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Das jüdische Echo · 1924-12-05 · 49 (5.12.1924) · p. Seite 435

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
11 (1924)
Issue
49 (5.12.1924)
Date
1924-12-05
Page
Seite 435 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 49 435 Das jüdische Echo Vergangenheit zu verlieren, statt ein Kulturfaktor zu sein, ein Hort der Unkultur zu werden. Die rüde antisemitische Bewegung, wie sie seit langer Zeit in Wien bestellt und, von Norddeutschland kultviert, sich seit wenigen Jahren auch in Bayern zu einer schweren Gefahr auswirkt, betreibt jetzt den Ausschluß der jüdischen Mitglieder aus dem Alpenverein. Insbesondere handelt es sich um den Auschluß der Sektion Donauland, die sich notgedrungen in Wien bildete, um den nicht antisemitischen Mitgliedern einen Vereinigungspunkt zu gewähren. Am 14. Dezember soll in München über diesen Ausschluß Beschluß gefaßt werden. Ein solcher Beschluß würde einen glatten Sieg des Antisemitismus im Alpenverein bedeuten. Wertvollste Kräfte würden ihm verloren gehen. Ich selbst, der ich seit 30 Jahren Mitglied des Alpenvereins (Sektion Breslau) bin, habe von jüdischen Mitgliedern und solchen jüdischer Abstammung wertvollste wissenschaftliche und alpinistische Vorträge gehört oder literarische Beiträge gelesen. So wenig auf irgend einem Gebiet deutsche Kultur der Mitarbeit jüdischer Mitbürger entraten kann, so wenig vermag dies auch der Alpinismus. Zersplitterung der Kräfte durch Gründung losgelöster besonderer Sektionen würde die Auswirkung der antisemitischen Bewegung im Alpenverein sein. Auch der Besuch der Alpen würde durch den Sieg des Antisemitismus stark leiden, wie sich dies schon im letzten Jahre in den bayerischen und österreichischen Alpenorten bemerkbar machte. Die Abwanderungen nach der Schweiz solcher Alpinisten, die sich durch dieses Treiben angewidert fühlen, wird immer stärker werden, was bei der wirtschaftlichen Lage Deutschlands sehr bedauerlich wäre. Ein schreiendes Unrecht würde allen jüdischen Mitgliedern des Alpenvereins zugefügt, welche seit Jahrzehnten die Mittel für die Erschließung der Alpen aufgebracht haben.“ Österreich „Wiener Pogromjustiz“ Wien. (J.T.A.) Die Affäre des nach seiner Verurteilung wegen angeblicher Warenfälschung freiwillig aus dem Leben geschiedenen jüdischen Apothekers Linsker beschäftigt noch immer die Öffentlichkeit. Der Verteidiger Linskers, Gemeinderat Dr. Leopold Plaschkes, veröffentlicht Enthüllungen über den Verlauf der Untersuchung und des Prozesses, aus denen hervorgeht, daß Sachverständige und Richter darin einig waren, den „ostjüdischen Apotheker“ zu erledigen. Die „Wiener Morgenzeitung“ veröffentlicht unter der Überschrift „Die Wiener Pogromjustiz“ einen Artikel zum Fall Linsker, der mit folgenden Worten schließt: „Es ist kein Einzelschicksal, das Leben und Sterben des Apothekers Raphael Linsker. Es ist das typische Symptom der Heuchelei, der satten Tugend und der boshaften Judenverketzerung, ein Fall aus der Judenjustiz, die sich hier gebildet hat und darin besteht, daß Gesetz und Recht bei allem und jedem die Gretchenfrage nach der Religion stellen. Nicht daß gestraft wird, sondern wie gestraft wird, ist das Kriterium dieser niederträchtigen Tartüfferie, die sich nicht genug freuen kann, wenn ein jüdischer Sünder sich in das Spinnennetz ihrer Paragraphen verfängt. An dieser Judenjustiz und an ihrer von Woche zu Woche sich steigernden Tobsucht kann man am besten die vom antisemitischen Bazillus verursachte Fäulnis der so gerechten und sittlichen Gesellschaft erkennen, die eben erst die Aufsicht über die Übung des Gesetzes in die Hände des Options-Waber, des Werkzeuges der waffenklirrenden Hitlerianer, gelegt hat. Die Sanierung der Seelen ist in vollstem Gang und der Grabstein für Raphael Linsker ihr Meilenzeiger.“ Tschechoslowakei Dr. Weizmann kommt nach der Tschechoslowakei Prag (J.T.A.). Der Präsident der zionistischen Weltorganisation, Dr. Chaim Weizmann, hat die endgültige Zusage gegeben, einen Besuch in der Tschechoslowakei zu machen. Er wird sich in Prag auf halten und an der Tagung der tschechoslowakischen Keren Hajessod-Zeichner teilnehmen, die am 10. und 11. Januar in Brünn stattfindet. Die Prager „Selbstwehr“ schreibt dazu: „Die Nachricht wird nicht verfehlen, in den breitesten Kreisen der jüdischen Bevölkerung unseres Landes das lebhafteste Interesse zu erwecken, ist es doch das erste Mal, daß der Präsident der Organisation — abgesehen von seinen Aufenthalten in Karlsbad anläßlich der Kongresse — in der Tschechoslowakei zu Gaste ist. Es ist anzunehmen, daß der Empfang Weizmanns sich zu einer gewaltigen Kundgebung der lebhaftesten Teilnahme an dem Aufbau der jüdischen Heimstätte in Palästina und der großen Verehrung für den unermüdlichen und erfolgreichen Führer gestalten wird.“ Rußland Zar Nikolaus und die Juden Der berüchtigte ehemalige General-Kommissarow, den man für zahlreiche blutige Pogrome auf Juden verantwortlich macht, veröffentlicht jetzt in „New-York Times“ seine Erinnerungen und erzählt hierbei die folgende Episode, die das Verhältnis des Zaren Nikolaus II. zu den Juden beleuchtet: „General Dratschewsky, damals Gradonatsclialnik von Rostow, erschien einmal vor dem Zaren zur persönlichen Berichterstattung. Im Verlauf der Unterhaltung sagte der Zar: „Wir haben in Rußland zu viel Juden“. Darauf antwortete der General, daß zahlreiche Juden in den Pogromen und unter den Maßnahmen gegen die Revolutionäre umgekommen sind. „Das ist nicht genug,“ sagte der Zar voll Unmut; „ich erwartete, daß noch mehr umkommen.“ General Dratschewsky verneigte sich und sagte: „Majestät, ich weiß nun, was ich zu tun habe.“ Am kaiserlichen Hofe, so erzählt General Kommissarow weiter, war das Schimpfen auf Juden eine Art Sport- und Zeitvertreib. Alle unangenehmen Vorfälle schob man den Juden in die Schuhe, vor allem aber die radikale Bewegung, vor welcher man bei Hofe eine heillose Angst hegte. Der kommunistische Kampf gegen den Zionismus Riga (J.T.A.). In zahlreichen Städten halten die jüdischen Sektionen der kommunistischen Partei Versammlungen ab, mit dem Zweck, die zionistischen Stimmungen unter den jüdischen Massen zu bekämpfen. Es werden angebliche Briefe von Juden, die nach Palästina gegangen sind, verlesen, in denen über Arbeitslosigkeit, Hunger und allgemeine schlechte Zustände geklagt und vor weiterer Wanderung nach Palästina gewarnt wird. VERSICHERN SIE LEBEN UND ElQiNTUM Versicherungsgeschlft Dr. Ettlnger, Agnesstr. 47, Telefon 31792

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