Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 45 (7.11.1924)
- Date
- 1924-11-07
- Page
- Seite 370 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Dif Jüdische Echo Nr. 45 3f0 Die jüdische Schule 1. Ziele der jüdischen Schule. Als wertvollstes Erziehungsmittel gilt das Beispiel. Eltern, die auf gute Erziehung ihrer Kinder bedacht sind, bemühen sich, vorbildlich auf dieselben zu wirken. Wieviele Eltern aber mußten die Erfahrung machen, daß das Kind ihnen trotz guten Beispiels entglitt. Wieviele sittlich hochstehende Eltern sahen Kinder auf Abwegen wandeln; wieviele wahrheitsliebende Eltern haben unaufrichtige Kinder; fromme Väter erziehen abtrünnige Söhne. Ja nicht einmal die Entwicklung mehrerer Kinder des gleichen Elternpaares bewegt sich in den gleichen Bahnen. Die Bildung des Charakters beim Kinde ist eben neben familiärer Veranlagung und dem Vorbilde der Eltern auch durch die weitere Umgebung, besonders durch die Kameraden beeinflußt. Gerade letzterer Einfluß tritt während der Schulzeit besonders stark in die Erscheinung. Zu einer Zeit, zu welcher sich Verstand und Gemüt bilden, ist der Einfluß der Umgebung, vor allem Gleichaltriger und wenig Älterer, auf die Charakterbildung besonders mächtig und besonders gefährlich. Wieviele Kinder sind in der Schulzeit auf AbwTege geführt worden! Einsichtige Eltern besserer Kreise haben deshalb längst versucht, den Einfluß übler Kameradschaft dadurch auszuschalten, daß sie ihre Kinder nicht der allgemeinen Volksschule zuführten, sondern ihre Kinder in solche Schulen schickten, die sich ihre Schüler aus begrenzten Bevölkerungsschichten holen. „Bessere Kreise“ hoffen, daß ihre Kinder vor seelischen und körperlichen Schäden bewahrt bleiben, wenn sie ihre Kinder in Sonderschulen schicken. Wir in Bayern, wo Klassenunterschiede und Standesvorurteile bisher weniger in die Erscheinung traten als im Norden, haben die Gliederung der Schulen nach religiösen Bekenntnissen durchgeführt. Katholische und protestantische Eltern haben es für notwendig erachtet, ihre Kinder zum mindesten während der volksschulpflichtigen Zeit Perron su ^smyrna-Flamme“ zu lOPfg. mit StroljmunDftfick in eleganter Blecbpa&ung 5igarettenfabrik Dfbolb, Tltündjcn HEMDEN Mönchen Schnitt-System allerieinsle Schreibbüro,STACHUS“ München, Karlsplatz 24/1 (Kontorhaus Stachus) Telefon 53 6 40 Abaohrlften / Diktate Vervielfältigungen / Typen- ^^dnjek^^^jberseti^ Hüte fassoniert K. Weise, Hutfabrik Frauenhoferstrasse 8 Dentist F. Stöbe Privat-Ambulatorium für Zahntechnik München Horseheltsti*. 1/1 Telefon-Ruf 33160 dem Einflüsse der Kinder des anderen christlichen (!) Bekenntnisses zu entziehen. Simultanschulen, das sind öffentliche Schulen, in welchen die beiden christlichen Bekenntnisse Gleichberechtigung genießen, sonst aber Erziehung der Kinder in christlichem Geiste stattzufinden hat, finden in den Städten verhältnismäßig wenig Freunde, auf dem Lande fast nur Gegner. Die Abneigung gegen gemeinsame Erziehung von Kindern verschiedener Bekenntnisse griff auf dem Lande auch auf jüdische Kreise über. Dort bestehen seit längerer Zeit jüdische Bekenntnisschulen. In den größeren Städten — zuerst in Nürnberg, seit kurzem auch in München — bricht sich erst jetzt die Erkenntnis Bahn, daß es bedenklich ist, jüdische Kinder in christlichen Schulen erziehen zu lassen. Für alle diejenigen, welche sich als treue Bayern fühlen, mag diese Erkenntnis schmerzlich sein. Allein man kann sich der Tatsache nicht länger verschließen, daß die Vorbilder, welche unsere Kinder an ihren andersgläubigen Kameraden finden, nicht immer geeignet sind, günstig zu wirken. Selbst in jenen Fällen, in welchen es den Lehrkräften gelingt, den Antisemitismus wenigstens innerhalb der Schule zu unterdrücken, wird das Schulkind nur selten andersgläubige Mitschüler finden, die sich ihm gerne anschließen. Und diese Bereitwilligen sind nicht immer selbstlos. In „besseren Kreisen“ hat man es, auch wenn man selbst vorurteilslos wTäre, nicht nötig, sich den Unannehmlichkeiten, die der persönliche Verkehr mit Juden heute mit sich bringen kann, auszusetzen. Und ich meine, unsere Kinder brauchen den Verkehr mit Kindern aus Kreisen, in welchen mindestens jetzt als Nachwirkung des Krieges Selbstüberhebung, Rohheit, Unwahrhaftigkeit herrscht, nicht zu suchen. Selbst dann nicht, wenn Duldsamkeit auf der Gegenseite diesen Verkehr nicht behindern würde. Dazu kommt, daß unsere aus der allgemeinen Volksschule hervorgegangenen Kinder nicht das nötige Rüstzeug zum Verkehr mit andersgläubigen Kindern mitbringen. Der Religionsunterricht, wie er in unseren Schulen in zwei bis drei Wochenstunden erteilt wird, ist ganz unzureichend. Auch der tüchtigste Lehrer kann in 80 bis 120 Jahresstunden unmöglich dem Kinde das beibringen, was er an Glaubenslehre, Bibelkunde, Geschichte, Lesen, Ritual unbedingt wissen müßte. Ein gut Teil der religiösen Unbildung ynd der Machtlosigkeit gegenüber fremden Angriffen ist bei unseren Glaubensgenossen auf mangelhafte Schulbildung zurückzuführen. Ist es nicht beschämend, daß wir die Formen unseres Gottesdienstes zum Teil fremden Riten entlehnen müssen, nur weil wir unserer Jugend nicht gelernt haben, dem Gottesdienste in althergebrachter Form zu folgen? Ist es nicht traurig, daß wir der Anmaßung, das Christentum habe zuerst das Gebot der Nächstenliebe verkündet, nur deswegen nicht entgegenzutreten vermögen, weil wir den Wochenabschnitt, der dieses Gebot mit zahlreichen ähnlichen alljährlich predigt, nicht übersetzen können? Daß wTir das Wenige, was wir vom Inhalte der 5 Bücher Moses wissen, oft nur in der mangelhaften Übersetzung Luthers (Aug’ um Aug’) kennen? Hier kann nur eine gute jüdische Schule Abhilfe schaffen. In ihr kann Zeit zu ausgiebigem Unterricht in jüdischen Fächern gewannen wrerden. Vertiefung des Glaubens, Erhaltung der Sittlichkeitswerte des Judentums, Stärkung des Selbstbewmßtseins durch Beschäftigung mit jüdischer Kultur-, Literatur- und Leidensgeschichte, Beschaffung des Rüstzeugs für die Abwehr sind die nächsten Aufgaben der jüdischen Schule. Sie sind noch wichtiger als der Schutz des Kindes vor den Anpöblungen des Antisemitismus. Felix Feuchtw'anger.