Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 36 (5.9.1924)
- Date
- 1924-09-05
- Page
- Seite 271 (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 36 Das Jüdische Echo 261 Spät am Nachmittag wurde das Urteil verkündet: Unterwachtmeister Bunke wurde zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, außerdem wurde ihm für drei Jahre das Recht aberkannt, ein öffentliches Amt zu bekleiden. Oberwachtmeister Domei wurde zu einer Geldstrafe von 200 Mark verurteilt. Polizeihauptmann Dubbe und Unterwachtmeister Marcinkewitz wurden freigesprochen. Gegen den abwesenden Wachtmeister Schreiber wird in einem späteren Zeitpunkt verhandelt werden. Antisemitische Provokationen im Reichstag Berlin (J.T.A.). In der Sitzung des Reichstages vom 27. August kam es bekanntlich zu so wüsten Szenen, wie sie in diesem Hause bisher noch nicht erlebt worden sind. Deutschvölkische und Kommunisten stürzten sich auf den demokratischen Abgeordneten Brodauf, der gegen die Überweisung des Amnestieantrages zugunsten der in Haft befindlichen Abgeordneten an den Rechtsausschuß Einspruch erhob und verletzten ihn nicht unerheblich am Auge. Es entstand eine wüste Keilerei, die auch nach dem Aufheben der Sitzung fortdauerte. In der darauffolgenden Sitzung stellte der demokratische Abgeordnete und frühere Reichsminister Koch fest, daß die Hauptschuld für die Erregung die Nationalsozialisten treffe, die durch antisemitische Provokationen wie „Juden raus“, „Judenschwein“ usw. das Signal zum Angriff auf Brodauf gegeben haben. Sogar der Fraktionsführer Abg. Graefe leistete sich den Ruf: „Raus mit dem Juden Brot-auf“. Diese Feststellungen des Abg. Koch bekräftigten die Nationalsozialisten durch Zurufe: „Jawohl, so haben wir gerufen.“ Tatsache ist, daß der sächsische Landgerichtsdirektor Brodauf als Sohn protestantischer Eltern geboren ist. Abg. Brodauf war es, der im vorigen Reichstag eine scharfe Rede gegen die in Deutschland eingewanderten Ostjuden gehalten hat und die Beschlagnahme ihrer Wohnungen forderte. Damals erntete er auf den Bänken der Rechten starken Beifall. Ludendorff bezeichnet die Annahme der Dawes- Gesetze als einen Tannenberg-Sieg der Juden Berlin (J.T.A.). In der Spätnachmittagssitzung des Reichstages vom 29. August, als der Präsident das Resultat der Abstimmung über die Dawes-Gesetze verkündete, trat General Ludendorff an den Volksparteiler Admiral a. D. Brüninghaus heran und sagte in schroffem Ton: „Zehn Jahre nach Tannenberg haben Sie den Juden zu ihrem Tannenberg verholfen.“ Darauf Brüninghaus: „Exzellenz, darüber wird die Geschichte urteilen!“ Dieser Vorfall hat unter den Reichstagsmitgliedern Aufsehen erregt und wurde viel besprochen. Hohe Zuchthausstrafen für die Schänder des jüdischen Friedhofes in Hagen Berlin (J.T.A.). Aus Hagen wird telegraphiert: Vor dem Hagener Schöffengericht fand am 28. August die Verhandlung gegen vier Angeklagte statt, die Verwüstungen auf dem jüdischen Friedhof in Hagen-Eilpe angerichtet hatten. Nach fünfstündiger Verhandlung verurteilte das Gericht den Fuhrmann Wilhelm de Haas zu sechs Jahren Zuchthaus und zehn Jahren Ehrverlust, die übrigen Angeklagten wurden zu Gefängnisstrafen von zwei, drei und vier Jahren verurteilt. Bayern Völkisches Denunziantentum München (J.T.A.). Das „Ingolstädter Tageblatt“ hat am Montag nach der Verfassungsfeier einen scharfen Angriff auf die Weimarer Verfassung gerichtet und die Namen sämtlicher jüdischer Mitbürger, die am Verfassungstage schwarz-rotgold geflaggt hatten, samt genauer Adresse angeführt. Wieder ein jüdischer Friedhof geschändet München (J.T.A.). Die Schändung jüdischer Friedhöfe nimmt überhand. Auf dem Israelitischen Friedhof in Regensburg wurden mehrere Grabsteine beschädigt und mit Hakenkreuzen beschmiert. Die Täter sind noch nicht ermittelt. Frankreich Hillel Zlatopolsky — Ritter der Ehrenlegion Dem Mitglied des Zionistischen Aktionskomitees und des Direktoriums des Keren Hajessod, Herrn Hillel Zlatopolsky, ist von der französischen Regierung der Orden der Ehrenlegion verliehen worden. Die Auszeichnung erfolgte wegen der Verdienste, die sich Zlatopolsky um die französische Zuckerindustrie erworben hat. (Ziko.) Herriot über die französischen Interessen in Palästina Paris (J.T.A.). In der Sitzung des französischen Senats vom 27. August ist bekanntlich das Gesetz über die Ratifizierung des Lausanner Vertrages mit 270 gegen 20 Stimmen angenommen worden. Im Verlauf der Debatte sprach Senator Francois St. Maur gegen das britische Mandat über Palästina. Frankreich, sagte er, war vor dem britischen Mandat die maßgebendste Nation im Orient und der Protektor aller Orientchristen, insbesondere der Christen in Palästina. Es sei nun zu befürchten, daß die Ratifizierung des Lausanner Vertrages und die dadurch bedingte automatische Anerkennung des britischen Mandats einen vollkommenen Verzicht auf die französischen Rechte und hauptsächlichst der Rechte der Heiligen Stätten in Palästina bedeutet. Der Ministerpräsident, Herr Herriot, der in die Debatte eingriff, erklärte, es sei nicht wahr, daß die Ratifizierung des Lausanner Vertrages den französischen Rechten und dem französischen Einfluß im Orient ein Ende bereiten würde. Frankreich behielte seine Rechte auf die Heiligen Stätten in Palästina. Ungarn Ein jüdischer Maler in Ungarn ausgezeichnet Budapest. Der ungarische Unterrichtsminister hat aus Anlaß der von der ungarischen Kunstakademie arrangierten Gemäldeausstellung dem bekannten jüdischen Maler Adolf Fenyes die goldene Medaille zuerkannt, die nur alle drei Jahre verliehen wird. Adolf Fenyes Gemälde behandeln zum größten Teil jüdische Motive. Lettland Andachtsübung im Eisenbahnzug ein Vergehen gegen die öffentliche Moral Riga. In einem nach Orsche gehenden Eisenbahnzug wurde dieser Tage ein alter Jude, der im Zuge seine Morgenandacht verrichtete und dabei Tefillin anlegte, von der Eisenbahnbehörde an einer entlegenen Station aus dem Zuge abgesetzt und mit drei Goldrubel Geldstrafe wegen „Vergehens gegen die öffentliche Moral“ verurteilt. Amerika Das amerikanisch-jüdische Hilfskomitee liquidiert New York. Nach mehr als neunjähriger Tätigkeit hat das amerikanisch-jüdische Hilfskomitee seine Büros geschlossen. Das Komitee hat viele Tausende Familien unterstützt, über