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Das jüdische Echo · 1924-09-19 · 38 (19.9.1924) · p. Seite 280

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
11 (1924)
Issue
38 (19.9.1924)
Date
1924-09-19
Page
Seite 280 (sequence 4)
Language
German
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280 Das Jüdische Echo Nr. 38 Man lese dies — und erröte! Denn es ist für den unendlichen kulturellen Tiefstand unserer Zeit charakteristisch, daß gerade und nur in Deutschland Juden es wagen, unsere Chaluzim mit Spott und Hohn zu übergießen. Menschen, die noch nie in sich den Flügelschlag des Geistes und der Begeisterung vernommen haben, deren Seele nur eine Provinz kennt: Geld, Geld Geld — wagen es, das menschlich-Reinste und jüdisch- Heiligste, was das jüdische Volk seit langer Zeit für seinen Bestand und seine Zukunft hervorgebracht hat, mit ihren schmutzigen Worten und Gedanken anzutasten. Eltern, denen die Lebenswahl ihrer Kinder nicht in ihren Geschäftskram paßt, entblöden sich -nicht, ihren Willen den Kindern aufzudrängen, oder wenigstens es zu versuchen. Will man es glauben, daß es heute noch, nach all den Erfahrungen der letzten 15 Jahre, nach der Arbeit und den Ergebnissen der allgemeinen wie der jüdischen Jugendbewegung, Eltern gibt, die noch nicht erkannt haben, daß die Erfahrungen und Weisheiten ihres ablaufenden Lebens nicht richtunggebend sein können für die aufstrebenden, sich ewig empörenden Selbstgefühle und Hoffnungen der Kinder? Daß die Jugend nach ihren eigenen Gesetzen leben will und leben wird? Daß Alt und Jung nicht zusammenpaßt, wenn Jung sich beugen soll: denn Jung beugt sich nicht, es sei denn, daß es nicht mehr jung ist! Väter und Söhne! Das alte Problem, tief geankert in den physiologischen Bedingungen von Verfall und Blüte, schmerzlich empfunden seit Jahrtausenden in Königspalästen und Krämerläden, am Familientisch und auf dem Ackerboden — von allen Dichtern erfaßt und gestaltet — und doch nicht unlöslich! Es muß nicht sein, daß, immer wieder, die Söhne die Väter hassen, hassen aus tiefem Herzensgrund als ewige Hemmer und Warner; es muß nicht sein, daß, immer wieder, Väter die letzten zarten Fäden zerreißen zwischen sich und den Kindern durch Lieblosigkeit gegen deren Eigenleben und aus dummem Ärger über ihre eigenen Überwinder, die die ausgetretenen Wege verachten; es muß nicht sein, daß, immer wieder, Familien zerrüttet werden, wenn, zwischen 15 und 25 Jahren, die Kinder sich selbst, die Tatsache ihrer eigenen seelischen Existenz, ihrer selbständigen Ziele erfühlen und nun auch erleben wollen. Es muß, endlich, dazu kommen, daß Eltern ihre Kinder verstehen, Jugend als Jugend existieren lassen, daß Eltern sich bescheiden, zurücktreten, stille sind! Jüdische Eltern, und namentlich ihr, die ihr das in Jahrhunderten nicht zur Erde gestiegene Glück habt, Kinder zu haben, die wieder nichts als Juden sein wollen, habt Ehrfurcht vor euren Kindern! Laßt den törichten Wahn, als ob ihr nur deshalb, weil ihr 30 Jahre länger lebt und dies und das gesehen habt, euren Kindern etwas sein könnt. Bildet euch nicht ein, daß eure angeblich so treue Fürsorge für eure Kinder, da ihr sie ernährt und kleidet, irgendwelche sittliche Bedeutung hat! Abgesehen davon, daß ihr dazu nach Maßgabe eurei; Verhältnisse staatlich verpflichtet seid: jede Henne führt ihre Küken zu Wasser und Körnern, jede Kuh brüllt tagelang, wenn man ihr das Kalb nimmt! Damit also erhebt ihr euch, animalischen