Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 43 (24.10.1924)
- Date
- 1924-10-24
- Page
- Seite 344 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9072829-9103074-9152661--06241-9078943- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
344 Das Jfldlscäe Ecko Nr. 45 Die jüdische Schule Als Obersekundaner wurde ich eines Tages in „Geschichte“ geprüft. Griechische, römische, deutsche Geschichte — es ging alles ganz gut, nur als die jüdische Geschichte an die Reihe kam, haperte es bedenklich. Der Geschichtsprofessor faßte sein Urteil dahin zusammen, daß ich mich im allgemeinen in der Geschichte gut auskenne, nur von jüdischer Geschichte sehr wenig wisse. Ich war nicht so beschämt, wie ich es hätte sein müssen. Wer besaß damals überhaupt tiefere jüdische Kenntnisse, wer betrachtete es als selbstverständlich, daß sich ein Jude für die Geschichte des jüdischen Volkes besonders interessieren müsse? Inzwischen sind 20 Jahre ins Land gegangen, 20 Jahre von entscheidender Bedeutung für die Stellung der deutschen Juden zum Judentum. Das Interesse an den Kulturwerten des jüdischen Volkes und seiner Geschichte ist — vor allem unter der Jugend — ungemein erstarkt. Die so maßlos angefeindete Judenheit will aus ihrer großen Vergangenheit und den lebendigen, geistigen Quellen ihrer Gegenwart Kraft zur Selbstbehauptung und Erneuerung schöpfen. Wer nun etwa denkt, daß diesem größeren Interesse ein tieferes Wissen vom Judentum entspricht, würde sich bei einem ernsthaften Versuch bitter enttäuscht finden. Trotz aller Kurse in den Jugendorganisationen, trotz allen guten Willens und unzähliger Anläufe wissen die deutschen Juden, auch die Jugend, abgesehen von Tagesfragen, nicht wesentlich mehr vom Judentum als die vorige Generation. Wo liegt der Grund dafür, daß ein solch großer Aufwand ohne wirkliches Ergebnis verpufft? Richtet man an den Einzelnen die Frage, so wird er zumeist die Schuld dem jüdischen Religionsunterricht zuschieben’. In der Tat muß hier etwas im argen liegen, denn die Mißerfolge des jüdischen Religionsunterrichts in Deutschland sind zu allgemein und eklatant, als daß man sie als vereinzelte Fälle bezeichnen könnte. Nun wird aber wohl niemand behaupten wollen, die jüdischen Religionslehrer seien durchweg so unfähig, daß sie persönlich die Verantwortung für den Mißerfolg trügen, im Gegenteil wird jeder eine große Anzahl tüchtiger und intelligenter jüdischer Lehrer kennen. Die Schuld kann also nur am System liegen. Daß das heutige System des jüdischen Unterrichts versagen muß, leuchtet bei richtiger Betrachtung ohne weiteres ein. In 2—3 Stunden wöchentlich sollen die Schüler außer der eigentlichen Religionslehre, die dem Religionsunterricht der andern Konfessionen entspricht, noch jüdische Geschichte und Hebräisch lernen — zwei Fächer von erheblicher Schwierigkeit, die unmöglich so ganz nebenbei bewältigt werden können. Die an sich schon unlösbare Aufgabe wird noch dadurch erschwert, daß von der Schule aus dem jüdischen Unterricht vielfach nur eine untergeordnete Bedeutung beigemessen wird, und der Schüler daher die Notwendigkeit zu fleissigem Arbeiten für diesen Unterricht als weniger zwingend wie bei andern Unterrichtsgegenständen empfindet. Mit kleinen Verbesserungen ist hier gar nichts getan; Hilfe kann nur ein Radikalmittel bringen: Die jüdische Schule. Nur in einer jüdischen Schule ist es möglich, dem jüdischen Wissensstoff den Platz anzuweisen, der ihm in der Erziehung jüdischer Kinder gebührt und denselben das wahre Verständnis f£r das Wesen des Judentums zu erschliessen. Nur