Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 12 (1925)
- Issue
- 1 (2.1.1925)
- Date
- 1925-01-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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lNr. 1 Das Jüdische Echo 5 auch von den Juden selbst hüteten immer einige mit. ' Die Ereignisse dieser Zeit waren nicht tröstlich und umsichtige Leute flüchteten sich nicht ohne Grund. Dennoch gab es auch in anderen Kahal Leute, welche nach einigen Wochen seit Anordnung der nächtlichen Wachen vermeinten: Man dürfe jetzt nicht mehr besorgt sein, und könne der bezahlten Wächter entbehren und habe nicht nötig, selbst Wache zu halten. Es wurde auch dieserhalb im versammelten Kahal beschlossen, daß die Wache nur bis Ende Pessach bestehen solle. In der Nacht auf achar schel Pessach, dieses ist auf den 25. April, rotteten sich ungefähr 40 christliche Einwohner des Ortes zusammen, die waren teils, verheiratet, teils noch ledig und begannen damit, daß sie zuvörderst die von uns bezahlten jüdischen und christlichen Wächter aus der Straße verjagten und dann hingingen und in den meisten Häusern der Juden die Türen einschlugen und die Läden der Fenster erbrachen. Sie waren mit schweren Steinen, mit großen und kleinen Prügeln, mit Äxten und Beilen bewaffnet. Sie warfen durch die zerstoßenen Fenster in die Wohnungen und riefen: „Geld oder Tod!“ Nur in ein Haus, in das Haus des Meier Weil, der mit auf der Wache war, waren die Krawaller eingedrungen. Nachdem sie Türen, Läden und Fenster zerschlagen hatten, zerstörten sie vieles im Hause. Mutter und Tochter, das einzige Kind flohen. Allein die Tochter wurde ereilt und arg geschlagen und gefährlich verwundet. Viele von uns hörten ihr jämmerliches Schreien, allein niemand konnte ihr zu Hilfe kommen. Sie ward wieder hergestellt. Im Hause Wolf Kiefe hatte dieses Gesindel bereits Läden und Fenster zerschlagen und war bemüht, die Türe zu erbrechen. Dieser Mann hatte diesen Leuten auch bereits über 400 Gulden durchs Fenster zugeworfen und gebeten, daß sie von ihm ablassen sollen. Allein sie wollten noch mehr, und warfen schwere Steine in die Stube und trafen die Hausfrau, die längst taub geworden und verwundeten sie gefährlich am Kopfe. Sie ist indess wieder geheilt von ihren Wunden. Bei dieser Gelegenheit wurden auch in der nahe gelegenen Synagoge Fenster zerschlagen und Steine und Prügel hineingeworfen. Auch bei dem Herrn Kirchenvorsteher Salomon Kiefe waren Haustüre, Fensterläden und Fenster erbrochen. Man mußte jeden Augenblick fürchten, die Rotte werde eindringen und das Leben gefährden. Er entfloh daher mit seinem Weibe, seinen zwei Töchtern, seinem jüngsten Sohne, seiner jüdischen und christlichen Magd, durch eine Hintertüre und entkam glücklich nach Bondorf. Einen Knaben von 11 Jahren aber vermißte er, denn es hatte sich dieser aus Furcht auf den Boden geflüchtet und sich daselbst versteckt, und den Ruf der Seinen nicht gehört. In welcher Angst wir alle waren und in welcher Betrübnis diese Leute ihr Haus und Habe verlassen und welche Sorge ihr Herz erfüllte, mag der Leser selber sich denken. Herr Wolf Kiefe hatte während des Tumults vor dem Hause seine jüdische Magd durch eine Hintertür aus dem Hause entsandt, damit sie den Schultheiß zu seiner Hilfe herbeirief. Als die Magd vor dem Hause des Schultheiß angekommen war, und ihn angerufen hatte, machte sich dieser sogleich heraus aus seinem Hause, rief noch einige Bürger herbei und verfügte sich an den Ort, wo der Krawall stattfand. Die Krawaller hörten den Schultheiß kommen und flohen. Nachgefolgt wurde ihnen nicht. Zu dieser Zeit ward es rünig im Ort. Wir gingen aus unsern Häusern bewaffnet mit Äxten, Hämmern, Beilen und dergleichen, und blieben auf der Straße beisammen, um einen möglichen Überfall vereint abzuschlagen. Noch vor Tag gingen drei von uns zu dem Schultheiß und verlangten von ihm ein Schreiben an das Königl. Oberamtsgericht über das, was diese Nacht sich ereignet. Der Schultheiß willfahrte uns und so gingen denn zwei dieser Männer, Herr Hirsch Kiefe, Kirchenvorsteher und Herr Vorsänger und Schullehrer Michael Hirsch mit Tagesanbruch Acharon schel Pessach vor das Oberamtsgericht und drangen in den Beamten, eilig sich an Ort und Stelle zu begeben und für unsern Schutz Sorge zu tragen und Anstalt zu treffen. Noch bevor gedachte zwei Männer vor das königl. Oberamtsgericht gelangten, hatte bereits der erwähnte Herr Salomon Kiefe von Bondorf aus in der Nacht einen Boten mit einem Schreiben an das königl. Oberamtsgericht entsandt und Hilfe für die Zurückgebliebenen dringend verlangt.' Die zwei Männer sprachen nun mündlich vor und das Gericht versprach, alles Mögliche zu unserm Schutze anzuordnen und dieserhalb noch heutigen Tages sich an Ort und Stelle zu begeben. Das Gericht sandte drei Landjäger voraus und folgte selbst nach. Eben kamen genannte Männer von Horb zurück, als Herr Wolf Kiefe und Lehmann Kiefe mit Frau eine Kutsche bestiegen, um nach Stuttgart sich zu begeben, einmal, um in Zukunft daselbst zu verbleiben und auch möglichst durch die höchsten Männer im Staate möglichst für Künftighin unsere Ruhe zu sichern. Die Ehefrau des Erstgenannten mußte, weil sie an ihren Wunden gefährlich krank war, bis zu ihrer Heilung Zurückbleiben. An diesem Tage nun begann die gerichtliche Untersuchung und bereits am folgenden Tage wurden zwei der Verdächtigen nach Horb in das Kriminalgefängnis gebrächt. Hierüber wurden viele christliche Weibsen des Ortes arg aufgebracht, und wurde von ihnen den ganzen Tag hindurch auf öffentlicher Straße arg gemault darüber, daß das Gericht wegen Juden ihre Leute zur Verantwortung ziehen wolle. Auch christliche Männer ließen drohende Worte hören, daß die Haare der Unsrigen zu Berge stiegen. 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