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Das jüdische Echo · 1924-11-14 · 46 (14.11.1924) · p. Seite 384

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
11 (1924)
Issue
46 (14.11.1924)
Date
1924-11-14
Page
Seite 384 (sequence 4)
Language
German
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384 Das [Jüdische Echo Nr. 46 von Industrie und Handel, an denen die Juden beteiligt sind, ab, sondern auch die hebräische Kultur, die hebräische Universität, das Wieder erwachen des jüdschen Rechtes und all das, was den Inhalt jüdischer Zivilisation ausmacht. Wenn wir sowie alle, die durch Zufall, freie Entscheidung oder unter Beeinflussung mitwirken, diese Fundamente legen, so schaffen wir auch ein Heim für jeden Einzelnen von uns. Wenn die zionistische Organisation schwach ist, unfähig, die Grundlagen des neuen Lebens in Palästina aufrecht zu erhalten, dann werden auch die Ideale, von denen wir gesprochen haben, nicht verwirklicht werden können und jeder, der versuchen wird, in Palästina eine persönliche Lösung zu finden, wird feststellen müssen, daß er keinen Gnuadiunter den Füßen hat. Die Aufgabe besteht also darin: dasjüdische Gewissen aufzurütteln und es zu beeinflussen, für die Interessen des gesamten jüdischen Volkes Opfer zu bringen. Es handelt sich nicht nur um die Sammlung von materiellen Werten! Diese materiellen Werte geben aber die Möglichkeit, daß sich das Leben in Palästina frei entwickelt und daß die Traditionen eines alten Volkes fortgeführt werden zum eigenen Heile und zum Heile der ganzen Menschheit. Moritz Lazarus Dienstag, den 4. November, veranstaltete die München-Loge im Museums-Saale eine Feier anläßlich des hundertsten Geburtstages von Moritz Lazarus. Umrahmt von guten, musikalischen Vorträgen (des Herrn Dr. August Feuchtwanger und dessen Tochter, sowie F,rau Dr. Loeb und Herrn August Krämer) hielt Rabbiner D r. Baerwald die Festrede, welcher einleitende Worte des Logenpräsidenten Herrn Sigwart Cahnmann vorausgingen. Der Redner wies zunächst darauf hin, daß seine verwandtschaftlichen Beziehungen zu Lazarus ihn nicht hindern werden, ein objektives Bild zu geben, sondern im Gegenteil ihn veranlasse, jedes Wort streng abzuwägen. In übersichtlicher Gliederung führte der Redner in das Schicksal und Wesen des zu Feierndien ein. Er schilderte zunächst das äußere Schicksal, vor allem wie Lazarus in einem kleinen Städtchen der Provinz Posen auf wuchs, im Ghetto und mit der entsprechenden einseitigen Bildung. Vor allem zeigte er dann, wie schnell der junge Lazarus sich europäische Bildung aneignete, wie er sich für die wissenschaftliche Laufbahn entschloß, wobei vor allem interessierte, daß er in Bern als Dozent begann und sechs Jahre tätig war und dann einen Ruf an die preußische Kriegsakademie als Professor der Philosophie erhielt, von wo an sein Ruhm sich begründete, seine Beziehungen zum preußischen Hof sich entwickelten, sowie zu den hei vorragendsten Männern aller Stände und von wo aus der Ruf seiner Gelehrsamkeit-undLBeredsamkeit Über ganz Deutschland sich ausbreitete. Es sollte allerdings nicht länger als sechs Jahre dauern, denn dann setzte die antisemitische Strömung ein und man entledigte sich des überall verehrten Lazarus dadurch, daß man die Stelle eines Philosophieprofessors an der Akademie beseitigte. Lazarus hat sich jederzeit als treuer Anhänger des Judentums erwiesen und ist auch politisch gegen den Antisemitismus aufgetreten, und zwar in einer Weise etwa, wie sie der Tätigkeit des heutigen Zentralvereins entspricht. Das bedeutete für jene Zeit unendlich viel mehr wie heute. Auch organisatorisch hat er sich um das Judentum verdient gemacht durch Schaffung des jüdischen Gemeindebundes, als Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Berlin und vor allem auch Leiter der Synoden in Leipzig und Augsburg, die in ihrer Weise eine Sammlung und Erneuerung des Judentums zu erreichen versuchten. Der Redner wies darauf hin, daß Lazarus die wahrhaft repräsentative Persönlichkeit für das deutsche Judentum seiner Zeit durch. Charakterbefähigung und Beziehungen gewesen ist. Unter anderem wurde auch seines Verhältnisses zu München und dessen führenden Geistern, vor allem zu Döllinger, gedacht, dessen berühmte Rede: „Die Juden in Europa“, gehalten an der Münchner Universität, ihren ersten Anlaß in Gesprächen mit Lazarus hat. Der große Einfluß von Lazarus auf seine enge und weitere Umgebung war vor allem durch seine wissenschaftlichen Leistungen begründet, die nicht nur in seinen glänzenden Vorlesungen bestanden (seit 1873 als ordentlicher Professor an der Berliner Unversität), sondern in Schriften von zum Teil grundlegender Bedeutung, die nahezu alle Gebiete menschlicher Kultur behandelten. Seine erste Schrift, die seine Jugendzeit behandelt, zeigt schon den vornehmen, edl^n, pietätvollen Menschen, den auch der gefeierte ß&m nie verleugnete. Es wurden in diesem Zusamm&oJi##®! ^verschiedene Schriften im Vortr^-s (kurz e|^|ipt,^ wie z. B. „Ueber Aesthetik“, ,yBrziehung“, „Reize des Spiels“, „Was ist national?“ usw. Länger verweilte der Redner beim ersten Hauptwerk, das mit einem Schlage den Ruf von Lazarus begründete, nämlich die Schrift: „Ueber das Wesen der Seele“. Der damaligen psychologischen Forschung entgegen wies der Gelehrte nach, gleich Herbart, dessen begei^ sterter Schüler er war, daß es nachforsehbare Gesetze der Natur gäbe. Als Begründer der Zeit-. Schrift für Völkerpsychologie, welche von Herbart angebahnte Disziplin Lazarus damit in die Literatur einführte, hat er sich einen Namen weit über Deutschlands Grenzen hinaus erworben. Zum ersten Mal wurde bewußt und mit Nachdruck vorgeführt, daß die verschiedenen Stämme und Völ-: ker durch Sprache, Recht und Sitte Besonderheiten darstellen, die man bisher nur bei einzelnen Individuen feststellen zu können glaubte. 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