Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 42 (17.10.1924)
- Date
- 1924-10-17
- Page
- Seite 336 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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336 Das Jüdische Echo Nr. 42 herrlichen Räder, die sich um ihre Naben eifrig drehten; er staunte die Pferde an! Er erzählte wie ein kleines Kind, und dann erzählte auch der Jude. Daß in Palästina ein Reich errichtet sei, und hingeflüchtet seien die Kinder aller Völker, und alle lebten als die Gäste und Brüder der Juden. „Ihr seid viele?“ fragte Daniel. „Ja.“ „Ein richtiges Volk?“ „Ein richtiges Volk!“ „Mit Städten und Dörfern?“ „Ja, Daniel, und Jerusalem ist erbaut, und am Tempel bauen viele Tausende.“ „Und Europa ist untergegangen?“ „Ja,“ sagte da Hanna, ,alles ist untergegangen; aber ich habe in Deutschland gelebt im Kriege, und als ich den Ruf vernahm, ließ ich alles, aber die Musik der Deutschen nahm ich mit.“ „Musik?“ fragte er. Er wußte nicht mehr, was das war. „Komme mit in unser Land mit deinem Weibe!“ sagte Manasse. „Ich werde es ih,r sagen!“ antwortete er zitternd1. Er leitete den Wagen an eine Stelle, wo eine Durchfahrt durch lockeres Strauchwerk möglich war, er selber aber trennte sich und eilte voran. „Nadja, Nadja!“ rief er vom Waldrande aus. Sie trat unter die Tür. Sebastians helles Haupt leuchtete vor ihren schwarzen Haaren. „Wo ist dein Gewehr?“ rief sie erschrocken, denn daß er ohne Waffen kam, und daß sein Antlitz von Erregung flammte, erkannte sie sogleich. „Verloren!“ lachte er. Sie starrte entsetzt. Er wollte sie küssen, aber sie wich vor ihm. Da brachen Aeste, da rollten Räder. „Daniel?“ flüsterte sie. Da ging eine hohe schöne Stimme zwischen den Bäumen hervor: „Vater, wir müssen dem Stumpf ausweichen!“ „Menschen?“ schrie Nadjeschda. „Gute Menschen!“ antwortete er. Da schlugen Pferdeköpfe, schnaubende, dunkelbraune, großäugige, prächtig-mähnige durch das wankende Laub der Sträuchen „Und Pferde, sieh doch, Pferde!“ schluchte sie. „Komm, komm,“ rief er, „sie bringen uns alles, und wenn wir wollen, können wir mit ihnen gehen nach Palästina. Do.rt gibt es Dörfer und Städte, und dort ist ein richtiges Volk.“ Er führte sie dem Wagen entgegen. Die Menschen staunten und erschraken, als sie diese Frau mit dem Kinde sahen, und Hanna eilte auf Nadjeschda zu und sagte: „Schwester, Schwester!“ Nadja wiederholte unsicher, unbeholfen das seltene Wort. Traumangst war in ihren Augen und sie barg das Kind vor dem Spuk zu der schönen Erscheinung. Da brachte Hanna Leinwand und . Gewänder hervor, und sie bereitete für Sebastian ein Bett, und dann zog sie Nadjedscha in die Hütte und wies ihr schöne weiße Gewandung: „Dies für dich!“ Sie kleidete Nadjedscha an und kämmte sie, und die Waldfrau ließ alle Wohltat staunend über sich ergehen. Daniel führte die Fremden umher. Er zeigte sein Feld, seinen Garten, den Backofen im Walde und auch das Grab Alexanders. Als er ins Haus trat und Nadjedscha sah, schrie er: „Wie bist du schön! Und so jung!“ Dann sah er an seinen wilden Fellen herunter und errötete. Sie ließen Vorräte und alles Hausgerät zurück, auch Waffen und Munition. Das Salz wurde wieder ergänzt, und Feuerzeuge wurden an trockenem Orte verwahrt. Einmal vielleicht wanderte jemand vorüber, dann fand er Rettung und Reichtum hier. Am dritten Tage begann die Fahrt ins Gelobte Land. „Alle werden frohlocken,“ sagte Manasse leuchtend, „wenn wir die Geretteten bringen, denn alle Herzen sind erschüttert von dem Untergange der Welt.“ „Und ich werde ein Feld haben?“ „Und einen Weinberg dazu! Und bist so angesehen wie jeder von uns, denn wahrlich es gibt keinen Gott der Juden, sondern nur einen Menschengott, und ihm auch erbauen wir den Tempel zu Jerusalem, der Stadt des Friedens. Karawanen wie die unsere durchziehen alle Länder der Erde und suchen Menschen, und aus jedem Ländle bringen sie auch Erde für den Tempel mit, und sie soll in heiligen Krügen im Tempel stehen, als Andenken und als Symbol.“ „So habt ihr auch .russische Erde mit?“ fragte Nadjeschda. Hanna tat die Hülle von einem Kruge ab und wies ihnen, was drinnen war; es war nichts drinnen, nur Erde, und Nadja faßte ehrfürchtig und begierig hinein, und sie fand sogar noch einen kleinen Wurm darin. „Daniel, Daniel,“ sagte sie, „unsere Erde,“ und auch dem Kinde wies sie die Erde und sprach zu ihm: „Sieh hin, deine Erde, russische Erde!“ Dann weinte sie und blickte zum Horizont, der in ungeheurem Kreise die Erde begrenzte. „Wir werden einmal zurückkehren, Daniel!“ „Ja,“ antwortete er „wenn Sebastian groß ist!“ literarisches Echo In den nächsten Monaten erscheint: „J uden und Judentum von heute.“ Uebersichtlich dargestellt. Ein Handbuch. Unter Mitwirkung von Fachmännern von J. Kreppei, Regierungsrat im Bundesministerium für Aeußeres. Kein Weltereignis seit der Zerstörung des zweiten jüdischen Reiches ist derart von einschneidender Rückwirkung auf die innere Struktur des jüdischen Volkes und auf die äußere Lage der Juden gewesen, wie der Weltkrieg 1914—1918 und die infolge der politischen Umwälzungen und der Friedensverträge eingetretenen Verhältnisse in allen Weltteilen. Politisch, religiös, wirtschaftlich-sozial und kulturell haben die Weltereignisse Juden und Judentum vielfach ihren Stempel auf gedrückt. Wir erleben eine der interessantesten Perioden der Geschichte des jüdischen Volkes, deren Auswirkungen noch in den nächsten Zeitabschnitten zu verspüren sein werden. War das Judentum in seinem wirklichen Wesen auch schon vorher nicht bloß für Freund und Feind, sondern auch vielfach für gewisse jüdische Kreise ein gewissermaßen verschlossenes Buch, so ist dies heute mehr denn je der Fall. Selbst Berufspolitiker sind heute außerstande, die Erscheinungen und Wandlungen innerhalb des Judentums zu übersehen und das richtige Bild zu finden. Das Handbuch „Juden und Judentum von heute“, das in der nächsten Zeit der Oeffentlichkeit über-