Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 36 (5.9.1924)
- Date
- 1924-09-05
- Page
- Seite 266 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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256 Das JOdisctie ficfco Nr. 36 des jüdischen Volkes mit Einschluß der äußersten Extreme haben sich zu gemeinsamer Arbeit zusammengefunden. Der Bund hat sich als dauerhaft erwiesen. Es ist von allen Seiten der Wunsch nicht nur nach Fortsetzung der Zusammenarbeit, sondern sogar nach engerem Zusammenschluß ausgesprochen worden. Man vergegenwärtige sich, daß auf dem Rednerpodium die Typen des durchschnittlichen jüdischen Bourgeois mit solchen des Arbeiters im Kittel und mit langen Haaren ebenso wie mit Gestalten mit langem Bart und Käppchen abwechselten. Ist der Zionismus ein wichtiger Schritt zur Überwindung der Diaspora, so ist das die Welthilfskonferenz nicht minder. Was die Palästinaidee nicht vermocht hat, das hat die Not zustande gebracht. Ein Redner sprach es aus: „Wir sind eine Zwangsgemeinschaft.“ Unter dem Druck von außen haben wir uns zusammengefunden. Da wif aber zusammen sind, wachen all die schlummernden Verbrüderungswünsche in uns auf. Diese zu pflegen und zu entwickeln, damit aus der Zwangs gemeinschaft eine echte Willensgemeinschaft werde, wird Hauptaufgabe der neuen Exekutive sein. Vielleicht lernen die Vertreter der extremeh Richtungen auf solchen Konferenzen sich miteinander auszusprechen, und dann — vielleicht — kann man auch zu fragen anfangen: Wann wird eine allgemeine jüdische Weltkonferenz stattfinden? Die jüdische Welthiliskonierenz Die Generaldebatte über die Emigrationslrage Nach den Referaten über die Emigrationsfrage wurde eine Generaldebatte eröffnet, die von dem Vertreter der „Hias“, Mr. Benjamin, eingeleitet wurde. Herr Benjamin erklärte, daß die „Hias“ auch weiter bereit ist, Hand in Hand mit der Welthilfskonferenz zu arbeiten. Herr Benjamin schilderte die furchtbare Lage der Emigranten in den Hafenstädten von Europa, die er im Auftrag der „Hias“ besucht hat. Die Emigrations-Organisationen müssen alles mögliche tun, um die arbeitsfähigen Elemente unter den Emigranten in die Länder zu bringen,, wo noch Einwanderungs- und Unterkunftsmöglichkeiten sind. Amerika wird sich nicht weigern, sich an dieser Arbeit zu beteiligen, aber auch Europa muß seine Pflicht tun. Es sei unrecht von den Zionisten, sich nicht um die Arbeiter unter den Emigranten zu kümmern, die für Palästina ein vorzügliches Element sind. Herr Redakteur Morris Myer (London) teilt einige interessante Einzelheiten zur Frage der Emigranten in den Hafenstädten mit. Der Oberkommissar für die russischen Flüchtlinge beim Völkerbund hat sich an 34 Staaten mit der Bitte gewandt, die Einreise zu gestatten, aber vergebens. Nur ein Staat hat eine Antwort erteilt. Diese enthielt den Rat, daß in einer Sitzung des Völkerbundrates der Antrag gestellt werden soll, die russische Regierung aufzufordern, die Emigranten wieder ins Land zu lassen. (!) Auch dieser Redner erklärt, die einzige Möglichkeit, den Emigranten aus den Hafenstädten zu helfen, sei die, sie in Palästina anzusiedeln. Der Vertreter des Emigrationsdirektoriums, Dr. Nathan Ben Nathan, erklärte: Die Hauptaufgabe unserer Emigrationspolitik wird also sein, unsere Emigrationselemente den Aufnahmebedingungen der Immigrationsländer anzupassen. Wir werden auch zum System einer kolonisatorischen Immigration übergehen müssen. Kolonisatorisch in doppeltem Sinne, sowohl im städtischen, wie im landwirtschaftlichen. Emigdirekt ist die erste Verwirklichung der Idee der Vereinigung der jüdischen Kräfte. Scharfe Kritik an der .