Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 42 (17.10.1924)
- Date
- 1924-10-17
- Page
- Seite 332 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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332 Das Jfidisciie Echo Nr. 42 grüßung des dort tagenden zionistischen Aktionskomitees einfand, bedeutete dies doch die Anerkennung dieser zionistischen Behörde in ihrem Einflüsse auf die Gestaltung der Verhältnisse in Palästina von seiten der Mandatsverwaltung. Auch in Bezug auf die Einwanderung sind in der letzten Zeit eine Reihe hemmender Bestimmungen in Wegfall gekommen, ein Umstand, der natürlich von hohem Einfluß auf das Tempo der Immigration sein wird. Von allen Seiten der in Palästina bereits lebenden jüdischen Bevölkerung kommen heute Nachrichten, die erkennen lassen, daß man in Jerusalem mit der bisherigen Politik der Nachgiebigkeit und Aengstlichkeit gegenüber absolut unberechtigten arabischen Forderungen ein Ende gemacht hat. Es ist denkbar, daß alle diese erfreulichen Vorgänge der neuerwachten Initiative des Oberkommissars allein zu verdanken sind. Es besteht aber eine mindestens ebenso hohe Möglichkeit, daß hie,r Anregungen aus London mitbestimmend waren. Es ist natürlich unmöglich, hier über interne Vorgänge innerhalb der englischen Verwaltung sich ein letztes Urteil zu bilden; so viel dürfte aber doch feststehen: wenn Herbert Samuel nicht die nötige Rückendeckung im Londoner Foreign Office gefunden hätte, wäre es ihm zweifellos unmöglich gewesen, eine derartige Neuorientierung seiner Politik durchzuführen. Was wird uns die neue englische Regierung bringen? Es ist selbstverständlich, daß die Beantwortung dieser Frage abhängig von der Zusammensetzung der englischen Leitung sein wird. Hierüber herrscht heute noch völliges Dunkel und es wäre verfehlt, auch nur Vermutungen darüber, wer die kommenden Männer sein werden, aufzustellen. Mögen die neuen Minister aber ausgesprochene Zionistenfreunde sein, mögen sie dem Zionismus gleichgültig gegenüberstehen oder sogar Gegner des Zionismus sein,, immer wird ihre Einstellung von außenpolitischen Rücksichten getragen sein müssen, besonders in einem Lande von der politischen Tradition Englands, das kaum je in der Geschichte „Gefühlspolitik“ getrieben hat. Und hier ist folgendes zu sagen: es wird der englischen Regierung in der gegenwärtigen Situation gar nichts anderes übrig bleiben, als sich mit den Juden in Palästina zu halten, wenn anders sie nicht noch einen der letzten Stützpunkte im nahen Osten preisgeben will. Aegypten stellt für das britische Reich heute längst nicht mehr eine irgendwie zuverlässige Machtposition dar. Die englische Armee müßte aus diesem Lande zurückgezogen werden und für dasselbe eine Autonomie geschaffen werden, die einer völligen Unabhängigkeit zum mindesten außerordentlich nahe kommt. Von dieser Seite her besitzt England heute also nicht mehr die für es zur Sicherung des Suez-Kanals und1 des Landweges nach Indien notwendigen Stützpunkte. Aber auch die von England getriebene Araberpolitik hat sich, wie die letzten Nachrichten beweisen, nicht durchsetzen können. Der von England begünstigte und auf den Schilf erhobene ehemalige Scheriff von Mekka, Hussein, der durch die Unterstützung der britischen Regierunug die Königskrone erhalten hatte und dessen Söhne F e i s u 1 und Abdullah zu Herrschern in Mesopotamien und Transjordanien eingesetzt worden waren, ist gestürzt worden. Er konnte dem, Ansturm der Wahabiten nicht den erforderlichen Widerstand leisten, Mekka fiel und damit auch die Schaffung der von England gewünschten arabischen Konföderation, die, durch das Haschimitenhaus repräsentiert, Hedschas, Mesopotamien und Transjofdanien umfassen sollte., Die Verhältnisse in Arabien sind heute noch denkbar ungeklärt. Niemand kann wissen, wie sich dieser unendlich verschlungene Knäuel von einander widerstrebenden Interessen entwirren wird. Einwandfrei dürfte immerhin feststehen, daß die englische Regierung, mag sie nun für die eine oder die andere Seite Partei ergreifen, ständig damit rechnen muß, vor neue für sie nicht unbedenkliche Situationen gestellt zu werden. Damit entfällt aber auch für sie die Möglichkeit, mit einer Sicherung des Suez-Kanals von der anderen Seite her zu rechnen. In diesem Wirrwarr fluktuierender Elemente stellen die Juden in Palästina wohl die einzige konstante Größe dar, eine Größe, deren Wert nicht in ihrer Qualität, wohl aber gerade in ihrer Konstanz, in ihrer unbedingten Zuverlässigkeit liegt. England hat hier die Wahl zwischen der Taube auf dem Dach und dem Sperling in der Hand. Die bisherige Tradition englischer Politik dürfte genügende Garantie dafür sein, daß sie den sicheren Weg verfolgen wird. Unter diesen Auspicien erscheint daher die Erwartung berechtigt, daß der Nachfolger Macdonalds Veranlassung nehmen wird, in seiner Palästinapolitik seinerseits von der bisher geübten Tradition nicht abzuweichen. Nimmt man noch hinzu, daß die Arbeiterpartei mit ihrer Niederlage im Parlament ja nicht etwa aus demselben eliminiert ist. sondern nach wie vor eine wesentliche Rolle in ihm spielen wird, daß die Führer auch der anderen großen Partei, der liberalen, Freunde des Zionismus sind, so haben wir keinen Anlaß, schwarze Wolken an den politischen Himmel des Zionismus zu malen. Aber gerade deswegen gelten die Schlußworte des Artikels, mit dem seinerzeit die „Jüdische Rundschau“ die Arbeiterregierung bei ihrer Uebernahme der Verantwortlichkeit begrüßte, auch heute unvermindert: „Die naiven Gemüter, die d'a glauben, in der Politik werde einem etwas geschenkt, werden sich auch diesmal wieder getäuscht sehen. Auch die neue Regierung Englands wird sich hauptsächlich nach den Realitäten, die der Zionismus schafft oder nicht schafft, richten undi sich ihnen beugen müssen. Nicht die Sympathie der Regierung, sondern unsere eigene Anstrengung ist ausschlaggebend für die Erreichung unseres Zieles.“ Li—r. PELZMODE-HAUS SCHWABE MODERNSTE PELZE MÜNCHEN, KAUFINGERSTR.23