entstehung neuer antisemitischer Infektionen mitschuldig werden, wenn nicht die Zionisten, indem ihre Anstrengung auf den Aufbau Palästinas gerichtet wird, den Kampf gegen die immer erneute antisemitische Infektion in dieser positiven und schöpferischen Weise führten. Jeder Jude, für den in Erez Israel Raum geschaffen wird, jede ostjüdische Familie, die drüben in das welthistorische Neuwerden des jüdischen Menschen produktiv eingebaut werden kann, wird dadurch erstens vor der Assimilation gerettet, vermindert aber auch zu gleicher Zeit die Zahl der Einwanderer, für die dann der Zentralverein, ob er will oder nicht, die Mitverantwortung und den Kampf aufzunehmen gezwungen wäre. Wären die Führer des Zentralvereins konsequent, so müßten sie aus ihren Fonds gegen den Antisemitismus eine beträchtliche Summe alljährlich jener Geldsammlung zuführen, die diesen Kampf auf allein wirksame Weise betreibt, indem sie zu gleicher Zeit auch der jüdischen Jugend Deutschlands zum Ausweg aus ihrer seelischen Not verhilft, dem deutschen Keren Hajessod. Was darüber hinaus der Zionismus noch, auch in diesem Zusammenhang betrachtet, in der Rehabilitierung des Juden vor der Welt leistet, das werden wir in einem Aufsatz für sich beleuchten; dieser Sachverhalt ist zu wichtig, als daß er nebenbei und diesesmal auch nur gestreift werden könnte. Dies, meine Herren Anhänger und Gegner, ist die Kampf weise der Jüdischen Volkspartei gegen den deutschen Antisemitismus. Der Ausgang der Wahlen zum Landesverband wird beweisen, wie weit die deutschen Juden politisch denken zu lernen vermochten; ob sie lieber sich verteidigen wollen von Fall zu Fall, oder ob sie schon ihre Interessen wahren können auf lange Sicht. Abr. Laban. Der „Geist“ des Bürgermeisters Die Wahlen im letzten Dezember brachten in München auch einen neuen Stadtrat, welcher in seiner Mehrheit rechts gerichtet ist, wenngleich Völkische und Deutschnationale kaum ein Viertel der Stimmenzahl ausmachen. Den ausschlaggebenden Teil dieser Mehrheit bildet die Bayerische Volkspartei, aus deren Reihen auch ehrenamtlich der 1. Bürgermeister gewählt wurde. In der ersten Sitzung dieses Kollegiums entwickelte derselbe sein Programm und man konnte bei dieser Gelegenheit sogleich beobachten, unter welchem Gesichtspunkte der Erwählte, Herr Karl S c h a r n a g 1, führendes Mitglied seiner Partei, seinem Amte vorzustehen gesonnen ist. In seinem Vortrag finden wir folgende Sätze: ..Aufbau und Verwaltungsarbeit müssen im Sinne echt christlichen, deutschen Gemeinschaftsgeistes erfolgen. Die Auswirkung, die diese christliche und deutsche Einstellung haben muß, geht dahin, daß wir arbeiten müssen, das seelische, geistige und leibliche Wohl unseres Volkes ohne Ansehen von Klassen, Berufen oder Schichten zu fördern....“ Ferner: „Die Fürsorgeaufgaben, die der modernen Großstadtgemeinde Zufällen, sind ungeheuer. Dazu brauchen wir vor allein die Mitarbeit aller Kreise, besonders der so segensreich wirkenden Organisationen beider Konfessionen. Ganz besonders wende ich mich aber an die besitzenden Kreise unserer Stadt, wie an unsere Freunde im In- und Ausland . . .“ Der Herr Bürgermeister will, daß der Aufbau in echt christlichem Geist erfolgen soll. Mitarbeiten können Juden, Freigeister u. a. ohne Beschränkung, aber der Geist soll christlich gezeichnet sein. Die Fürsorgeaufgaben der Großstadt sind ungeheuer, hieran mitzuarbeiten werden alle Kreise eingeladen, besonders die christlichen Organisationen. Zweimal findet es der Herr Bürgermeister nötig, einseitig die christlichen Organisationen hervorzuheben. Weiß derselbe nicht, daß auch außerhalb derselben in nicht minder aufopfernder Weise das seelische, geistige und leibliche Wohl des Volkes gefördert wird? Der Herr Bürgermeister steht ja schon lange genug im politischen und gesellschaftlichen Getriebe seiner Vaterstadt, um zu wissen, was beispielweise seine jüdischen Mitbürger in dieser Beziehung geleistet haben und daß nicht zum wenigsten es seine nichtchristlichen Mitbürger sind, welche sowohl selbst als durch ihre Beziehungen zu nichtchristlichen Ausländern sehr viel zur Linderung der Not in unserer Stadt beigetragen haben. Wir wollen in unserer Betrachtung nicht zu weit gehen und uns Beschränkung auferlegen. Nur das möchten wir dem Herrn Bürgermeister ans Herz lesen: Sie sind, Herr Bürgermeister, wohl von Ihrer Partei an die Spitze des Gemeinwesens gestellt worden, allein einmal gewählt, darf es für Sie nur Bürger gleichen Rechts, gleicher Pflichten geben. Konfessionen gehören in die Kirche, im Rathaus existieren nur gleichberechtigte Bürger. J. F. Zionist oder Konjunkturpolitiker Es hat in der letzten Zeit in München und anderswo erstaunlich viele Anlässe gesehen, bei denen der Jude zu größeren oder kleineren Vorgängen des politischen allgemeinen Lebens Stellung zu nehmen hat, ohne daß seine jüdische Parteirichtung irgend eine Rolle zu spielen hätte. Im Augenblick mag es genügen, das Beispiel des Alpenvereins zu erwähnen, wenngleich an dieses zunächst nicht einmal gedacht ist. Hat nun in solchen Dingen der Zionist als solcher eine bestimmte Entscheidung, da man doch mit Recht sagen kann, daß derartige Angelegenheiten mit Palästina wirklich nicht das allermindeste zu tun haben? Solchen Auffassungen, die den Zionismus zu einer Angelegenheit der Palästinakolonisation herabwürdigen, kann nicht klar und scharf genug entgegengetreten werden. Ein derartiger Zionismus, der eigentlich das ganze Leben der Juden, die sich in der Diaspora befinden, unberührt läßt und sich in einer Förderung des Palästinaaufbaus erschöpft, könnte natürlich von jedem Nichtzionisten, soweit er nicht etwa auf dem Standpunkt steht, daß seine jüdischen Beziehungen an den Reichs-, vielleicht sogar an den Landesgrenzen aufhören, mitgemacht werden. Zionismus heißt aber seit den ersten Tagen, da diese Bewegung die gegenwärtigen Formen angenommen hat, vor allem Erneuerung des Judentums und Erneuerung des jüdischen Menschen. Was die Zionisten, sofern nicht nur „Sympathien für arme Juden im Osten, die in Palästina eine Heimstätte finden sollen“, vorliegen, vom Assimilanten, mit anderen Worten, was den Juden, der sein Lebenszentrum eben im Judentum findet, von dem Juden unterscheidet, dessen Lebenswille aus dem Judentum herausführt, ist doch gerade ein weit höherer Grad charakterlicher Festigkeit und Entschlossenheit, ein klares Reagieren des Charakters in allen Lebenslagen, weil eben der Assimilant immer konzessionsbereit sich bewußt oder unbewußt bei allen Entscheidungen fragt, was sagen die Anderen, die Nichtjuden dazu. Wir sehen vor allem in den menschlich wundervollen