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Das jüdische Echo · 1924-12-26 · 52 (26.12.1924) · p. Seite 487

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
11 (1924)
Issue
52 (26.12.1924)
Date
1924-12-26
Page
Seite 487 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 52 Das Jüdische Echo 457 li LI Hl R ii ■ in rii || f Feuilleton ll ■l Hl! IliljiiM Rasse Von J. Opatoschu. Am Vormittag fiel dünner, trockener Schnee, dann begann es zu frieren und immer stärker und schneidender war der Frosthauch der Luft. Eine Partie Landmesser war auf dem ebenen Gelände verteilt. Da und dort schaufelten sie den Schnee weg, rammten Pflöcke mit kleinen Fähnchen in die frostharte Erde, hüpften von einem Fuß auf den anderen, hoben die Hände und schrien: „Rechts!“ „Links!“ „All right!“ Die Rufe tönten so häufig und hallten so vielfach wieder, daß sie ein Vielfaches von sechs Männern — so viel arbeiteten auf dem Gelände — vortäuschten. Kleine Baumgruppen waren über die Ebene verstreut. Der Schnee hing wie verschlissene Wolle an ihnen; runzlig und krumm streckten sie nackte dürre Äste in die Hähe und standen unbeweglich. Wenn der Frost einen der Landmesser zu arg plagte, faßte er seine Axt und hieb mit ihr auf einen Baum los. Jeder Hieb rollte in langgezogenem Laut über das Schneefeld. Ein bläuliches Feuer saß irgendwo auf dem Schnee, schmolz ihn, verschwand in dichtem Rauch, streckte da und dort blaugraue Flämmchen aus der Hülle und verschwand wieder, Kupferglanz hinter sich lassend. Der Partieführer, ein jüdischer Bursche, stand beim „Transit“, gab Befehle durch Handsignale und sah zufrieden aus, da die Arbeit zu Ende ging; morgen um dieselbe Zeit wird die „Linie“ trassiert sein. Beim langen Stehen auf demselben Platz hatte ihm der Frost so zugesetzt, daß seine steifen Finger kaum mehr die Maße notieren konnten. Er wandte sich zu seinem Nachbarn, der gerade die Ohren mit den Handschuhen rieb: „Was meinst du, John, ist’s genug für heute?“ „Genug, genug! Die Sonne geht unter und der Frost kneipt ordentlich!“ „All right, wir machen Schluß!“ Er packte die Instrumente zusammen, gab Handsignale nach rechts und links, warf den schwarzen Mantel ab, um auf dem Schnee besser gesehen zu werden und signalisierte durch ein langgezogenes „All right“ seiner Partie, daß die Arbeit zu Ende sei. Die Burschen packten hastig ihre Instrumente und nach einer Weile standen alle beim Feuer. „Gehen wir ins Dorf zurück?“ — begann einer. „Zu weit.“ „Wir müssen morgen fertig werden.“ „Deshalb?“ „Vielleicht wohnt ein Farmer in der Nähe; dann übernachten wir bei ihm.“ „Also wozu stehen wir noch da?“ „Gehen wir!“ „Gehen wir!“ Sie luden ihre Instrumente auf die Schultern und setzten sich mit einem „Ragtime“ in Bewegung, um eine Farm zu finden. Der Frost drang durch die Kleider bis an die Knochen, die verschneiten Felder blendeten die Augen und machten müde; es begann dunkel zu werden. Die Partie war bereits einige Wochen unterwegs; geschlafen wurde dort, wo die Arbeit gerade fertig war; selten wanderte man nach einem der Dörfer, welche an der Eisenbahnlinie lagen. Schmutzig, durchfroren und übellaunig schleppten sich die Sechs über die verschneiten Felder und hielten nach allen Seiten