Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 3 (16.1.1925)
- Date
- 1925-01-16
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103075-9153747--06399-9079108- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
36 Das Jüdische Echo Nr. 3 nung tragen und nicht etwa aus verstiegenen Ideen heraus erwachsen sind. Es hat sich eben am bayerischen Beispiel wieder einmal gezeigt, daß die verbindenden Kräfte im Judentum stärker sind als die trennenden. Diese einmütige Zusammenarbeit ist den Berliner Herren vom C.-V. offenbar etwas unbehaglich geworden. Man wird auf diese Weise von Naumann und den Antisemiten in einen Topf mit den Zionisten geworfen. Um das zu verhüten, muß der C.-V. wieder einmal einen energischen Trennungsstrich ziehen zwischen den braven deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens und den bösen Zionisten. Nur schade, daß dieser Trennungsstrich weder auf Naumann noch auf die Antisemiten irgend welchen Eindruck macht, und vielleicht kommt eines Tages noch ein Übernaumann, der sogar die Naumann-Anhänger mit dem C.-V. und den Zionisten in eine Hölle verdammt und nur für sich selbst einen ganz naturreinen deutschen Patriotismus in Anspruch nimmt. Schon das berühmte Beispiel südfranzösischer Juden aus der Zeit Napoleon des Ersten, die sich selbst als die einzig guten Franzosen, dagegen die Elässer Juden als schlechte Patrioten bezeichneten, hat bewiesen, daß es nicht nur unwürdig, sondern auch nutzlos und unvernünftig ist, wenn eine jüdische Gruppe eine andere anzuprangern versucht. Unter den schweren Lektionen, welche ihnen der Antisemitismus der letzten Jahre erteilte, hatten das die deutschen Juden auch begriffen. Vor allem auch die bayerischen. Wir glauben vom deutschen und besonders auch vom bayerischen Judentum nicht, daß es in so kurzer Zeit die empfangenen Lektionen vergessen hat, daß es wirklich der jüdischen Solidarität untreu werden will. Wenn jetzt der Solidaritätsgedanke vom C.-V. verraten wird, so haben wir keinen Zweifel, daß er die wahre Gesinnung des deutschen Judentums nicht zum Ausdruck bringt. Der C.-V. ist von der großen Masse der deutschen Juden lediglich als Vertretung des gesamten deutschen Judentums im Kampf gegen den Antisemitismus gedacht. Er mißbraucht diese Stellung und die ihm zugeflossenen Gelder, um in unangenehmster Form den Kampf in das deutsche Judentum selbst hineinzutragen. Das ist um so vermessener, als der C.-V. dem aufbauenden Gedanken des Zionismus keinerlei positive Ideen entgegenzustellen hat. Deswegen hat er sogar auf seinem eigensten Gebiet der Bekämpfung des Antisemitismus niemals einen ernsthaften Erfolg erzielen können. Die C.-V.-Zeitung hat es allerdings fertig gebracht, das Abflauen der judenhetzerischen Bestrebungen in verschiedenen Teilen Deutschlands auf das Konto des C.-V. zu buchen. Man muß hierbei an die Geschichte mit dem Hummel-Gottlieb denken, die Thomas Mann in der „Königlichen Hoheit“ erzählt. Der lief zu jedem Zug an den Bahnhof, gab, wenn sich der Zug in Bewegung setzte, ein Abfahrtszeichen und er war dann fest überzeugt, er habe den Zug zum Abfahren gebracht. Wir glauben, daß sich diese unsere Ansicht von der Unproduktivität des C.-V. mit der aller strebenden jüdischen Kreise, insbesondere der Jugend deckt. Wir sind deshalb auch fest überzeugt davon, daß früher oder später die vom C.-V. ins Leben gerufene Kameradenbewegung sich vollständig vom C.-V. abkehren wird. Der C.-V. kann, wenn auch keine Zukunfts-, so doch nützliche Tagesarbeit leisten, falls er sich auf seine eigentliche Aufgabe, die Bekämpfung des Antisemitismus, beschränkt, ohne in innerjüdische Auseinandersetzungen sich einzumischen. Wenn er aber in seiner bisherigen Zersetzungsarbeit fortfährt, dann schadet er unendlich mehr, als er nützt. Das deutsche Judentum aber wird sich von der Richtung, die es im letzten Jahrzehnt eingeschlagen hat, auch von kurzsichtigen C.-V.- Führern nicht abbringen lassen. Zu tief hat im deutschen Judentum der Gedanke Wurzel geschlagen, daß die Weiterentwicklung des Judentums und seine Behauptung im Kampf gegen die äußeren Feinde von der geistigen Erneuerung abhängt, daß diese geistige Erneuerung aber die Pflege aller kulturellen jüdischen Werte und den Aufbau Palästinas unter Mitwirkung des Gesamtjudentums zur Voraussetzung hat. Michael. Wahlkampf und Antisemitismus 1. Das große Plus, das dem Zentralverein von seinen Anhängern und Mitläufern immer wieder gutgeschrieben wird, besteht in seinem unermüdlichen Kampfe gegen den heutigen deutschen Antisemitismus. Zu gleicher Zeit wirft man den Anhängern der Jüdischen Volkspartei höhnisch die Frage ins Gesicht, was sie denn eigentlich zur Bewältigung dieser schwierigsten und gefährlichsten Aufgabe des deutschen Judentums tue. Es gibt viele Parteigänger dieser uns sympathischen und von uns vertretenen Partei, die offenbar direkte Antwort darauf nicht zu geben wissen, so daß es sich lohnt, einmal anzudeuten, oder vielmehr zum hundertsten Male zu wiederholen, was denn eigentlich unsere Absichten in Hinsicht auf den Antisemitismus seien. Das so gestellte Problem hat zwei Abteilungen, wir vmllen sie getrennt betrachten. Die erste, die POBZELL4 \M EDEBLAGE THEATINERSTRASSE 23 gegenüber der Feldherrnhalle