Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1924-11-07 · 45 (7.11.1924) · p. Seite 368

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
11 (1924)
Issue
45 (7.11.1924)
Date
1924-11-07
Page
Seite 368 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9072829-9103074-9153651--06267-9078969
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

368 Das jüdische Echo Nr. 45 scher gegenüberstehen, als die sogenannten Liberalen unserer Gemeinden, die mit allen erdenklichen Mitteln die ihnen verhaßte Judenschule bekämpfen. Nun, wir fürchten den Kampf nicht! Die Zeit marschiert für uns, und der Geist der jüdischen Schule ist auf dem Wege des kleinen Verwaltungskampfes von Seiten irgend welcher Gemeindegewaltiger nicht mehr zu bekämpfen. Man könnte nun noch im Zweifel darüber sein, in welchem Sinne der innere Aufbau einer derartigen Schule in jüdischer Richtung gestaltet werden müsse. Aber wenn man näher nachdenkt, so wird man alsbald zu dem Resultat kommen, daß, wenn man auch nicht selbst dem äußersten rechten Flügel angehört, man doch der Meinung sein muß, daß in diesen Schulen das jüdische Gesetz als unbedingte Richtschnur innegehalten werden muß. Trotzdem kann und soll auch der freier gesinnte Jude und der Zionist sein Kind dorthin schicken, ohne daß er sich Gedanken darüber macht, es käme in einen Zwiespalt mit dem Elternhaus. Hier wird persönlicher Takt vermittelnd einzugreifen haben, wo vielleicht sonst Differenzen in der Lebensanschauung entstehen könnten. In der jüdischen Schule lernt das Kind die Heiligkeit unserer Feste, die Heiligkeit des Sabbaths, es braucht sich nicht mehr scheel über die Achseln ansehen zu lassen, wenn es an diesen Tagen nicht schreibt, es wird ein freier, stolzer Mensch, der im Leben später einmal eine Persönlichkeit darstellen wird, gleichmäßig durchgebildet in jüdischer wie in allgemeiner Hinsicht. Deshalb ist die Verpflichtung zur Errichtung jüdischer Schulen m. E. nach die wichtigste Aufgabe für das Judentum der Gegenwart. Studienrat Dr. C. An die verehrliche Redaktion des „jüdischen Echo“ Ihrer freundl. Aufforderung um Stellungnahme zu dem Artikel „Die jüdische Schule“ in Nr. 40 Ihres gesch. Blattes komme ich bereitwilligst nach, weil ich eine möglichst vielseitige, aus der Erfahrung entspringende Erörterung dieses für die jüdische Gesamtheit im allgemeinen und für die jüdische Lehrerschaft im besonderen so wichtigen Problems für notwendig erachte. Um das Resultat meiner Ausführungen gleich vorweg zu nehmen: Ich halte, trotz mancher Bedenken, die jüdische Schule für ein erstrebenswertes Ziel, sofern gewisse Voraussetzungen, von denen später die Rede sein soll, durch sie erfüllt werden. Die folgenden Ausführungen mögen meine Stellungnahme in aller Kürze begründen. In jedem Einzelnen von uns lebt noch die Erinnerung an die letzten Jahre mit ihrer sich täglich steigernden Judenhetze; jeder von uns weiß, daß die antisemitische Haßwelle auch in zahlreiche Schulen geflutet ist. Was die jüdischen Schüler während dieser Zeit an seelischem und oft auch an physischem Leid erdulden mußten, kann auch nicht annähernd geschildert werden. Die Schule wurde ihnen so zur Stätte der Qual und viele Eltern haben sich ernstlich mit dem Gedanken getragen oder ihn auch verwirklicht: ihr Kind durch den Austritt aus der Schule vor weiteren Mißhelligkeiten zu schützen. Die Gerechtigkeit gebietet freilich anzuerkennen, daß einzelne Schulen dank der gerechten und toleranten Gesinnung des Direktors selbst in jenen verhängnisvollen Novembertagen von antisemitischer Betätigung vollständig freigeblieben sind. Inzwischen haben sich die Verhältnisse in dieser Hinsicht wesentlich gebessert und es ist zu hoffen, daß mit der fortschreitenden Gesundung unseres Wirtschaftslebens der Antisemitismus noch weiterhin abnimmt. Aber ganz wird er wohl nie verschwinden; denn er gehört zu den „normalen“ Lebensäußerungen eines Volkes, wie dies Prof. Nölting in einer der jüngsten Nummern der C.-V.-Zeitung ausgeführt hat. So wird er wohl auch niemals ganz aus der Schule weichen, wenn man ihm nicht das Objekt seiner Wirksamkeit entzieht. Ein zweiter wichtigerer Grund für meine Stellungnahme liegt in der Tatsache, daß dem Religionsunterricht an der jüdischen Schule ein größeres Stundenmaß als an der Simultanschule und damit eine erhöhte Bedeutung zugewiesen werden kann. Wer einigermaßen Einblick in die Verhältnisse hat, wer weiß, unter welch ungünstigen äußeren Umständen — Unterrichtszeit (im Gegensatz zum Unterricht der anderen Konfessionen) außerhalb des Stundenplans an freien Nachmittagen, Vereinigung der Schüler gleicher Klassen verschiedener Schulen — der Religionsunterricht oft erteilt werden muß, wird ohne weiteres zugeben müssen, daß das behördlicherseits zugewiesene Maß von zwei Wochenstunden bei weitem nicht genügt, um das Ziel des Unterrichts zu erreichen. Infolge der Fülle des Gesamtlehrstoffs ist es namentlich der Sprachunterricht, der, auch bedingt durch die Schwierigkeit seiner Materie, stark verkümmert wird; dadurch aber wird die Erarbeitung des einen großen Teilziels, die Kenntnis des biblischen Schrifttums nach seiner Form, zur Unmöglichkeit. Ich bin mir dabei wohl bewußt, daß auch der Religionsunterricht an der jüdischen Schule die zu leistende Aufgabe nicht restlos lösen kann; aber er wird dem Ziel immerhin wesentlich näher kommen. Hand in Hand geht damit ferner die Tatsache, daß das ganze religiöse Erleben, für welches der Religionsunterricht die nötige Vorbereitung und Weihe'schaffen soll, sich an einer jüdischen Schule viel intensiver und tätiger gestalten kann als an einer Simultanschule. Alle die Hemmungen und oft auch Verdrießlichkeiten, die sich aus religiösen Gründen für jüdische Schüler oft ergeben, — es sei hier nur an das Schreiben am Sabbath und an das Wegbleiben von der Schule an den Festtagen erinnert — fallen an einer jüdischen Schule fort. Hier ist es dem Schüler möglich, seine Feiertage in der gleichen tätigen Anteilnahme zu begehen wie der christliche auch und es braucht ihn während des Gottesdienstes nicht die Frage zu beschäftigen: Was werden wir wohl heute in der und der Stunde durchnehmen? Durch dieses religiöse Erleben in der Gemeinschaft wird aber auch das Gefühl der Zugehörigkeit zur Gemeinschaft stärker PELZMODE-HAUS SCHWABE MODERNSTE PELZE MÜNCHEN, KAUFINGERSTR.23

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.