Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 48 (28.11.1924)
- Date
- 1924-11-28
- Page
- Seite 423 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 48 Das Jüdische Echo 423 kräftiger Männer die Schienen hinuntergleiten, zum Tagewerk bereit. Es war etwas in ihrem Gang und Gehaben, was von dem Aussehen gewöhnlicher Taglöhner abstach. „Chaluzim“ ging es durch meinen Sinn und ich sprach das Wort aus. —> „Richtig!“ sagte mein Nachbar mir gegenüber, ein schwarzbärtiger Mann, der wie ein Kaufmann aussah, „nicht währ, es ist nicht schwer zu erkennen?“ Ich sah den starken, sich entfernenden Gestalten genau nach. „Nein,“ antwortete ich, „es ist nicht schwer, die Herren des Bodens zu erkennen“. Später am Tage, als der Zug aus Ludd abfuhr und sich gen Jerusalem wandte, sah ich noch mehrere solcher Gruppen. Und als ich am Bahnhof in Jerusalem ausstieg, erfüllten zwei Dinge meine Augen und meinen Sinn: Die Stationsbezeichnung auf Hebräisch, Arabisch und Englisch, und die Pioniere der Heimat — der wachsende Körper der kräftigen Pioniere, der wiedererwachende Geist der hebräischen Sprache. „Die Berichte über Palästina sind alle wahr“, rief ich, „die hebräische Sprache, die Chaluzim! Dies alles bedeutet Erlösung!“ 2. Zuhause. Ich ging nach Jaffa, wo die Landung der Immigranten vor sich geht. Die Landung in Jaffa ist eine aufregende Sache. Mehr als einmal wird einem angst und bange, wenn die Boote, die arabische Bootsleute mit einem pfahlartigen Ruder steuern, zwischen den Felsenriffen, die in diesem sogenannten Hafen verstreut sind, hin und her geschleudert werden. Es wurde mir erzählt, daß man in Jaffa auf den Bau eines richtigen Hafens hofft und daß dieser Wunsch bald in Erfühlung gehen werde. Andererseits gibt es auch Palästinenser, die glauben, daßlogischerweise Haifa den Haupthafen des Landes erhalten sollte. Ich machte die Bekanntschaft eines jungen Chaluz aus Rumänien. Er sprach fast perfekt englisch. Er erzählte mir, daß er lieber in Palästina Steine klopfen, als in Bukarest in Luxus und Behagen leben will. Ich wußte, worauf er anspielte. Ich hatte von den unbarmherzigen Verfolgungen gelesen, denen die jüdischen Studenten in Rumänien und anderen Ländern ausgesetzt sind. Der numerus clausus macht das Leben einer großen Anzahl der besten und hoffnungsvollsten jungen Männer zu einer Sackgasse. Würde dieses Land — so fragte ich mich — ihrem Leben wieder Aussichten eröffnen? Am nächsten Tage ging ich, begierig zu wissen, was aus ihm geworden war, in ein gewisses Büro, wie man es hier nennt; von dort schickte man mich zu einem Platz außerhalb Jaffas, einem Zeltlager, wo ich meinen jungen Freund wiederfand. Er lag ausgestreckt im Schatten seines Zeltes und sagte mir, er fühle sich wie Milton, als er „Das wiedergefundene Paradies“ schrieb. „So haben Sie das Paradies zurückgewonnen?“ bemerkte ic'h. Er lachte und sagte, daß „man“ ihm bei einer Arbeitergruppe, die in einigen Tagen zu Trockenlegungsarbeiten irgendwohin nach Galiläa hinausginge, Beschäftigung versprochen habe. „Das wird das Paradies sein“, rief er plötzlich. Ich wollte gern wissen, wer „man“ wäre und was dieses Zeltlager im allgemeinen vorstelle. Da hörte ich, daß das Lager eine vom Keren Hajessod unterhaltene Einwanderer-Aufnahmestation wäre, in der die Chaluzim bleiben, bis man für sie Arbeit findet. Es gibt einem ein willkommenes Gefühl der Sicherheit, von einer solchen organisierten Hilfe zu hören. „Gut“, sagte ich zu meinem jungen Freund, „Sie sind also Gast des Keren Hajessod.