Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 36 (5.9.1924)
- Date
- 1924-09-05
- Page
- Seite 272 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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262 Das Jüdische Echo Nr. 36 4000 Kinder ernährt und bekleidet, ferner etwa 1 000 000 Tonnen Nahrungsmittel nach Mitteleuropa gesandt. Das Komitee wurde am 25. Oktober 1914 gegründet; Herr Henry H. Rosenfeld hat das Hilfswerk die ganze Zeit hindurch geleitet. 63 137 562 Dollar hat das Komitee in Amerika aufgebracht und durch das Joint-Distribution- Komitee vertreiben lassen. Als in den ersten Kriegstagen die Leiden der Juden Europas bekannt wurden, berief Herr Louis Marshall die Vertreter von 38 jüdischen Organisationen, mit deren Hilfe das amerikanisch-jüdische Hilfskomitee gegründet wurde. Der Präsident des Komitees war Herr Louis Marshall, der Sekretär Dr. Cyrus, L. Sulzberger und der Schatzmeister Herr Felix M. Warburg. Ein Gebetbuch für jüdische Blinde Ein in Braille gedrucktes Gebetbuch für jüdische Blinde wird in diesen Tagen erscheinen. Das Material wurde nach Weisungen der Frau Joshua Piza aus New York zusammengestellt; der Nationalrat der Jüdischen Frauen hat sich um die Herausgabe bemüht. Die erste Joint-Spende für die jüdische Kolonisation in Rußland New York (J.T.A.). Das „Joint Distribution Committee“ hat beschlossen, für die jüdische Kolonisation in Sowjet-Rußland vorerst eine Summe von 400 000 Dollar zu bewilligen. Dr. Rosen, der bisherige Direktor der Joint-Arbeit in Rußland, hat bereits von New York aus die Reise -nach Rußland angetreten, um an dem Siedlungswerk tätig zu sein. Ku Klux Klan lädt Juden als Mitglieder ein Baltimore (J.T.A.). Herr E. Milton Altfeld, der Staatsanwalt von Maryland, hat von der antijüdischen und antikatholischen Terroristengesellschaft Ku Klux Klan die Einladung erhalten, der Gesellschaft beizutreten. In dem Schreiben wird gesagt, Ku Klux Klan habe seine Taktik gegen die Juden geändert und wolle solche Juden, die im Kriege im amerikanischen Heere gedient haben, aufnehmen. Herr Altfeld, der Autor des Werkes „Der Kampf der Juden um religiöse und bürgerliche Freiheit in Maryland“, hat die Einladung abgelehnt. literarisches Echo „Der Geist der jüdischen Kultur und das Abendland“ von Friedrich Mückle. Rikola-Verlag 1923. 659 Seiten. Vorrätig in der Ewer-Buchhandlung. Die verwirrende Fülle neu zu Tage geförderten wissenschaftlichen Rohstoffes und das ungeheure Erlebnis des Weltkrieges wirkten zusammen, den faustischen Drang nach Beantwortung der uralten Frage nach dem Sinn der Geschichte zu beleben. So ist das vorliegende Werk entstanden als Gegenstück zu Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“, wenn es auch in seinen wesentlichen Teilen schon vor dessen Erscheinen abgeschlossen war. Gleich Spengler geht Mückle von Goethe aus. Während indessen jener von diesem Ausgangspunkte aus zu einer Gesamtschau der Kulturentwicklung kommt, bei der die einzelnen großen Kulturen gewissermaßen als beseelte Wesen erscheinen, die außer dem Grundgesetz alles Lebendigen, daß auf Blüte und Reife unrettbar der Untergang folgt, so gut wie nichts Gemeinsames haben, kommt Mückle von dem gleichen Ausgangspunkte aus zu einer Gesamtschau, bei welcher alles Werdende als vielfarbige Ausstrahlung eines und desselben „Urprinzipes“ erscheint, so zwar, „daß eine ganze Reihe fremder Kulturen als mehr oder minder bestimmende oder gestaltende Macht in einem Volke oder auch bei einem Einzelnen wirksam werden können.