Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 38 (19.9.1924)
- Date
- 1924-09-19
- Page
- Seite 286 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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286 Das Jüdische Echo Nr. 38 ihn aus dem Jiddischen übersetzt Auf dem Deckblatt ist eine Frau abgebildet, die über ein Bett gesunken ist und in völliger Lethargie Kopf und Arme hängen läßt. Dies die Stimmung des Buches. Es schildert das schwere Schicksal der schönen Mirel, der Tochter des Reb Gdelja Hurwitsch. Wie sie im heimatlichen Städtchen geliebt wird, von einem Studenten, von einem reichen Mann, und — nicht wiederliebt. Wie sie einen Beliebigen heiratet und — nicht wiederliebt. Wie sie ihn verläßt und verkommt. Das Ende vom Liede steht Mirel auf der Stirn geschrieben. Ein narzisti'seh! stolzes in sich verschlungenes Geschöpf, das nicht zur Welt findet. Ihr letzter Brief lautet: „Vom Tage meiner Geburt an, lebe ich den Herbst und habe niemals einen Frühling gehabt. Jemand hat für mich einen Frühling gehabt und ich sehe es von Tag zu Tag klarer: Noch ehe ich geboren wurde; hat jemand für mich meinen Frühling gelebt.“ Es ist ein feines Buch, das sehr mit der Sprache anhält, und sauber, vorsichtig und bewußt seine Figuren setzt. Man1 erkennt nach einigen Seiten: Dies ist ein Übergangswerk, keine jiddische Originalarbeit, wenn sie auch jiddisch geschrieben ist. Sondern dieser Autor kennt westliche Schreibart, westliche Romantechnik, seine Mirel Ist vorzüglich gesehen, scharf ulmrissen; es ist eine Figur, um die bald die Luft Flaubert, bald, so kommt es einem vor, die Luft Neuerer weht. Aber eine solide Begabung hat das Ganze gemacht, hat einen typischen schmerzlichen Ton von Anfang bis zu Ende, durchklingen lassen. Unsicheres, städtisches Judentum ist das Milieu von Bergeisens Buch. Mirel, wie sie ohne Boden ist, in sich gefesselt, nicht lieben kann, kein ungebrochenes Gefühl aufbringt, hinsiecht, Ist Symbol für das Milieu. Bergelson scheint selbst entfernt von diesem Milieu zu sein; er ist imstande, es zu gestalten. Da greift ein jiddischer Klassiker, — neben Aleichem und Perez —, Mendele fest in die eigentliche alte jiddische Volkssphäre und bringt sie, eigenmächtig und vollkräftig, wie sie ist oder war, bringt sie mit sich. Mendele wird geliebt von allen, die jiddisch sprechen. Er1 ist ein wirklich volkstümlicher Erzähler. Mendale Moicher Sfurim heißt er vollständig, der Bücherhändler! sein anderer Name ist Schülern Jaankew Abramowitsch. Seihe „Gesammelten Werke“ erscheinen aber (im selben Jüdischen Verlag, Berlin) übersetzt von Salomo Birnbaum. Der erste Band, der herausgekommen ist, „Schloimale“, ist zugleich Mendales letztes Werk, das er nicht beendet hat. Es ist das erste Stück seiner Selbstbiographie. Dies ist reinste östliche Arbeit. Kaum „Arbeit“ oder „Werk“, sondern Sichhinstellen, Sichgeben. Ein völlig ungetrübter Genuß, dies zu lesen. Wer Mendale sprechen hört hat gleich das Gefühl, an einem wirklichen, natürlichen Quell zu sitzen. Es ist ja keine Dichtung, dieser „Schloimale“; man sieht bald, daß hier leger umdl kunstlos berichtet wird und nicht komponiert. Aber mit welcher Haltung wird gesprochen aus welchem reichen Herzen- Mit welchem umfassenden Blick. Das Leben des ostjüdischen Volkes, seiner Kindheitsperiöde schildert er, mit vielem Figurenwerk. Die ganz besonders gefärbte Dunkelheit eines Kindes. Man erfährt hier mehr ältere jiddische Volkskunde als aus bloßen Berichten. Uralter Dämonenglaube, Seelenwanderungsideen sind lebendig unter diesen einfachen Menschen. Dann hört man von der oft wunderbaren Durchtränkung des ganzen Empfindungslebens mit märchenhaften religiösen Vorstellungen. Wie Schloimale vor Tag auf stehen muß: „Nach der ersten Nachtwache um Mitternacht“,, so steht geschrieben, „weht ein Nordwiindhauch, und die Wachen der Engel im Himmel werden abgelöst. Der1 Windhauch rührt den Engel Gabriel an; er stößt aber sechs Rufe aus und liest sodann aus einem Buche alle Handlungen: der Menschen,, dite an diesem Tage getan wurden. Dann zupft der Hauch ganz leise am Flügel des Hahns hier unten. Er erwacht und kräht laut. Da entsteht oben und unten ein Getümmel. Gabriel ruft Im Himmel. Jetzt steigt Gott aus dreihundertundneunzig Himmeln herunter, um im Paradies zu lustwandeln. Engelscharen eilen voran und lobsin gern; Tut euch, ihr Tore. auf. Öffnet euch hoch und weit. Lasset Gott auf seinen Weg, O ihr Pforten der Ewigkeit. Auohi die Bäume im Paradiese singen,, entsenden süßduftende Wohlgerüche. Da, er, ist da,. Gott. Voll Erbarmen bleibt er, schaut und nicht. Plötzlich stößt er einen Ruf aus, wie ein Löwengebrül'l. Er weiht über Jerusalem, die wüste Stadt. Und zwei heiße Tränen fallen aus seinen Augen in das, große Meer. So weint Gott dreimal in jeder Nacht, in seinen Himmeln oben. Da läßt es Gute und Fromme nicht schlafen.“ Die Begegungen mit der Natur. Schon in der Vorrede schildert Mendale, wie er zum Buchhandel kam; „Verdienen ist gleich, die Hauptsache ist das Reisen“. „Mitten im besten Beten reißt es mich zu dem blauen bestirnten Himmel empor mit dem versonnenen schwermütigen, herrlichen Mond. Meine«Gedanken sind bei hellen Gesichtern, schönen, brennenden nachdenklichen Augen, Geseufze, Geraune, dichtbeasteten Linden. Ich sehe das laufende murmelnde Gewässer vor mir, stolz schimmernde Gänse, ein Weidenbäumlein spiegelt sich und badet seine Zweige im Wasser“. Das Kind Schloimale kommt, von der Natur angelockt, — und auch ein kleines Mädchen ist da, — in dieselbe Bedrücktheit und das Sündhaftilgkeitsgefühl. wie es der Westen bei seinen Frommen kennt. Breit, mit Humor, oft mit aufklärerischer Kritik, werden die älteren patriarchalischen Zustände geschildert, die Leiden des Schulunterrichts, des Seminars. Die Tragödie des KRELL-UCKO DAS HAUS W W* V THEATINERSTR.16 TELEFON 27831-32 BIETET BESONDERE PREISVORTEILE IN KLEIDERSTOFFEN-SAMT UND SEIDE DAMEN- UND JUNG MÄDCHEN-KONFEKTION TEPPICHEN — GARDINEN - DECKEN