Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 47 (21.11.1924)
- Date
- 1924-11-21
- Page
- Seite 400 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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400 Das Jädische Echo Nr. 47 für das Aufbauwerk unentbehrlich sind und daher stets an erster Stelle zu stehen haben, wenn es sich darum handelt, die Einwanderung: zu fördern. Man sollte denken, daß kein Mensch hiergegen etwas einzuwenden haben kann. Hören wir den „Israelit“: Solange jedes Schiff einen Nachschub von radikalen Freigeistern brachte die in ihrem Herzen, wie in ihrem Leben den Gott Israels entthront und an seine Stelle den Götzen der hebräischen Sprache und den Kultus des modernen Nationalismus gesetzt haben, war alles in schönster Ordnung.. wie aber, wenn allmählich 10 000 chassidische Familienhäupter, z. B. agudistisch infiziert, also auch politisch nicht mehr gänzlich willenlos, ins Lond kommen und sich einige Rücksicht in Gesetzgebung und Verwaltung erzwingen, altjüdisches gar chassidisches Gemeindeleben aufpflanzen und das gefürchtete „Cheder“ wieder aufleben lassen vollen? Das ists, was in Rüssel Street wie in der Sächsischen Straße schlaflose Nächte bereitet. (NB. Die Büros der Zionistischen Vereinigung für Deutschland befinden sich seit nahezu Jahresfrist in der Meinekestraße, sodaß die schlaflosen Nächte der Sächsischen Straße schon wegen örtlicher Unzuständigkeit abgewiesen werden können.) Um das vom „Israelit“ gewünschte altjüdische Familienleben mit Cheder und sonstigem Komfort zu genießen, würde es allerdings nach unserer Meinung genügen, nach Warschau zu gehen, wo trotz der Unzahl von dort lebenden Juden die Stadt nach dem Urteil all derer, die sie kennen, $o wenig jüdisch ist, als irgend eine deutsche Stadt. Wir legen tatsächlich keinen Wert darauf, auch in Palästina das Luftmenschentum, wenn es auch vom artistischen Standpunkt aus gesehen ganz interessant sein mag, zu fördern und interessieren uns mehr dafür, bodenständiges, selbstbewußtes Judentum wieder neu zu schaffen, als. Doch das weiß man ja in Frankfurt auch und man ergreift eben nur freudig jede Gelegenheit, um in das Lieblingsinstrument der Agudah, die Posaune, zu stoßen. Die Mauern Jerichos werden, so hoffen wir zuversichtlich, trotz dieser furchtbaren Töne nicht zum Einsturz kommen und leider ■— ganz aufrichtig leider — werden wir in der nächsten Zeit auch keine 10 000 chassidische Familienväter, ob .nun infiziert oder nicht, in Palästina einwandern sehen. * Und doch scheint es uns, als ob eigentlich die Musiker in all diesen verschiedenen Orchestern ihrer Einstellung und ihrem Können nach gar nicht so sehr von einander verschieden wären. Das Material ist doch letzten Endes das gleiche und die Begabung, überall durchaus keine schlechte. Nur ,zu viel Kapellmeister, so möchten wir glauben, gibt es bei uns. Jeder möchte seine eigene Nuance der großen Simfonie aufdrücken, die das jüdische Volk nun schon in den 2000 Jahren seiner Verbannung spielt, jeder möchte die Oberstimme spielen und die Begleitung einem andern überlassen. Dies ist der letzte Grund dafür, daß keines dieser Orchester in schönem Zusammenklange reicher Harmonien zu spielen vermag. Der Palästinagedanke kann und muß, richtig verstanden, die leitende Idee, die das große Orchester des Judentums in der ganzen Welt beherrscht, sein. Niemand, der sich wirklich für die jüdische Gemeinschaft verantwortlich fühlt, kann sich ihr verweigern, entziehen. Daran zu arbeiten, daß Erez Israel mehr und mehr in den Herzen