durch die jüdische Schule vermeiden wir es, daß unsere Kinder wieder da anfangen müssen, wo auch wir angefangen haben, daß sie alle unsere vergeblichen Anläufe und dilettantischen Selbstunterrichtsversuche in gleicher Weise wiederholen müssen. Nur durch die jüdische Schule wird es möglich sein, das in Jahrtausenden angesammelte und bewahrte geistige Erbe des jüdischen Volkes kommenden Generationen weiter zu überliefern. Nicht vergessen sei aber auch noch ein anderes wichtiges Moment: Selbst die jüdischen Eltern, die grundsätzlich Anhänger der Simultanschule sind, müssen unter den heutigen Verhältnissen im Interesse ihrer Kinder die jüdische Schule willkommen heißen. Die antisemitische Hetze hat in den Schulen eine Atmosphäre geschaffen, in der jüdische Kinder nicht wahrhaft gedeihen können. Arnold Zweig hat einmal sehr richtig gesagt, daß das für die körperliche Erziehung sehr gesunde Prinzip der Abhärtung nicht in gleicher Weise für die seelische Entwicklung des Kindes gilt. Durch feindselige, äußere Einwirkung kann das zarte Kindergemüt eine Verwundung erleiden, die es für das ganze Leben schädigt und zu einem unfreien, gedrückten Menschen macht. Um sich seelisch entfalten zu können, brauchen die Kinder — und vor allem die meist empfindlichen und nervösen jüdischen Kinder — eine Atmosphäre des gegenseitgen Wohlwollens, eine Gemeinschaft, in der sie sich unbefangen geben können, wie sie sind, und nicht bei jedem Wort und jeder Bewegung auf Spott und Mißdeutung stoßen. Diese Atmosphäre finden unsere Kinder leider heute in der allgemeinen Schule nicht; und selbst wenn die offene Feindseligkeit jetzt nachlassen sollte, die Fremdheit wird bleiben. Das wissen die umsichtigen jüdischen Eltern, und darum wird der Ruf nach der jüdischen Schule immer allgemeiner, immer lauter und dringlicher. Es ist höchste Zeit, daß die Leiter der Gemeinden und Verbände diesen Ruf verstehen, und vor allem energisch handeln. Die jüdische Schule darf nicht eine orthodoxe Sonderleistung bleiben, sie ist überall Sache aller religiösen Richtungen, Sache der ganzen Gemeinde. Es wäre traurig, wenn der jüdische Gemeingeist nicht stark genug wäre, um über alle Hindernisse hinweg dieser wahrhaft schöpferischen Aufgabe des deutschen Judentums zur Erfüllung zu verhelfen. Dr. N. Jüdische Schule? Es ist in der letzten Zeit, insbesondere in den letzten Monaten Mode geworden, für jüdische Schulen einzutreten und insbesondere von zionistischer Seite versucht man, einen starken Druck auf unsere Gemeinden in dieser Hinsicht auszuüben. Als Vater mehrerer schulpflichtiger Kinder sei es mir gestattet, meine Meinung zu dieser Frage niederzulegen, selbst auf die Gefahr hin, daß sie den von der Redaktion des „Jüdischen Echo“ vertretenen Anschauungen widerspricht. Was sollen die Vorzüge einer jüdischen Schule sein? Zunächst einmal wird sie uns als ein Allheilmittel gegen den Antisemitismus angepriesen, von dem die Kinder in den übrigen Schulen so sehr betroffen werden sollen. Ich möchte zunächst einmal vorausschicken, daß keines meiner Kinder bisher von einem Lehrer in direkter Weise antisemitisch angegriffen wurde. Auch hier gilt eben wieder das alte Wort, daß es im Wesentlichen von dem Benehmen der Juden abhängt, wenn die Umwelt auf sie feindlich reagiert. Es mag natürlich hin und wieder einmal Vorkommen, daß eimge unerzogene oder ungezogene Mitschüler die Kinder als Juden verhöhnen, aber dies ist doch meistens nicht so bös gemeint, als der Erwachsene manchmal glauben möchte. Wenn man den Kindern nur einprägt, sich nichts gefallen zu lassen