Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 38 (19.9.1924)
- Date
- 1924-09-19
- Page
- Seite 285 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 38 Das Jfltfiscfe« Echo 285 I II1111 ■ 1 | [ Feuilleton || |!| iiilü ■ UHU Das Synagogenfenster von Martha Nothmann. Der kleine Kramladen des alten David lag etwas außerhalb der Stadt dort, wo die Bauern ihre Einkäufe machten. Er lebte ganz für sich allein. Niemand hatte ihn jemals bei sich zu Gaste gesehen — niemals hatte er einen Gast bei sich aufgenommen. Man ließ ihn seiner Wege gehen, denn er galt als Geizhals und Sonderling. Trotzdem es ihm nicht schlecht ging, lebte er in größter Dürftigkeit. Niemals hatte man einen neuen Rock an ihm gesehen, niemals hatte ein Fleischgericht auf seinem Tisch gestanden. Still ging er seines Weges, kurz sogar in Worten, als wollt er auch hierin sparen. Man wußte nicht viel von ihm. Man entsann sich nur noch, daß er vor Jahren, bei der großen Typhusepidemie Frau und Kinder verloren hatte. Daß er aus dem: Unglück noch einen Knaben gerettet hatte, wußte man nicht mehr. Er hatte ihn damals aus dem Hause des Grauens zu Verwandten geflüchtet, und ihn dort erziehen lassen. Niemand konnte ahnen, daß dieser Knabe der Mittelpunkt von Davids Leben war, denn nie hatte er von ihm gesprochen, ihn besucht oder zu sich kommen lassen. Eine so weite Reise hätte viel Geld gekostet, und alles Geld sparte er ja für ihn — den Letzten, der ihm geblieben. Für Ihn arbeitete er Tag für Tag, für ihn fror er im Winter im ungeheizten Stübchen, und für ihn darbte er bei trockenen Kartoffeln'. Denn alles, was er ersparte, das sollte das Leben seines Knaben reicher machen, sein Sohn sollte nie ahnen; was Not und Entbehrung ist — er sollte alles lernen, was zu lernen war, er sollte alles genießen, was das Leben bieten kann. Davon träumte der alte David Jahr für Jahr in seinem kleinen Stübchen hinter dem Laden, und dieser Gedankemachte ihm das Zimmer warm, und die Kartoffeln, schmackhaft. Was brauchte er den Knaben zu sehen? Sah er ihn nicht Tag für Tag vor sich — zu jeder Stunde — zu jeder Minute? Es genügte ihm vollkommen, wenn von Jacob mit jedem Quartal ein Brief kam, und die Zeugnisse seiner Lehrer, die ihn stets als fleißigen und ehrgeizigen Schüler lobten.-• Erst als Jacob die Lateinschule abgeschlossen hatte, kam er zu seinem Vater. Fremd sah der junge Student auf das merkwürdige Treiben in der kleinen Judenstadt — fremd war ihm der Vater. Nur dunkel entsann er sich seiner aus den Tagen der Kindheit, nichts verband ihn mehr mit dem wunderlichen, wortkargen Alten. Er merkte es nicht, daß der alte Mann seit seiner Ankunft in einem Taumel des Entzückens herumging — er ahnte nicht, daß sein Kommen für ihn das Ziel aller Wünsche, die Erfüllung seines Lebens war. Sein einziger Gedanke war der, sich schnell seiner lästigen Pflichten zu entledigen und fortzureisen. — Gelangweilt schlendert er durch die häßlichen, engen Straßen — so kommt er auch vor das Haus des Rabbi. Ah — der große Rabbi — ob er einmal hineingeht? Aber seine übermütige Miene wird ernst, als er die greise Gestalt des Rabbi vor sich sieht. Der Rabbi winkt ihn he|an. „Was will der gelehrte Lateinschüler bei einem alten Mann?“ Jacob hat schnell seinen Mut wieder gefunden. „Rabbi, man erzählt, daß Ihr Zukunft und Vergangenheit wißt — zeigt sie mir!“ Der Rabbi sinnt einen Augenblick nach-, dann sagt er: „Mein Sohn — wenn am Neujahrstag das Schofarhorn ertönt, so hebe Deine Augen auf zu dem Fenster, das rechts über der Empore ist. Dort wirst Du das Vergangene Leben Deines Vaters an Dir vorüberziehen sehen. Danach sieh durch das linke Fenster, und dort wirdsich Dir seine Zukunft enthüllen.“ Das Neujahrsfest neigt sich seinem Ende zu — nun ertönt das Schofarhorn. Wie von einer Gewalt gezogen, richtet Jacob seine Augen auf das Fenster oberhalb der Empore. Eben war es noch hell, ausgefüllt von dem hellen Blau des Himmels — aber nun, beim Klange des Hornes erfüllt es sich mit Bildern. Es ist immer wieder dieselbe Gestalt, die dort über die kleine Fläche schreitet, es ist der Vater. Einsam schreitet er zur Synagoge — einsam sitzt er in seinem dürftigen Stübchen beim dürftigen Mal — und immer Arbeit und Mühe von früh bis spät. Was ist seine einzige Freude? Ein Brief seines Sohnes — was seine einzige Erholung — seine alten Schulhefte durchzublättern. — Erschüttert senkt der junge Student die Augen — welch’ dürftiges Leben — dürftig, um das seine reich zu machen. — Und was ist der Lohn für all diese Mühsal — nichts spiegelt das andere Fenster wieder — nichts als einen schlichten Grabstein. Jacob ergreift die greise Hand des Vaters, die für ihn welk und zerarbeitet ist — fest ergreift er sie, um sie nie mehr loszulassen. literarisches Echo Alfred Döblin über ostjüdische Dichtung. (B e r g e 1 s o n und M e n d a 1 e.) Der als der bedeutendste Epiker des deutschen Schrifttums anerkannte Dichter Alfred Döblin, der in der letzten Zeit sein Interesse auch jüdischen Problemen zugewendet hat — Döblin ist Jude — nimmt jetzt zum ersten Male auch zur ostjüdischen Literatur Stellung. Einen, Artikel, „Ostjüdische Erzähler“, der vor kurzem in der Vossischen Zeitung erschien, geben wir in Folgendem unter Weglassung eines kurzen Anhangs wieder. Von David Bergelson erschien im Jüdischen Verlag, Berlin, ein Romani „Das Ende vorn Lied“. Der kürzlich verstorbene Eliasberg, ha$