Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 36 (5.9.1924)
- Date
- 1924-09-05
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 56 5. September *924 11, Jahrgang Selbsthilfe Von Dr. Rüben Beatus. 1. Ich war verhindert, den Eröffnungs- und Schlußsitzungen der Welthilfskonferenz beizuwohnen. Es hat also weder der feierliche Auftakt noch der feierliche Abklang auf mich wirken können — ich kam mitten in die Arbeit hinein und verließ die Konferenz in der Nacht vom 27. auf den 28. August, während die Teilnehmer ihre Zweifel aussprachen, ob man das noch zu bewältigende Material selbst bei Verlängerung der Konferenz um 24 Stunden werde absolvieren können. Ich sah nur, wie die Konferenz arbeitete, die schöne Geste, mit der sie ihre Arbeit, wie mit einer Paranthese, umgab, entging mir. Desto froher bin ich, trotzdem berichten zu können: Der Eindruck war stark und groß. Die Arbeit war intensiv und sie hatte Format. 2. Nein: Einer feierlichen Demonstration durfte ich beiwohnen. Doch war das keine Geste von seiten der Konferenz, sondern eine schöne und wohlverdiente Demonstration der Anerkennung, die der Konferenz als der interterritorialen Vertretung aller jüdischen Hilfsorganisationen durch den typischen Vertreter der Hilfsorganisationen der übrigen zivilisierten Welt zuteil wurde. Das Rote Kreuz hatte einen Delegierten zur Konferenz geschickt. Dieser, Herr Gueri, vertrat auch die Internationale Union für Kinderhilfe, die, eine Unterabteilung des Völkerbundes, eine Resolution gefaßt hatte mit 5 Forderungen zum Schutze des Kindes. Diese Resolution wurde nun in hebräisch und jüdisch der Konferenz vorgelegt, von den Delegierten mit ihren hebräischen Namen unterzeichnet und in einer feierlichen Sitzung Herrn Gueri wieder überreicht. Man wußte schon, daß die Welthilfskonferenz einen ständigen Vertreter in Genf habe, der die Beziehungen zum Völkerbund und zu den entsprechenden internationalen Organisationen pflegt. Diese Szene nun machte auf alle Teilnehmer einen tiefen Eindruck. Es wurde der Welt gezeigt, daß das jüdische Volk und seine Sprache von dem Völkerbund offiziell anerkannt wird und daß es der Welthilfskonferenz gelungen ist, als Repräsentation des jüdischen Volkes zu gelten, auf deren Mitarbeit bei den Weltproblemen Gewicht gelegt wird. Man mag den politischen und ideellen Wert einer solchen Anerkennung einschätzen, wie man will. Die Hilfsarbeit ist in erster Linie praktische Arbeit. Und praktisch kann man die Tatsache nicht hoch genug werten, daß die jüdische Welthilfskonferenz beim Völkerbund und seinen Institutionen gehört wird. 3. Was sind die Ergebnisse der Konferenz? Man wird ihr nicht gerecht, wenn man die Resolutionen aufzählt. Mein holländischer Nachbar am Pressetisch sagte: „Eine solche Konferenz ist eine interessante Randglosse in den Annalen der jüdischen Geschichte.“ Er irrt sich. Ein neues Kapitel beginnt. Eine neue Seite ist aufgeschlagen, schon sind die ersten Zeilen geschrieben und von den verantwortlichen Führern der jüdischen Gesellschaft hängt es ab, daß die Zukunft hält, was die Gegenwart verspricht. Es gab Redner, die in dringlicher Form gerade die technischen Probleme einer großzügigen Hilfsaktion in den Vordergrund der Diskussion rückten, die zum Beispiel energisch verlangten, daß nur Fachleute mit gediegenen Kenntnissen und praktischer Erfahrung zur Arbeit herangezogen würden — und gerade diese Redner, allen voran Anita Müller, die selbst über eine reiche Erfahrung und über ausgezeichnete technische Sachkenntnis verfügen, gerade sie waren es, die nach der Proklamierung einer Idee riefen. „Unsere Arbeit krankt daran, daß ihr die tragende Idee fehlt.“ Es hat sich gezeigt, daß man mit Geld allein Waisenhäuser bauen, Hungrige speisen, Kranke heilen und Emigranten unterstützen kann. Man kann aber mit Geld allein eine durch ungeheures Unglück zerstörte Gemeinschaft nicht wieder hersteilen. Mit Geld kann man flicken. Die Zerstörung ist aber so groß, daß ein Neubau nötig ist, „und wo der Geist das Haus nicht baut, da mühen sich umsonst die Bauherrn.“ 4. Folgendes wurde gesagt: Die jüdische Wohltätigkeit wird bisher so ausgeübt, daß der Gebende und der Nehmende sich getrennt gegenüberstehen. Das ist dis Merkmal der „Philanthropie“. In der primitivsten Form kommt der einzelne Arme zu dem einzelnen Wohlhabenden und bittet um ein Almosen. Später schließen sich die Gebefreudigen zu einem Wohltätigkeitsverein zusammen. Die Kasse steht zwischen Gruppen, die immer noch scharf getrennt sind. Von der einen Seite nimmt die Kasse, nach der andern Seite gibt sie. Einen weiteren Fortschritt stellt es dar, wenn die einzelnen Gebergruppen, wie im Kriege und nachher, sich länderweise zusammenschließen, um hilfsbedürftigen Ländergruppen zu helfen. Amerika hilft Osteuropa! Das Geld wird immer mehr entpersönlicht, aber die Philanthropie ist noch nicht überwunden. Das will erst die Welthilfskonferenz leisten unter der Parole der Selbsthilfe. Das jüdische Volk tut sich zusammen und hilft sich selbst. Nicht die rumänischen Juden werden verfolgt, nicht die ukrainischen Juden werden pogromiert, nicht die russischen und nicht die ungarischen Juden leiden: in jedem Einzelfalle leidet das jüdische Volk. Nicht der amerikanische Jude hilft dem polnischen Juden, sondern der Wohlhabende und der sicher Lebende sitzt mit dem Notleidenden an einem Tisch, sie bilden eine demokratische Gemeinschaft, ein Ganzes, das organisch derart reagiert, daß der gesunde Teil von selbst dem kranken hilft, wenn die Krankheit akut wird. 5. Man kann die nationale Bedeutung der Welthilfskonferenz nicht überschätzen. Alle Parteien