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Das jüdische Echo · 1924-11-14 · 46 (14.11.1924) · p. Seite 391

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
11 (1924)
Issue
46 (14.11.1924)
Date
1924-11-14
Page
Seite 391 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 46 Das Jüdische Echo 391 Feuilleton Ein königlicher Henker Von Wilhelm Taubert (Frankfurt a. M.). „Debita animadversione puniendum.“ — Er soll bestraft werden, wie er es verdient hat. Mit dieser befehlenden Auslieferungsformel übergab die Inquisition die Delinquenten der weltlichen Macht. Diese mußte Gevatter stehen, die Fackel anzünden. Alles übrige besorgte das heilige Ofiz selbst. Tausende und abertausende Juden bestiegen den Scheiterhaufen. Nicht staatserhaltend sollte ihr Tod wirken. Durch sie konnten Religionskriege nicht entstehen. Gemeinste Geldgier, bestialische Schaulust waren die Motive. Scheiterhaufen sollten hohe Feste krönen. Am 30. Juni 1680 zündete höchsteigenhändig Carl II. den Scheiterhaufen an. Es war sein Hochzeitsfest! Schwach und hinfällig, mit 19 Jahren ein Greis, führte Carl auf Wunsch des Volkes die französische Prinzessin Maria Louise von Bourbon heim. Trotz des rohen Benehmens und der Beleidigungen, denen die junge Königin bereits in den Flitterwochen seitens ihres schwächlichen und abgelebten Gemahls ausgesetzt war, nahmen die Hochzeitsfeie,rlichkeiten kein Ende. Seit Wochen war das Auto-da-fe vorbereitet, Tribünen wurden für das Volk gezimmert. Für die Majestäten und Granden waren Logen gebaut. Inzwischen hatte Carl die Vermögen de.r Unglücklichen konfisziert und sie mit dem heiligen Ofiz redlich geteilt. Nun nahte der verhängnisvolle Tag. Die Gemarterten waren aus dem ganzen Reich herbeigeschleppt. Samstag den 29. Mai kamen die letzten Opfer nach der Residenz. Dunkle, modrige Kerker nahmen die Brandopfer für die letzte Nacht auf. Die Madrider schliefen nicht. Man lief hin und her. Wollte Nachrichten erhaschen. . . . Werden sie, die Verfluchten, widerrufen? Dann käme man um das Spiel. . . . Die Inquisitoren hatten viel Arbeit. Sie erhielten Absolution, redeten zu, bekehrten. Gatten und Kinder — nach jahrelanger Trennung — durften zu' den Verurteilten in die Kerker. Auch sie sollten dem Bekehrungswerk nutzen. Das kurze Urteil, das ein Inquisitor einem jeden vorlas, lautete: „Bruder (Schwester),, du bist erkannt, dein Verbrechen ist groß und muß bestraft werden, morgen mußt du sterben und damit du sterben kannst •—■ hier sind die Beichtväter.“ Aus Furcht vor dem Tod od'er beeinflußt durch Kinder und Verwandte bekehrten sich viele. Als der Morgen graute, wußten die Inquisitoren, wie viel Seelen sie gerettet hatten. Es begann nun das Einkleiden der Verbrecher. Um 6 Uhr setzte ein dumpfes Geläute ein. Die Prozession setzte sich in Bewegung. Heller Fackelschein leuchtete über den Grausen erregenden Aufmarsch. Den Zug eröffneten hundert Köhler. Sie lieferten das Brennmaterial für den Scheiterhaufen. Sie sind mit Piken und Musketen bewaffnet. Ihnen folgt ein schwarz vermummter Schwarm von Dominikanern. Ein alter Priester trägt das Cruz verda, das grüne Kreuz. Es ist schwarz umflort. Da, auf einmal ein ohrenbetäubendes „Viva la fe“. Die Menge erblickt die zu verbrennenden Bilder. 34 lebensgroße Bilder teils im Kerker verschmachteter, zum Teil entflohener Juden, von Henkersknechten getragen. Jedes Bild trägt in großen Buchstaben den Namen des Dargestellten. Manche Bilder sind von Dominikanern, die kleine Särge tragen, flankiert. Ausgegrabene Gebeine sind«, die auch verbrannt werden. Denen folgen 54 Roos Judicantes con sambonito. Das sind die Reuigen. Von Todesangst gepackt oder erweicht durch das Flehen eines Kindes. Sie haben versprochen, von nun an keine jüdischen Gebräuche zu üben. Die langen Schleppkleider, die sie tragen, sind mit Kreuzen und Teufeln bemalt, ebenso die hohen Mützen. Jeder trägt ein brennendes Wachslicht. Nun erstirbt jeglicher Laut. Die Majestät, der Tod naht. Einen Augenblick steht der tausendköpfige Pöbel wie versteinert. In Büßerkleidern, gesenkten Hauptes aber festen Fußes schreiten 18 Juden einher. Umsonst versuchen Mönche, die im Gehen auf sie einreden, sie zu bekehren. Ein verzweifeltes Ringen um Seelen. . . . Neben ihrem gebrechlichen Gemahl steht Maria Louise bleich und verstört. So etwas sah sie in ihrem Leben noch nie. Zu beiden Seiten der königlichen Sitze werden die Unglücklichen aufgestellt. Die Königin hört deutlich das Klagen der Opfer und ihrer Angehörigen. Zitternd am ganzen Leibe muß sie sich an die Lehne klammern. Da fleht die 17 jährige Franziska Naguera: „Großmütige Königin.“ Jäh wendet sich die Königin der wunderbaren Schönheit zu — „eile etait d’une beaute merveillouse“, sagt die Berichterstatterin — ihr Auge füllt sich mit Tränen. Aber schnell gefaßt trocknet sie dieselben. Ein flüchtiger Blick auf Carl überzeugt sie, daß ihm der Auftritt entgangen war. Er durfte nicht sehen, daß sein Weib ein Herz für die Ketzer hat. Schlag 12 Uhr verläßt der Großinquisitor seinen Sitz. Mit ihm nahen zwei Dominikaner, das grüne Kreuz und das Evangelium in den Händen. Ein schwarzes Buch trägt ein Dritter. Der König erhebt sich und1 entblößt sich das Haupt. Als katholischen Monarch und allerchristlichsten König fordert ihn der Großinquisitor auf, den Eid zu leisten, daß er die Ungläubigen und Ketzer verfolgen, sie ohne Ansehen der Person bestrafen, daß er der heiligen Inquisition den Arm leihen und mit seiner königlichen Macht unterstützen wird:. „Das schwöre ich bei meiner königlichen Ehre“, bekräftigt Carl mit seiner hohlen Stimme. Der Großinquisitor kehrt auf seinen Platz zurück. Eine Weile lang herrscht eine dumpfe, peinigende Stille. Da besteigt die in der Mitte des Platzes erbaute Kanzel Fray Thomas Navarro, der gewiegte Prediger. Seine sonore kräftige Stimme trägt bis in die weitesten Winkel der umliegenden Gassen. „Exurgo Domine. judica causam tuam“. . . Auf, o Gott, führe deinen Streit! Dies das Motto und der Schlußsatz der verfluchenden und vernichtenden Predigt. J. A. HENCKELS ZWILUNGSWERK MÜNCHEN > THEATINERSTRASSE S /XL

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