derer, die sich als Juden fühlen, durchsetzt, werden wir — unbeirrt durch zeitliche, widrige Erscheinungen, nicht müde werden. Li—r. Ein jüdisches Museum (Von J. Strauß, Lehrer in Fürth i. B.) Auf dem Bahnhof in B. begrüßte mich ein befreundeter jüdischer Herr, der soeben von Frankfurt gekommen war. Er hatte in der alt-vornehmen Mainstadt alle Sehenswürdigkeiten besucht, die jemand kennen muß, um zur gebildeten Menschenklasse zu zählen, war im Städelschen und Völkermuseum gewesen, in Filzpantoffeln durch die Römersäle gehuscht, hatte in der Paulskirche ergeben dem Führer gelauscht, wenn er erklärte: Hier stand dieses und da saß jener. Nicht zu vergessen: Goethehaus und -Museum. Auf meine Frage, ob er denn auch an das jüdische Museum gedacht, bekam ich nur einen erstaunten Blick. „Ja, gibt es denn so was überhaupt? Was? Wo? Wie? usw. Freilich, lieber Freund, sowas existiert, nur wissen leider sehr wenige von den vielen Juden, die nach F. kommen, irgend etwas von seinem Dasein, ja selbst alteingesessene Frankfurter machtten verwunderliche Gesichter, wenn man vom Museum sprach. Man kennt wohl das prächtige Geschäftshaus der Rothschilds, aber nicht die schönen jüdischen Sammlungen, die in den ehemaligen Kontorräumen der Rothschilds untergebracht sind. Fahrgasse 146, bitte, eine Treppe hoch, wenn Sie wieder mal nach Frankfurt kommen. Der Eintrittspreis von einer Mark wird sich reichlich lohnen. Von den Wänden herab blicken die Porträts der Rothschildschen Familie und eine ganze Kulturperiode zieht vor unserem Geiste vorüber, angefangen von dem einfachen Juden bis zu den Finanzgewaltigen, die heute in aller Welt zerstreut leben. — Auch die Sammlungen entrollen ein Bild vergangener Zeiten, wo der vornehme, wohlhabende Jude in der abgesperrten GaSse noch seinen Stolz darein setzte, Dinge des religiösen Lebens aufs schönste herstellen zu lassen, während die Neuzeit eine gewisse Gleichgültigkeit in dieser Beziehung erkennen läßt. Lieber Freund, du wirst ungeduldig, weil ich dir noch nichts erzählt habe von den Dingen, die sorglich unter Glas und Kasten verwahrt sind, von den zahlreichen Abbildungen alter Synagogen, z. B. Kirchheim, Kleinerdlingen, Horb, Schondra, Geroda, Bechhofen u. v. a. Da hängen an der Wand noch die zwei gepolsterten Sitze, auf denen Rothschilds am 9. Ab zu ebener Erde saßen. Da steht eine uralte Brismilobank, die aber nicht mehr taktfest ist. Dicht daneben bewundert man Pergamentrollen, Megillos mit Verzierungen, Randbildern, teilweise in hübscher Kolorierung. Unter den Kapseln, in denen sie einst zur „Schul“ getragen wurden, sind geradezu herrliche Stücke aus Silber, Elfenbein und Holzschnitzerei. Illustrierte Hagadahs aller Art, Machsorim, eine Maimonides-Handschrift mit Miniaturbildern, vielleicht schon 400 und mehr Jahre alt; Vorhänge, Thoramäntel, Thoraschmuck, Wimpeln, an denen sich der Wimpelmaler noch heutigen Tages manches abschauen könnte, ein hölzenrer Almemor aus Leimen bei Heidelberg. Unter den Chanukalampen aus Ton, Messing, Silber und Gold bestaunt man die Schaftmenorah aus dem 16. Jahrhundert. Jedes Lämpchen trägt eine Tierfigur, der Schammes einen Krieger, und die Krone des Ganzen bildet ein Soldat, dessen eine Hand das abgeschlagene Haupt des Holofernes, die andere das Schwert hält. Nicht vergessen seien Sabbatlampen aus Bronze, Messing, Silber, Sederschüsseln und Decken, Purimschüsseln auis Zinn und Fayence, Mesusos, Amulette, Kiddusch- und Hawdalohbecher. Eine Bromimbüchse zeigt auf Email acht biblische Bilder. Endlich Waschbecken