Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 48 (28.11.1924)
- Date
- 1924-11-28
- Page
- Seite 416 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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416 Da* Jüdische Ecd© Nr. 48 verfolgten jüdischen Volke gegenüber Verpflichtungen hat. Die allgemein politische Situation fcter Gegenwart gibt uns vorläufig die Möglichkeit, im Sinne des Palästina-Mandats in Erez Israel zu arbeiten. Es ist fraglich, ob diese günstige politische Situation jahrzehntelang anjdauern wiifcj. Darum; heißt es, die Zeit nützen. Bisher ist leider im Verhältnis zu dem, was notwendig ist, ,<und was wir erhofft haben, viel zu wenig geschehen. Es muß anders werden. Sieben Jahre sind seit der Balfour-Deklaration und vier Jahre seit der Errichtung einer Zivil- Verwaltung in Palästina verstrichen. Innerhalb dieser Zeit hat es wohl von zionistischer Seite nicht an Anstrengungen gefehlt, zu einem modus vivendi mit den Arabern in Palästina zu gelangen. Leider sind diese Anstrengungen, wiewohl sie nicht vergeblich und völlig nutzlos waren, von keinem durchschlagenden Erfolge gekrönt worden. Auch in dieser Hinsicht liegt vor den Zionisteni eine schwere und bedeutungsvolle Aufgabe. Es ist unsere tiefe Überzeugung, idaß man sie zu lösen vermag. Man muß an sie mit einem neuen Geiste und unter neuen Ge«* sichtspunkten herantreten. Es muß den Arabern klar werden, daß wir nicht als Eroberer und Unterdrücker in das Land kommen wollen, sondern als Mitarbeiter und Kameraden, deren Interesse am Aufschwung des Landes mit den Interessen der arabischen Bevölkerung parallel läuft. Es handelt sich hierbei darum, alle Vor*» Stellungen von Staat und Zusammenleben verschiedener Nationalitäten auf fcinem Gebiete, wie sie in einem großen Teile Europas üblich sind, über Bord;zu^ werfen. Wir wollen nicht auf Kosten und zum Schaden der Araber unser Heim errichten. Wir wollen neue Werte schaffen, deren Ertrag uns und den Arabern zum Wohle gereichen (soll. Wenn der Bericht der Mandatskommission dazu beitragen wird, die zionistischen Hirne und Herzen im iSinne der oben berührten Forderungen aufzurütteln, dann ist er ein heilsames Memento gewesen. M. Waldmann. Die jüdische Schule In Fortsetzung der Diskussion bringen \vk heute den anschließenden Artikel. Mit unserer nächsten Nummer werden wir die Erörterungen vorläufig zum Abschlüsse bringen. Diese Nummer wird nochmals ganz der Schulfrage gewidmet sein. D. Red. 2. Die jüdische Volksschule in München. Hauptsächlich die in meinem ersten Aufsatze dargelegten Gründe veraniaßten vor Jahren eine größere Anzahl von Gememdemitgliedern, die Gründung einer jüdischen Volksschule in München anzuregen. Da sich die Mehrheit der Mitglieder der Gemeindevertretung gegen die Schule aussprach, sah sich der Verein „Ohel Jakob” veranlaßt, die Sache unter seinem Namen durchzuführen. Die behördliche Genehmigung zu erhalten, wäre der Kultusgemeinde nicht schwer gefallen. Denn in Bayern muß überall Ma, wo tmindestens 10 schulpflichtige Kinder eines Bekenntnisses vorhanden sind, auf Antrag der Erziehungsberechtigten eine Bekenntnis-Sonderjschule (gleichfalls eine ausschließlich bayerische Einrichtung) geschaffen werden. Als Unternehmer der jüdischen Schule ist die Kultusgemeinde vorgesehen. Nachdem diese im vorliegenden Falle versagte, das Kultusminisiterium sich aber der Berechtigung unserer Ansprüche nicht verschliessen konnte, wurde dem „Ohel Jakob“ durch Ministerialentschließung in dieser Angelegenheit die Eigenschaft einer Kultusgemeinde zugesprochen. Damit war uns die Möglichkeit gegeben, vor Inkrafttreten des neuen Reichsschulgesetzes, welches voraussichtlich die Schaffung neuer Bekenntnis-Sonderschulen nicht mehr ermöglichen •wird, in München eine jüdische Bekenntnis-Sonderschule zu gründen, das ist eine Schule öffentlichen Charakters, welche gleich den städtischen Volksschulen der Stadtschulbehörde, der JKreisregierung und dem Kultusministerium unterstellt ist, deren 'Lehrer Staats angesftellte sind und vom Staate besoldet werden, und deren Plan, wie bei allen anderen öffentlichen Schulen, von der Schulbehörde aufgestellt ist. Der Sachbe'darf ist, ähnlich wie bei den städtischen Schulen, von der Stadtgemeinde, bei unserer Schule vom „Ohel Jakob” zu tragen. Der einzige Unterschied zwischen städtischen Schulen und Bekenntnis-Sonderschulen besteht darin, daß wir dem Staate ein Fünftel der Lehrergehälter zu ersetzen haben, während diese Vergütung bei der Stadtgemeinde entfällt. Es könnte nun scheinen, daß unsere Schule infolge des Umstandes, daß der allgemeine Lehrplan der Volksschulen auch für sie gilt, nicht das Gepräge einer jüdischen Schule haben kann. Freilich, was man im Volksmunde unter einer „Judenschule“ versteht, ist sie gewiß nicht. Peinlichste Ordnung, Sauberkeit und Pünktlichkeit Zeichnen gerade unsere Schule, das kann man nach der kurzen Zeit ihres Bestehens ruhig sagen, aus. Der Geist aber, der in unserer Schule herrscht, ist echt jüdischer Geist. Das empfinden auch Kinder aus Familien, in welchen die Erziehung bisher wenig auf das Jüdische eingestellt war. Dies findet auch die Anerkennung jener Eltern, welche nicht dem Kreis des „Ohel Jakob” angehören. Denn /keine „orthodoxe Schule” ist unsere Schule. Wessen Herz für das Judentum schlägt, mag er unter Judentum eine Glaubensgemeinschaft, eine Volksgemeinschaft oder eine Leidensgemeinschaft verstehen, der mag uns sein Kind schicken und wiird es bei uns gut aufgehoben und in seinem Sinne erzogen sehen. Nur jene Juden, welohen das jüdische Gewissen abhanden gekommen, sie mögen ihre Kinder weiter in fremde Bekenntnisschulen oder in Simultanschulen für beide christlichen Bekenntnisse schicken. Und worin gibt sich die jüdische Einstellung trotz des allgemeinen ,Lehrplanes zu erkennen, da die dem Religionsunterrichte zuzuwendende Zeit nicht über die im Lehrplane der Volksschule vorgesehene ausgedehnt werden kann? Auch die sonstigen Lehrgegenstände bieten reichliche Gelegenheit, jüdische Stoffe zu behandeln. An Stelle des Christkindes und des Ostereis werden unsere Kinder im deutschen Aufsatze Chanukka und den Seder besprechen. Die Heimatkunde wird weniger Wert auf den „alten Freithof am PetersbergT” und auf die Frauenkirche legen, sie wird den Kindern vom Judenfriedhofe bei Moosach und von der alten Synagoge in der Gruftstraße erzählen, in welcher im Jahre 1285 180 Juden als Opfer einer Ritualmordlüge den Märtyrertod erlitten haben. Unsere Synagogenmelodien werden Gegenstand des Gesangsunterrichtes werden. Mußj ein solcher Unterricht nicht