“ „Ich bin kein Gast“, antwortete er, ,in Palästina bin ich überall zuhause“. 3. Häuser in der Heimat. Ich muß gestehen, daß ich in Jaffa nichts fand, was meinen Durst nach Neuem stillte. Araber, die mit jenem Anstand und jener Würde, die europäische Kleidung niemals verleiht, durch die engen Straßen schlendern, hatte ich schon früher gesehen. Ein lässiger Kampf zwischen dem lässigen und verfallenden „Alten“ und dem fieberhaften Ehrgeiz des „Neuen“ macht gewiß in Jaffa Fortschritte. Aber das „Alte“ scheint vorläufig noch das Übergewicht zu haben. Aber siehe da! Heute besuchte ich Tel Awiw und da habe ich die Vorherrschaft des „Neuen“ entdeckt. Es ist sonderbar, sich nach der orientalischen Enge und dem Schmutz Jaffas auf einmal in diese glänzende, saubere, weiße und moderne Stadt versetzt zu finden. Es kommt einem vor, als ob das „Neue“ des Kampfes mit dem „Alten“ müde geworden sei und sich entschlossen habe, sich selbständig zu machen. In Tel Awiw kam ich mir nicht wie in einem jüdichen Viertel oder Ghetto vor, sondern wie in einer jüdischen Stadt mit einer jüdischen Stadtverwaltung, mit modernem Aussehen, neuen Gedanken und fortschrittlichem Geist. Kein Wunder, daß die Obligationen von Tel Awiw an .der New Yorker Börse aufliegen. Bauen, bauen, bauen! Man baut in Tel Awiw und Umgegend. Die Straßen der Stadt wenden sich mehr und mehr der See zu. Im Norden und Osten entstehen neue Vorstädte. Da ist das Nordau- und das Borochow-Viertel, in dem sich eine vortreffliche Lehrfarm für Mädchen findet. Ich sprach mit einem würdig aussehenden Juden, der sich bei einem im Bau befindlichen Hause zu schaffen machte, und hörte, daß er das Haus bewohnen würde. ' „Nun, Herr Nachbar,“ sagte ich, „was ist das für ein Gefühl, sich in der Heimat ein Haus zu bauen?“ Er lächelte, wischte sich die Stirn und erwiderte: „Es dauerte vier Jahre, bis ich so weit war.“ „Also bis Sie hier reich geworden waren“, lachte ich. „Ich bin so arm, wie ich war“, antwortete er. „Der Unterschied ist nur der, daß inzwischen die Allgemeine Hypothekenbank gegründet wurde und ich in der Lage war, ein Darlehen zu erhalten.“ Bei der Errichtung dieser Bank spielte amerikanisches Geld eine führende Rolle; denn sie wurde aus einigen der ersten Fonds gegründet, die der Führer der Zionisten, Dr. Weizmann, in den Vereinigten Staaten vor 2 oder 3 Jahren für den Keren Hajessod aufbrachte. Hunderte von Wohnhäusern und anderen Gebäuden verdanken dieser Bank ihr Entstehen. Man baute sie sowohl in den Kolonien wie in den Vororten und Städten. Der Mann beklagte sich, daß es keine leichte Sache sei, ein Hypothek-Darlehen zu bekommen. „Vielleicht hat die Bank nicht allzuviel Geld zur Verfügung“, bemerkte ich. „Richtig“, sagte er, „ich glaube, ich sollte meine Klage nicht an die Bank, sondern an die Juden der ganzen Welt und besonders an Euch amerikanische Juden richten. Jedoch das Geld, das ic'h erhielt, ist wirklich amerikanisches Geld und sogar die Ziegel, die ich verwende, sind hier von Amerikanern hergestellt. Ich glaube, wir brauchen Amerika, ebenso wie wir England brauchen.“ ocrMDen sie Smyrna*Flamme“ zu 10Pfa. mit Strobmunbftöck in eleganter Bfedipackung 5igarettenfabrik Dibolb, Tllöndien