Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 41 (10.10.1924)
- Date
- 1924-10-10
- Page
- Seite 323 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 Das jüdische Echo 323 erst auf den Völkerbund zu sprechen, dessen Intellektuellenkommission er bekanntlich angehört. Er rühmt den günstigen Eindruck, den die bisherigen Arbeiten und Sitzungen dieser Körperschaft ihm vermittelt haben. Es sind dort Menschen aus allen Ländern beisammen, hauptsächlich Gelehrte, die so sehr von der internationalen Bedeutung der zu erfüllenden Aufgabe durchdrungen waren, daß die besonderen nationalen Interessen der Länder, aus denen die einzelnen kamen, durchaus in den Hintergrund getreten sind. „Von dem, was ich dort gesehen habe, habe ich die Ueberzeugung gewonnen, daß, abgesehen von der positiven Arbeit, die dort geleistet worden ist, schon die einzige Tatsache der Vereinigung von Leuten mit höheren Gesichtspunkten in einer Institution von hoher Bedeutung für die Entwicklung der politischen Verhältnisse der Zukunft werden kann.“ Dann lenkt das Gespräch zur Palästinafrage über. Einstein ist wie verwandelt. Mit allem Eifer seines kräftigen Temperaments verweilt er bei dem Thema, das für ihn das Thema ist, dem er sich voll hingibt. „Wie ich die Palästinafrage sehe? Ich sehe sie von zwei Seiten. Erstens handelt es sich um das Problem der Siedlung, das nur durch großangelegte Hilfe von außen gelöst werden kann und zu dessen Gelingen die materiellen Kräfte aller Juden herangezogen werden müssen, zweitens um die Weckung der Privatinitiative hauptsächlich für Werke der Industrie und des Handels.“ „Welche Eindrücke haben sie aus Palästina mitgenommen?“ „Den tiefsten Eindruck hat auf mich die entsagungsvolle Arbeit der jungen Leute gemacht, die aus den verschiedensten Gegenden zusammengekommen, es verstanden haben unter der Wirkung einer gemeinsamen Sehnsucht sich in ganz enge Gemeinschaften zusammenzufinden und durchaus einheitliche und planvolle Arbeit zu leisten. Besonders beim Besuch von Nahalal hat es mich tief ergriffen, wie diese jungen Menschen, abgesehen von den schwierigen Verhältnissen, die sich bei jeder Siedlung auf neuem Boden ergeben, unter einem Kapitalsmangel zu leiden haben, unter einer lächerlich geringen Schuld, welche diese Leute so schwer bedrückt hat. Wie leicht wäre es eigentlich, diesen Menschen zu helfen und wie sehr verdienten sie es! Ich glaube, daß niemand das Leben dieser Menschen sehen kann, ohne die Pflicht zu fühlen, für sie alles zu tun, was in der Macht liegt. Außerdem hat auf mich einen erfreulichen und guten Eindruck die Stärke des Unternehmungsgeistes gemacht, der sich bei der städtischen Bautätigkeit zeigt; es ist der Eindruck, daß da eben eine Entwicklung vor sich geht, die einen fast lawinenartigen Charakter annimmt. Man fühlt, daß dieses Werk von dem starken Gefühl einer Nation getragen ist. Sonst würde man die rapide Entwicklung, besonders an der Küste bei Tel- Awiw, kaum verstehen. Ich habe niemals den Eindruck gewonnen, daß die arabische Frage die Entwicklungsmöglichkeit des Palästinaprojektes bedrohen könnte. Ich glaube vielmehr, daß besonders zwischen den unteren Klassen der Juden und der Araber im ganzen ein gutes Einvernehmen geherrscht hat. Die sozusagen in der Natur liegenden Schwierigkeiten kommen einem nicht zum Bewußtsein, wenn man an Ort und Stelle ist. Unvergleichlich schwerer erscheint einem vielmehr die Frage de(r Rekonstruierung und der Sanierung des Vaterlandes. Der Standpunkt, den die meisten Menschen bezüglich der Palästinafrage bei uns einnehmen, ist ungefähr der: Was geht das uns an? Man könnte die Frage aufwerfen, welche große Bedeutung es für ein zerstreutes Volk von so und so viel Millionen Menschen haben könnte, ob man eine oder anderthalb Millionen von ihnen in Palästina unterbringt. Ich sehe wenigstens die große Wichtigkeit der ganzen zionistischen Arbeit gerade in der Wirkung auf diejenigen, welche nicht in diesem Lande wohnen werden. Es ist da die Wirkung nach innen und nach außen festzustellen. Die Wirkung nach innen liegt, nach meiner Meinung in einer sozialen Gesundung der Juden in dem Sinne eines freudigen Gemeinschaftsgefühles des Sichselbstgenügens, die das gemeinsame Ziel in den Menschen hervorrufen muß, und die die neue junge Generation — nicht nur unter der zionistischen Jugend — außerordentlich vorteilhaft unterscheidet von der früheren Generation, deren Bemühen, in der nichtjüdischen Gesellschaft aufzugehen, zu einer fast tragisch zu nennenden Haltlosigkeit geführt hat. Das ist die Wirkung nach innen. Die Wirkung nach außen sehe ich in der Haltung, die eine menschliche Gemeinnschaft nur durch kollektive, produktive Leistung gewinnen kann. Ich glaube, daß die Existenz eines jüdischen kulturellen Zentrums die moralische und politische Stellung der Juden in der ganzen Welt festigen wird, eben dadurch, daß eine Instanz da ist, welche die Interessen des ganzen jüdischen Volkes gewissermaßen verkörpert. Um dieses Werk zu vollführen, ist es notwendig, daß die große Arbeit nicht auf den Schultern der Zionisten allein ruht. Sie muß immer mehr auf die Schultern der Gesamtheit verteilt werden. Es ist erfreulich zu sehen, daß dieser Prozeß in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht hat, besonders in Amerika, England und Deutschland. Das allerschwierigste ist von den Zionisten geleistet worden. Das Werk hat Dimensionen angenommen, die es zu einer Angelegenheit der jüdischen Gesamtheit machen. Es ist erfreulich, daß das Verständnis für den hohen Wert dieser Aufgabe in der jüdischen Gesamtheit immer weiter fortschreitet.“ Damit ist das Gespräch beendet. Am Abend sprach, wie schon erwähnt, Professor Einstein in einem Kreise führender jüdischer Persönlichkeiten Wiens über das Aufbauwerk in Erez Israel. Zu der Veranstaltung waren alle hervorragenden Mitglieder der jüdischen Gesellschaft geladen. Der Vortrag fand im Grandhotel statt und war außerordentlich stark besucht. Der Redner übte eine tiefe Wirkung. Heute wird er seine Konferenzen fortsetzen und abends nach Innsbruck abreisen. „Gedenket heim Thora-Aufruf des Keren Kajemeth“