Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 44 (31.10.1924)
- Date
- 1924-10-31
- Page
- Seite 356 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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356 Nr. 44 Das Jüdische Echo getroffen werden, die uns als Juden schwer benachteiligen würden. Wir halten es für überflüssig, hierfür Beispiele zu geben und hoffen, daß das oben Angeführte genügen wird, um den Nachweis dafür zu liefern, daß Stimmenthaltungen den möglichen Gewissenskonflikt nur scheinbar umgehen. Denn in der heutigen Lage, in der es mehr als je auf jede einzelne Stimme ankommt, würde jede nicht abgegebene Stimme automatisch eine Stärkung der antisemitischen Parteien bedeuten und damit genau, so, wie eine direkt zu ihren Gunsten abgegebene Stimme einen Vorstoß gegen unser Ehrgefühl darstellen. Neben der Verpflichtung, selbst zu wählen und im jüdischen Sinne zu wählen, hat aber auch jedes denkende Mitglied unserer Gemeinschaft noch die weitere Aufgabe, dafür zu sorgen, daß diese unsere Forderungen in weiteste Kreise jüdischer Wähler hinausgetragen werden. Es ist hier ein gutes Stück keineswegs leichter Erziehungsarbeit zu leisten, gilt es doch neben direkter Gegnerschaft einen anderen Feind, die bekannte Gleichgiltigkeit und Trägheit der Wählermassen, zu besiegen. Es ist eine zum Gemeinplatz gewordene Behauptung, daß die stärkste Partei bei jeder Wahl die der Nichtwählenden zu sein pflegt. Die Häufigkeit dieser Feststellung beweist jedoch nichts gegen ihre Richtigkeit und nichts^ dagegen, daß es die Aufgabe aller verantwortlich Denkenden sein muß, die Trägen und Gleichgültigen aufzurütteln und ihnen die Bedeutung der Wahlen so klar zu machen, daß sie sich ihrer Wahlpflicht nicht zum Schaden der übrigen entziehen. Noch ist es ziemlich weit hin bis zum Wahltag. Gerade deswegen muß die Aufklärungsarbeit bald und stark einsetzen. Es möge jedem unbenommen sein, für seine politische Auffassung, für seine Partei zu werben, solange er nicht vergißt, daß er als Jude und zu Juden spricht. Niemand aber kann sehnlicher als wir hoffen, daß recht bald die Zeit auch in Deutschland kommen möge, wo jüdische Ehre und selbstverständliches jüdisches Recht nicht mehr Gegenstand des Parteigezänks, nicht mehr Hauptparole bei Reichstagswahlen bilden werden. Li—r. Parlamentarismus Nichts wäre törichter, als das Gerede von der Krisis des Parlamentarismus als Regierungsform ernst zu nehmen, obwohl es ein europäisches Gerede ist. Alles, was in unserer Zeit an Schlagworten allgemeine Gültigkeit bekommt, muß mit der äußersten Vorsicht aufgenommen werden, denn unsere Zeit ist eine dumme Zeit, und was sie vor- oder nachbetet, ist zunächst einmal verdächtig. Es ist entweder schlecht gedacht — als Folge der Verdummung Europas durch das Kriegsgeschwätz — ■ oder, was schlimemr ist, tendenziös erfunden — als Folge der „Propaganda“ während des Krieges. Ernst zu nehmen brauchte man dieses Gerede von der Schwäche und Sinnlosigkeit des Parlaments als oberster Autorität im Staate erst, wenn es in England aufkäme —< dem Lande, wo Parlamentarismus bodenständig ist und eine große praktische und geistige Vergangenheit hat. Aber man wird lange warten können, bis auch dort eine solche Parlamentsmüdigkeit auftreten wird. Es ist allerdings wahr: der deutsche Reichstag hat noch wenig Autorität und Ansehen in Deutschland. Das kommt aber nur aus zwei Ursachen: erstens, weil er bis zum Jahre 1918 nur ein Scheinparlament war, welches der Verfassung nach nur kritisieren oder bewilligen, aber keine Regierung beseitigen oder gar bilden konnte, und zweitens, weil er dies auch gar nicht wollte. Solange Deutschland sich wohl fühlte bei einem Regierungssystem, das von einer erblichen und unabhängigen Zentralgewalt her Befehle und Anordnungen empfing, solange hatte in Deutschland fast niemand Bedürfnisse nach wahrhaft demokratischer Verwaltung. Das heißt: solange gab es in Deutschland auch keine Politik als Volksangelegenheit, sondern nur politische Diktate, denen das ganze Volk mehr oder weniger gern folgte. Und die Folgen? Sie sind klar. Keine politische Erziehung, denn man lernt Politik wie Radfahren nur durch Ausübung. Also auch keine politische Erfahrung und Gewandtheit im heutigen Reichstag. Daher eine Krise nach der anderen. Und aus den unscheinbarsten Ursachen. Wer nämlich nicht geübt ist in der Anwendung von Macht, der hat auch keine Macht und daher keine Autorität gegen noch so kleine, aber in der Macht geübte Parteien. * * * Und die Anwendung für uns, Juden und Zionisten? Sie ist sehr vielseitig und sehr klar. Erstens haben wir all denen zu mißtrauen, die aus der „Krise des Parlamentarismus“ Empfehlungen für andere Regierungsarten ableiten wollen, in Deutschland und auch in jüdischen Körperschaften. Ein Anfänger muß Zeit haben zu lernen, ein Kind Zeit zu wachsen. Daher wird auf die Dauer, je länger desto mehr,, Politik der Vernunft in Deutschland nur auf der Basis aufrichtiger Demokratie gemacht werden können. Und da wir an der Politik der Vernunft sehr interessiert sind, weil Politik der Unvernunft, der Leidenschaften, stets auf unsere Kosten und auf unserem Rücken vor sich geht, so haben wir allen Grund, uns nur zu Parteien zu bekennen, die nicht etwa kleinen aber mächtigen Interessenklüngeln als Marke dienen. Auf lange Sicht betrachtet wird nur solche Politik sich durchsetzen, die im Einverständnis mit ganz Europa erfolgt, so daß mit Notwendigkeit die Parteien der Vernunft über alle anderen siegen werden. Vor allem aber: lernen wir endlich, uns auf eigenes politisches Leben vorbereiten. Immer wieder zu merken und anzuwenden ist der Satz, daß Politik sich nur im Ausüben lernt. Noch so gescheites Denken rettet keinen Ungeübten vor dem Begehen allergröbster Fehler, wenn er die Taktik des politischen Tuns nicht durch Uebung erworben hat. Es ist für den Juden geradezu das Grundverhängnis, daß er seit Jahrhunderten nur Objekt, niemals tätiger Träger von politischen Aktionen gewesen ist. Wenn wir in Palästina vor der Aufgabe stehen werden, unseren Aufbau in einem Landesparlament mit den Arabern und den PELZMODE-HAUS SCHWABE MODERNSTE PELZE MÜNCHEN, KAUFINGERSTR.23