[CA. Herr L. Chasanowitsch („Ort“ Berlin) unterzieht die Tätigkeit der JCA einer scharfen Kritik. Baron Hirsch hatte den großen Traum, innerhalb von 25 Jahren in Argentinien 31U Millionen Juden kolonisieren zu können. Nach 32jähriger Tätigkeit zählen die JCA-Kolonien kaum 25 000 Seelen. Argentinien ist heute für uns fast verloren, weil die JCA-Kolonisation ein Fehlschlag ist. Das System der JCA in Argentinien ist ein System des philanthropischen Feudalismus. Die Kolonisten werden zur Unterzeichnung von Verträgen gezwungen, die sie für Jahrzehnte unter das Joch der JCA zwingen. Solange die Kolonisten unter der Kontrolle der JCA stehen, gehört der Boden und alles, was sich darauf befindet, der JCA, sodaß die Kolonisten kreditunfähig sind. So seien die JCA-Kolonien nicht Anziehungs-, sondern Abstoßungspunkte geworden. Die öffentliche Meinung Argentiniens ist gegen ihr System. Der frühere Landwirtschaftsminister Calderon äußerte 1916 im argentinischen Kongreß, er habe mit seinem Ministerkollegen der Justiz beratschlagt, ob man der JCA nicht ihre Tätigkeit untersagen solle, weil sie im Widerspruch zur Konstitution der Republik ein System der Sklaverei eingeführt habe. Man muß an die Besitzer der JCA-Aktien, die jüdischen Gemeinden von Berlin. Frankfurt a. M. und Brüssel, die Alliance Israelite und die Anglo-Jowish Association mit der Forderung herantreten, dem JCA-Skandal endlich ein Ende zu machen. Die Millionen der JCA gehören dem jüdischen Volk. Die JCA hat während ihrer 32jährigen Tätigkeit noch niemals einen Finanzbericht veröffentlicht. Der Redner fordert zum Schluß die Einsetzung einer Untersuchungskommission. Herr Rudel (Berlin) bedauert es, daß das Emigrationsdirektorium, dessen Aufgabe es war, das Emigrationswesen zu bearbeiten, der Welthilfskonferenz keinen Bericht über seine Tätigkeit gegeben habe. Jene Männer, die auf dem Emigrationsgebiet tätig sind und die Verhältnisse kennen, müssen den Mut haben und bekennen, daß wir einem Problem gegenüberstehen, dessen Lösung zur Zeit geradezu unmöglich ist. Es ist vor allem Aufgabe einer jüdischen Emigrationsgesellschaft, das Emigrationsbedürfnis, das dank seiner skrupellosen Emigrantenpresse, die sich zum Werkzeug der Schiffsgesellschaften erniedrigt, in außerordentlichem Maße hervorgerufen wurde, auf das natürliche Maß .zurückzudrängen. Es sei verfehlt, Auswanderungsmöglichkeiten nur in den überseeischen Ländern zu suchen, denn es sei möglich, daß auch die europäische Binnenwanderung zu systematisieren sei, die noch außerordentlich große Möglichkeiten habe. Der Redner fordert von der Welthilfskonferenz, das Emigrationsdirektorium aufzufordern, einen Bericht über seine Tätigkeit zu erstatten, damit die Konferenz sich darüber klar werde, ob Emigdirekt das geeignete Instrument zur Regulierung der Wanderung sei. Falls nicht, ist es Aufgabe der Welthilfskonferenz, ein derartiges Instrument zu schaffen. Herr Gergel (Gesellschaft „Ose“) griff scharf die JCA an und unterstützte die Vorwürfe, die Herr Chasanowitsch gegen, sie erhoben hat. Am Schluß seiner Rede wies er darauf hin, daß die Referenten die Emigration aus Rußland nicht berücksichtigen, während diese Frage dem Redner als die wichtigste auf diesem Gebiete erscheint.