Ausschau, ob ein Licht zu sehen sei; ihre schlechte Laune hatte sie sogar vergessen lassen, daß sie morgen frei sein würden, daß jeder zwei Wochen lang werde tun und lassen können, was ihm beliebte. Jetzt aber beherrschte sie alle nur ein Gedanke — so schnell wie nur möglich in einem warmen Zimmer zu sein und etwas Heißes in sich hineinzugießen, etwas sehr Heißes, das die steifen Glieder auftauen läßt. Bleierne Müdigkeit lag auf allen und würe nur einer stehen geblieben und hätte gesagt: ich kann nicht weiter — so hätten alle müssen auf dem Schneefeld übernachten. „Ich bin schon müde vom Koffern!“, brummte einer ärgerlich. „Das ist ja eine Einöde.“ „Gott weiß, wo wir uns verirrt haben.“ „Kommt nur, kommt!“, ermunterte sie der jüdische Bursche. „Wir werden eine Farm finden!“ „Machen wir doch ein Feuer und übernachten wir hier! Ich kann nicht mehr weiter!“ „Wenn du mit steifen Füßen aufstehen willst — einverstanden!“, scherzte der jüdische Bursche, blau vor Kälte. Die Burschen sahen einander wortlos an und schleppten sich weiter vorwärts. Jeden hatte im Innersten seines Herzens, ohne daß er hätte sagen können, warum der Ärger über den „Jew“ gepackt. Ob es deshalb war, weil der „Jew“ die Partie führte oder weil er mehr Lohn bekam, oder weil er so gut aufgelegt war — was es auch sein mochte, jeder versuchte mit ihm anzubinden, um so seine Sorge zu betäuben und zu vergessen. „Wir hätten heute überhaupt nicht hinaus dürfen“, begann einer. „Am Morgen hat es nicht gefroren“, antwortete der Jude. „Aber es hat geschneit“, entgegnete ein zweiter. „Was tut das?“ „Wenn es schneit, wird nicht gearbeitet!“ „Für eine Privatfirma arbeiten, das ist das Ärgste!“ „Man soll nur für den Staat arbeiten!“ „Wer hindert euch daran?“, warf der Jude ein. „Ah, der ist aber bockig! Du bist nicht der Chef!“ „Bei der Arbeit bin ich es!“ „Ja, bei der Arbeit freilich.“ „Also, was hetzt du?“ „Weil ich nicht unter einem Juden arbeiten will.“ „Es zwingt dich keiner dazu.“ „Ich werde auch nicht mehr arbeiten.“ „Dann arbeite nicht!“ Der Jude bebte vor Erregung. Er fühlte es, wenn sie nicht bald eine Farm finden, so würden ihn die Fünf erschlagen. Er war jeden Augenblick darauf gefaßt, daß sich einer auf ihn stürze. Ein Gedanke quälte ihn: Woher dieser Haß? Ich war ihnen die ganze Zeit ein guter Kamerad, habe gearbeitet wie sie, gefroren wie sie... Kommt der Haß nur daher, weil ich Jude bin? Hundegebell. Alle blieben mit einem Ruck stehen, um zu erkennen, von welcher Seite das Bellen kam. Da — zwischen den Bäumen ein Licht in einem Fenster. Fröhlich rannten sie vorwärts, der Farm zu. Der Bursche, welcher gesagt hatte, er wolle nicht unter einem Juden arbeiten, stand plötzlich neben dem Partieführer. „Darf ich Ihnen den Instrumentenkasten tragen? Sie frieren ...“ „Es ist nicht so arg; die kurze Strecke geht es noch“. Der Jude machte eine verneinende Handbewegung und ging weiter, den Instrumentenkasten in der Hand. Er empfand: Hier würde es nie Gemeinsamkeit geben; das Gefühl der Kameradschaft war ein Irrtum ... Und bitter Feindseliges stieg in ihm auf... (Autorisierte Übertragung aus dem Jiddischen von Siegfried Schmitz.) („Wr. Mgztg.“)

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