“ Als solches „Urprinzip“ oder „Urphänomen“ bezeichnet Mückle „das nie rastende Wechselspiel von Machtstreben und Erlösungsdrang, das in den großen Kulturen, den großen Geistern, den Gemeinschaften, in jedem einzelnen Menschen sich äußert“ und das, je nachdem der Machtwille oder der Erlösungsdrang in der Seele eines Volkes die Vorherrschaft behauptet, dessen Kulturentwicklung bestimmt. Mückle beansprucht für diese Theorie, die er selbst als analoge Anwendung der Grundgedanken der Goetheschen Farbenlehre bezeichnet, die Würde einer „Leuchte in der schrecklichen Wirrnis der Einzeltatsachen, die eine richtungslos arbeitende und in der Fülle und Oberfläche der Erscheinungen sich verlierende Wissenschaft um uns verbreitet.“ Man kann nicht sagen, daß seine Darstellung der Kulturentwicklung des jüdischen Volkes trotz ihrer „sprühenden Lebendigkeit“ und einer anerkennenswerten Bemühung nach reiner Sachlichkeit diesen Anspruch rechtfertige. „Ein unbändiger Machtwille rast in der Seele dieses Volkes“ — zu diesem Schlußergebnis gelangt .Mückle auf Grund seiner Durchleuchtung der Jahrtausende jüdischer Geschichte an Hand seines Urphänomens. Sogar die messianischen Vorstellungen der jüdischen Prophetie findet er von diesem imperialistischen Grundzug der jüdischen Volksseele beeinflußt. So erklärt sich ihm denn auch die Tatsache des Eindringens des jüdischen Geistes in das Abendland in Gestalt des Christentums daraus, daß der gleiche unbändige imperialistische Machtwille auch in der Seele „des Abendländers“ rast. Wie Spengler, so unterscheidet auch Mückle zwischen einer Ära der „Kultur“ und einer solchen der „Zivilisation“, ohne sich indessen die starre Formulierung Spenglers anzueignen, daß im Stadium der Zivilisation eine Fortentwicklung der Kultur überhaupt nicht mehr stattfindet. — Die Verschwommenheit der Begriffe „Machtstreben“, „Erlösungsdrang“, „Kultur“ und „Zivilisation“ gestattet es, die verschiedensten Theorien auf sie zu gründen. Man kann die Tatenlust der Helden, den Schaffensdrang der Künstler, die Visionen der Propheten, die Systeme der Philosophen, die Handlungen der Einzelnen, die Bewegungen der Massen, kurz alle geschichtlichen Phänomene, mehr oder weniger willkürlich aus dem Machtwillen, aus dem Erlösungsdrang oder aus beidem hervorgehen lassen und bald der „Kultur“, bald der „Zivilisation“ zurechnen. Es fällt infolgedessen auch Mückle nicht schwer, mit seiner Methode zu einer Vereinfachung der „Kulturseele“ der Juden, der Inder, der Babylonier, des Abendlandes usw. und damit zur „Erklärung“ eines Jahrtausende umspannenden Volksschicksals zu gelangen. Eine Vertiefung unseres Wissens um das WIE? geschweige denn um das WARUM? der Geschichte wird freilich durch seine Methode so wenig erreicht, als durch die noch kühneren Caprioien der Spengler’schen Modephilosophie. Alle diese anspruchsvollen Versuche, ganze „Kulturen“ psychologisch aus einem allgemein menschlichen Urphänomen oder einer rassisch bedingten Urform des Schauens zu erklären, bedeuten gegenüber der materialistischen Geschichtsauffassung von Marx und Engels keinen wirklichen Fortschritt. Diese war und ist für die Geschichtsforschung wenigstens als „heuristisches Prinzip“ von ungeheurem Nutzen, insoferne sie die überwiegende Bedeutung des Wirtschaftlichen für das Werden bestimmter geschichtlicher Er-