Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 41 (10.10.1924)
- Date
- 1924-10-10
- Page
- Seite 321 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 41 Das Jfiüsche Echo 321 teil bemüht, all unsere Kraft dafür einzusetzen, den „Aufgang“ des Judentums in die Wege zu leiten und können uns nicht darum kümmern, ob dadurch vielleicht die Theorien Spenglers etwas an Ueberzeugungskraft verlieren oder nicht. Und so können wir es uns auch nicht versagen, in Palästina einen „romantischen“ Teil des Orients zu bilden, selbst auf die Gefahr hin, daß dadurch der schöne Buchtitel des Herrn Weiß etwas an seiner Schönheit und Richtigkeit verliert. Gibt man uns nicht freiwillig dieses unser Recht, will man es uns nehmen dadurch, daß man diese große alljüdische Bewegung in einer Weise bagatellisiert, wie Herr Weiß es getan hat, dann schreien wir — getreu dem Sprichwort — solange, bis man uns hört, denn dazu sind wir nicht etwa nur berechtigt, sondern aufs tiefste verpflichtet. Wir schulden es unseren Menschen in Erez Israel, die als unsere Vorkämpfer, als unsere Pioniere Tag für Tag für uns alle, einschließlich des Verfassers des „Unromantischen Morgenlandes“, kämpfen, daß wir ihre Ehre, die unsere Ehre ist, hochhalten und nicht zulassen, daß man sie ungestraft als „Neurotiker“ kurzweg erledigt, geistig erdolcht. Den Lesern des Aufsatzes von Alfons P a - q u e t aber wünschen wir, daß sie ihn mit mindestens dem gleichen inneren Interesse aufnehmen, als sie es seinerzeit der Weißschen Artikelserie gegenüber aufgebracht haben. Li—r. Die jüdische Situation i. (Proko): Jede historische Situation enthält in ihrer Struktur außer allen anderen eine Aufgabe, die, ob mit dem Willen ihrer Träger oder gegen ihn, langsam alle anderen Tendenzen entweder ausschaltet oder aufsaugt, und nicht eher ruht, als bis mit der gelösten Aufgabe auch die Situation selbst in einer neuen Phase eine ganz veränderte Gestalt angenommen hat. Das XIX. Jahrhundert war die Aera der großen nationalen Zusammenschlüsse. Maßgebend für sie erwiesen sich die sinnfälligen geographischen Grundtatsachen des Völkerlebens. Daß die deutschen Stämme, die italienischen Landschaften oder die Balkan-Nationen unter türkischem Regime dazu prädestiniert waren, nationale oder Einheits-Staaten zu erbauen* ging am frühesten ins Bewustsein der europäischen Völker ein. Es gab allerdings keine Groß-Staaten, unter die die Angehörigen dieser zur Einheit vorgeschaffenen Gebilde aufgeteilt waren; sonst hätten sich ihren Zusammenschluß-Tendenzen gewiß energische Hemmungen entgegengestellt. Der Abschluß des großen Krieges brachte dann diese Epoche zu ihrem gesteigerten Ausdruck; den Polen, Tschechen, Südslaven, den Randvölkern, Iren, Aegyptern und Arabern ward das Recht auf nationale Gestaltung zugebilligt. Ausschlaggebend war überall die territoriale Absonderung jeder dieser Menschengruppen, die mit ihrer festumrissenen Lokalisierung auf bestimmten Erdstellen der Politik, d .h. dem langsamen und schwerfälligen politischen Rechtsgefühl, die einfachste Handhabe zur Unterscheidung des besonderen Seins und der daraus resultierenden besonderen Rechte auf eigene Daseinsgestaltung boten. II. Aber die Logik der Zustände ging weiter. Sie machte im europäischen Bewußtsein Platz für den Begriff der nationalen Minderheiten — d. h. für die Rechte von Menschengruppen, die nichtmehreinfachangeographischer Fixierung zu erkennen waren, sondern zu deren Erkennung und Feststellung subtilere Unterscheidungen — Sprache, Kultur, nationaler Wille — notwendig waren. Langsam setzte sich in Bewußtsein um, daß jede besondere Menschenart das Recht haben müsse — nämlich habe und auch ausüben dürfe — s o z u leben, daß ihre Dauer und Eigenart nur von ihrem eigenen Willen abhängig sei. Und mit unausweichlicher Konsequenz drängte sich die Erkenntnis durch, daß die großen Staaten auf der Erde in diesem Betracht nur ein Vorrecht haben dürften, nämlich auf das Lebensrecht dieser kleinen, machtlosen Gebilde Rücksicht nehmen zu müssen. Sie mußten zugeben, daß Macht verpflichte. Sie mußten ihre Politik mit Ethos belasten. Sie mußten ebensoviel Selbstbeherrschung zu lernen beginnen wie die Einzelmenschen im täglichen Leben mit dem Aufhören des Faustrechtes hatten lernen müssen. Dieser Prozeß einer ethischen Durchdringung des Bewußtseins der großen Staaten ist eine Tatsache von epochalem Belang. Ihr organisatorischer Ausdruck ist der Völkerbund, in dem auch die größte Nation nur eine Stimme hat — ein nicht scharf genug zu erfassendes Novum. Gerade weil er voller Schwächen ist, zeigt er sich dem Sachkundigen als ein ebenso wichtiges und ebenso zukunftvolles Prinzip, wie vor hundert Jahren das noch ganz gebrechliche Nationalprinzip des „einen Deutschland“ oder „freien Italien“. III. Es gibt nun in Europa, Amerika und anderwärts eine Menschenart, ein Volksgebilde, dem auch diejenigen Kennzeichen nur zum Teil gebühren, die zur nationalen Minderheit machen. Die Juden haben als Unterscheidungsmerkmale nur noch eine Seite nationaler Kultur — ihre Religion — sich bewahrt, als ethischen Grundfaktor ihre besondere Rasse und insofern auch den nationalen Willen, als sie die Tendenz festhalten, auf besondere Art weiter zu bestehen — auszudauern um der Werte willen, die sie in sich verkörpert fühlen und mit dem sehr vernünftigen Anspruch jedes Lebenwesens, das seine Existenz verteidigt. Dagegen fehlt einem großen Teil von ihnen noch das Bewußtsein ihrer Besonderheit und ihres nationalen Dauerwillens, den programmatisch nur zwei jüdische Gruppen — Orthodoxe und Zionisten, politisch faßbar trotz Agudas Jisroel, aber nur diese letzteren — ausgesprochen haben. In der zionistischen Formulierung begegneten sich die Gedankenkreise des europäischen politischen Bewußtseins und der Juden: indem die letzteren, in ihrer Vertretung — erwünscht oder unerwünscht — durch die Zionisten einen Anspruch auf ein bestimmtes Territorium PELZMODE-HAUS SCHWABE MODERNSTE PELZE MÜNCHEN, KAUFINGERSTR.23