Instinkten folgend, noch nicht über das Tier! Aber das macht erst das Säugetier Mensch zum göttlichen Menschen: über den eigenen Hunger hinaus an den Hunger der anderen denken; wissen, in welche Reihe man gehört; einen Teil seiner Kräfte der Gesamtheit widmen; und vor allem dies: seine Kinder zu reinen Idealisten machen, ihnen den Ekel vor dem Geld1 mit der Muttermilch, eiinflößen; ihnen nach ihrem Bedürfnis den Weg zu eigenem Leben erleichtern, statt erschweren. * * * Dem Blau-Weiß, dem aus der zionistischen Studentenschaft Deutschlands entstammenden Erwecker und Führer der jüdischen Jugend, gebührt des jüdischen Volkes hoher Dank für seinen Willen und seine' Kraft. Er umklammert die Kinder, die sich ihm ergeben habeni, mit elementarer Gewalt und erzieht sie zu jüdischen Bürgern r und doch sah ich nie frohere Gesichter, lachendere Herzen als bei diesen Jungen und Mädeln, wenn sie, der liebevollen Langeweile des elterlichen Hauses und seinem widernatürlichen Zwang entflohen, in diesen Klammern ihre Freiheit fanden! Wird einmal, nach Jahrhunderten, die jüdische Geschichte unserer Zeit geschrieben, dann wird sich manche Seite füllen mit der historischen Bedeutung des Blau-Weiß und der Chaluzim. (Dies ungeachtet der Erkenntnis, daß der Blau-Weiß im einzelnen viele Fehler der Erziehung und der Organisation begeht und vor allem nicht verstanden hat, seinen Teil beizutragen zu ruhiger Lösung des Elternproblems; er hat sich selbst allzuviele Steine auf den Weg geworfen.) Und so mancher Vater, könnte er in hundert Jahren über die geschichtliche Bedeutung der Chaluzim lesen, würde, tief erschrocken über seinen eigenen Unverstand, der zehnmal größer ist als der seiner Kinder, beschämt sprechen: Ich habe nicht gewußt, was meine Kinder tun. Euch aber, jüdische Mütter, die solche Söhne und Töchter der jüdischen Welt geschenkt haben, gilt das Wort der Vätersprüche: Heil der Mutter, die dich gebar! Benjamiin ben Meir Der Bundestag des Blauweiü in Elpershofen Nicht eine Versammlung von 40 Rabbinern, wie ein großer Teil der antisemitischen Presse berichtete, wohl aber ein Bundestag, zu dem 1500 jüdische Jungens und Mädels in dem schönen Jagsttale zusammenströmten, fand iim vorigen Monate in Elpershofen statt. Bundestag, ein Wort von, geradezu zauberhaftem Klang für die, die in der Jugendbewegung stehen, der Tag, an dem Heerschau abgehalten wird über alles das, was in der Zeit vom letzten' Bundestag bis zum neuen im Bund und durch dien Bund geleistet worden ist. Es soll sogar eine Art eigener Zeitrechnung existieren, derart nämlich, daß man das Leben nicht mehr wie bisher nach einer der üblichen Zeitrechnungen, sondern nach der Anzahl der in einem gewissen Zeitabschnitt stattgefundenen Bundestage gliedert. Von so einschneidender Bedeutung sind diese Jugendkongresse für das Leben der einzelnen Jugendverbände und damit wiederum auch ihrer Mitglieder geworden. Aus allen, Richtungen Deutschlands, aus Österreich, der Tschechoslowakei und anderen Ländern mehr trafen bei strömendem Regen die Scharen jüdischer Jungens und Mädels, die im „Blauweiß“ die stärkste jüdische Jugendorganisation darstellen, in dem für die Abhaltung des Bundestages ausersehenen Dörfchen Elpershofen ein. Der Regen brachte es zwar fertig, ihre Kleidung restlos zu durchnässen, konnte aber trotz aller Bemühungen die fröhliche und lebhafte Stimmung nicht zerreißen, die durch diese Zu-

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