Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 45 (7.11.1924)
- Date
- 1924-11-07
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103074-9153651--06266-9078968- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das Jüdische Echo Kummer 45_ 7. November 1924 11. Jahrgang Die Diskussion zur Schulirage Die große Anzahl von Beiträgen, die in der von uns aufgeworfenen Frage der jüdischen Schule erfreulicherweise bei uns einläuft, zeigt deutlich, daß in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung lebhaftes Interesse und fast durchwegs schönes Verständnis für dieses außerordentlich wichtige Problem vorhanden ist. Mangel an Raum zwingt uns, aus der Menge der bei uns eingegangenen Aufsätze die charakteristischsten vorweg zu nehmen. Allen Mitarbeitern danken wir auch an dieser Stelle bestens und bitten um gütige Nachsicht, falls der eine oder andere Artikel im Moment nicht zur Veröffentlichung gelangen kann. Wir hoffen, hiezu später noch Gelegenheit zu finden. Die Redaktion. Zur Frage der jüdischen Schule Von einem jüdischen Schulmann. Die jüdische Schule hat jahrelang im Mittelpunkt eines heftigen Kampfes gestanden, der oft von den Gegnern mit wenig schönen Mitteln geführt wurde, aber der schließlich in dem Maße abflaute, als wie diese Schule ihre Existenznotwendigkeit erwies und ihre Lebensfähigkeit zeigte. Das erste Argument, mit dem man gegen die Schule ankämpfte, war die Behauptung, daß sie die Jugend in ein neues Ghetto hineinführe. Nun aber haben wir im Laufe des letzten Jahres immer mehr erkennen müssen, wie die Schranken sich um uns aufs neue schließen und ohne unseren Willen Ghettomauern um uns errichtet werden, die höher sind, als sie die Vergangenheit jemals kannte. Haben wir es also nun noch notwendig, den Kindern in der sogenannten paritätischen Schule das Leben verbittern zu lassen, wo sie schon frühzeitig den Kampf mit dem borniertesten Antisemitismus aufnehmen müssen? Man sagt da immer wieder, daß dieser Kampf für den späteren Kampf im Leben die jungen Menschen stähle, aber man vergißt, daß er die Jugend vergiftet und durch diese Abwehr vereinzelte jüdische Schüler in eine völlig isolierte Lage bringt. Wir haben mit dem Antisemitismus als mit einer Tatsache zu rechnen, und wir sind uns wohl heute darüber klar, daß alle Versuche, ihn zu bekämpfen, bisher gescheitert sind und solange scheitern werden, bis die Struktur des deutschen Geistes sich wesentlich geändert hat. Ob dazu gegenwärtig Aussicht vorhanden ist, brauchen wir wohl an dieser Stelle nicht zu erörtern. Unsere Jugend aber hat wie jede andere Jugend das Recht auf einen ungestörten Fortgang ihrer Entwicklung, auf Heiterkeit und Freude, auf Sorglosigkeit und Lebenslust. Die jüdische Schule bedeutet für sie eine Oase, in die sie sich zurückziehen kann, wenn draußen der Kampf allzusehr tobt. Schon dies allein genügt, um ihre Notwendigkeit darzutun. Dazu kommen aber andere innere Momente. Wir haben erkennen müssen, daß das gesamte Rennen um die Emanzipation mit einem großen Fiasko geendet hat, und wie wir heute erkennen, naturnotwendig enden mußte. Auf dem jahrtausendelangen Wege durch das Galuth war der treueste Begleiter die Kenntnis der Thora und die selbstverständliche Beherrschung der Gebete, sie brauchte man nicht zu lernen, in ihnen lebte man. Für diese Dinge haben wir nun die Herrlichkeiten der westeuropäischen Zivilisation eingetauscht. Man liest im jüdischen Hause Rabindranath Tagore, man liest Laotse, weiß selbstverständlich in den ägyptischen Königsgräbern Bescheid, aber hat die Berührung mit den höchsten Werten unseres Volkes verloren und muß oftmals beschämt schweigen, wenn man von einem gebildeten Christen in ein Gespräch über das Alte Testament verwickelt wird. Der Religionsunterricht kann in der allgemeinen Schule nur ein kleines Anhängsel sein, der Besuch der Religionsschule am Nachmittag stößt schon auf ganz große Schwiergkeiten und kann selbst in den Häusern, die ernsthaft den Willen haben, ihren Kindern jüdisches Wissen zu übermitteln, nicht mit der notwendigen Intensität betrieben werden. Die Nachmittage werden für die Schularbeiten gebraucht, Sport und Musik sollen gleichfalls getrieben werden, der doppelte Schulweg verschlingt viel Zeit, und selbst wenn alle diese Schwierigkeiten überwunden werden, dann kann auch in den wenigen Stunden, die die Religionsschule zur Verfügung hat, nicht viel geleistet werden. Ganz anders liegen die Dinge, wenn in einer jüdischen Schule der hebräische Unterricht organisch in den Gesamtunterricht hineinverwoben wird, das Kind von seinem ersten Schuljahr an das Hebräsche spielend lernt und in die Schwierigkeiten der Sprache unversehens hineinwächst. In einem solchen Schulorganismus ist die Sprache unserer Väter nicht mehr Nebensächliches, gleichberechtigt steht sie neben der Landessprache. Die gegenwärtige Schulgesetzgebung steht der jüdischen Schule sympathisch gegenüber. Die in den Revolulionsjahren angestrebte weltliche Schule wird weiter vereinzelt bleiben, den Regelfall bildet die konfessionelle Schule; so haben die jüdischen Erziehungsberechtigten dasselbe Recht auf die Erziehung ihrer Kinder in ihrer Religion, wie dies den anderen anerkannten Religionsgemeinschaften zusteht. Es werden sich nirgends Schwierigkeiten bei der Gründung jüdischer Schulen erheben, die selbstverständlich in ihren allgemeinen Zielen dasselbe leisten müssen, wie die übrigen Landesschulen und die daraufhin auch vom Staate kontrolliert werden. Es ist interessant, wenn man tiefer in die Dinge hineinsieht, daß man feststellen kann, daß die Regierungsbehörden der verschiedensten Art der jüdischen Schule viel sympathi-