Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 34 (22.8.1924)
- Date
- 1924-08-22
- Page
- Seite 236 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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238 Das Jüdische Echo Nr. 34 Ein knappes „Gute Nacht“ zum Abschied und wortlos, wie sie gekommen, trennten sich die Geschwister. In Reb Josefs geräumiger Stube waren die vornehmsten Töchter der römischen Juden beisammen und stickten beim Scheine qualmender Öllampen auf purpurrotem Sammet mit Gold- und Silberfäden prunkende Teppiche. Niemand blickte auf, als das Mädchen eintrat, sie begrüßte nicht wie sonst die Freundinnen, der Braut des Bruders nickte sie schweigend zu, als diese ihr dunkles, edelgeschnittenes Antlitz flüchtig erhob. Schweigend wie die übrigen setzte sie sich zur Arbeit und stickte emsig das Haupt eines Löwen in den Samt, an dessen Pranken eine andere die Nadel führte. Und stille war’s im Gemach, als säßen hier nicht blühende Mädchen mit unruhigem Blut und hochpochendem Herzen. Kein sonniges Lachen wie sonst, wenn die Braut heimlich den Tallisbeutel für den Geliebten näht mit glücklichem Lächeln, daß der Seide bunte Farben hell aufleuchten. Viel eher schien es, als säßen uralte Weiber um Mitternacht und nähten schauernd ein Totenhemd. Denn diese Arbeit war Knechtdienst, war schimpflicher Tribut. Die jüdischen Mädchen stickten Teppiche zu Schmuck und Zier — für den Titusbogen, für das Triumphmal, das Rom auf gerichtet, als es Jerusalem niedergerungen. Nun sollte der Bogen prangen zu Ehren der Prozession, die mit dem heiligen Vater morgen am ersten Tag des Karnevals hindurchziehen wird; an dieser Stelle wird morgen der Fuß des Papstes dem ältesten Rabbi auf den Nacken treten, der ihm die Thorarolle entgegenhält! Dann blicken von den Wänden der Pforte in Stein gemeißelt hoch herab der siebenarmige Leuchter und der Tisch mit den Schaubroten aus dem Tempel von Jerusalem, eingehüllt von den Prunkdecken, die jüdische Mädchen gestickt für diese Feier und dulden diese Schmach in stummer Würde wie gefesselte Könige. So saßen jüdische Töchter und wagten nicht mit einem Wort das bange Schweigen zu brechen, das sie niederzwang — und taten Frohn. Da trat ein Aufseher des morgigen Festes ein und ohne ein Wort zu sprechen, ging er auf die Arbeitenden zu, riß ihnen die Stickerei aus der Hand und beschaute sie prüfend. Die Väter der Mädchen steckten die Köpfe zur Tür herein, damit der Christ nicht allein bei den Judenmädchen weile — nach Vorschrift des heiligen Gesetzes. Näher zu kommen wagten sie nicht, sie bangten, den Gewaltigen zu reizen. Der Aufseher warf ein Stück nach dem andern zur Seite und als könnte er den Mädchen nicht in die Augen schauen, die in ihren schwarzen Samtgewändern im Schmucke ihrer Perlenschnüre gefangenen Prinzessinnen glichen, wandte er sich an die Juden an der Türschwelle: „Juden, Gauner, ihr wollt uns an Stoffen und Seide betrügen“. Und im Weggehen warf er hin: „Wenn ihr keine anderen Teppiche aufbringen könnt, so werde ich die Vorhänge von der Bundeslade herunterreißen lassen und die Hemden von den Thorarollen, um den Bogen zu behängen.“ „Sieh doch, das Schönste und Kostbarste haben wir aufgeboten,“ wandten die Juden begütigend ein. „Bis zum ersten Glockenschlage habt ihr Zeit“ —- damit verließ er die Stube. Die Mädchen ließen die Arbeit sinken, und die Fäden noch zwischen den Fingern drehend, blickten die einen tief zu Boden, die andern zu den Vätern hin, noch andere irgend wohin weit zum Fenster hinaus und schämten sich, einander anzusehen. Die Väter an der Tür schwiegen in tiefem Nachsinnen. So warteten alle und schwiegen. Reb Josef nahm zuerst das Wort. „Jüdische Töchter, die Ehre der Thora liegt in euren Händen, tut was ihr könnt.“ Einen Augenblick nur zögerten die Mädchen. Dann erhob sich ruhig und entschlossen, aber bleich und lautlos Reb Josefs Tochter, ging in ihr Zimmer, riß den Kasten auf, der die Aussteuer barg und kramte ein schwarzes Samtmäntlein aus, bestickt mit goldenen Fäden, die Klagemauer bildend mit den Trauerweiden. Die Blätter waren aus mattem Silber, umrankt von Weinlaub, woran Tautropfen hingen aus Silberflitter. Seit drei Jahren stickte sie gar kunstvoll an dem Stoffe für den Liebsten, zum ersten- Male sollte er ihn in die Hand nehmen, wenn er zum Traualtar schritt. All ihre Mädchenträume,, all ihre bräutliche Sehnsucht hatte sie in diesen Stoff gewoben. Ihre Freude hatte die Bänder heller gefärbt, ihre Trauer dämpfte die Farben;. Und ohne mit einer Wimper zu zucken, nahm sie das Brautgeschenk und legte es schweigend auf den Tisch. Jedes bräutliche Mädchen eilte nach Hause, holte das Geschenk, das für den Liebsten bestimmt war, Tallisbeutel, Sedertuch und Altardecke, und trug es schweigend zu Reb Josef. Und sie mähten alle Tallisbeutel, Sedertücher und Altardecken zu einem einzigen großen Teppich, den Titusbogen zu schmücken, den die Römer aufgebaut im Jubel über Jerusalems Fall. II. In selbiger Nacht sprangen die Pforten der Petruskirche auf und der Jude aus Nazareth, so POB2ELLAN-iriEDE8LifiB MÜNCHEN TMEATINERSTRASSB i$ ttffMmhr dtr FtUhtmMU M§am Aiswiu ia «»BAve»r«>i>UM fifiLIClE UtlBKISÄIIVI«