Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 34 (22.8.1924)
- Date
- 1924-08-22
- Page
- Seite 237 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 Das Jüdische Echo 239 in Galiläa liegt, stie^ ab von seinem Kreuz und die Wand der Kirche blieb leer. Seine Wunden verhüllte er mit dem Leilich, das ihm Josef von Arimathäa gab, und wandelte durch die Gassen Roms. Er trug nicht den gelben Fleck, das Schandmal seiner Brüder, und die Wächter am Tore hielten ihn nicht zurück. Denn das Tor war dem Juden verschlossen und er hätte es nicht durchschreiten dürfen nach dem Abendläuten. Rom war beschäftigt, Masken zu schminken und Kostüme zu putzen für den morgigen Karneval. So sahen die Römer nicht den Gottmenschen, der die Kirche verlassen hatte, um unter* ihnen zu wandeln. Bleich wehte sein Leichentuch zwischen den hohen Säulen. Er schritt am alten Bethaus vorbei, dem Kolosseum gegenüber und hörte die Juden weinen und flehen: Gott möge ihnen beistehen, morgen am Karnevalstage, er möge sie nicht zuschanden werden lassen; und wenn es schon sein muß, daß morgen der Papst den Fuß dem alten Rabbi auf den Nacken setzt, so soll er doch die Thorarolle nicht in den Staub treten. Am Kolosseum schritt er vorüber. Der Mond irrte durch die hohen Hallen, als fände er keinen Ausweg. Der Jude von Nazareth glaubte noch den Todesschrei seiner ersten Bekenner zu hören, die hier mit den Bestien rangen und stabend seinen Namen röchelten. Der Gottmensch durchschritt das TordesAugustus, das den Eingang nach Rom bewacht. Dort fand er tief in Nacht gehüllt den Messias, der auf einem Steine saß, mit schweren Ketten an die Mauer gefesselt. In der Hand trug er die Posaune, zur Seite stand das Ölkrüglein und so harrte er auf das Geheiß des Herrn, den Weckruf der Freiheit zu blasen. Den Blick tief in den Boden gebohrt, hielt er die hohe, stolze, stählerne Stirn der endlos langen, grauenvollen Via Appia wie einen Schild entgegen. Der Gottmensch wandte sich an den Messias und sprach: „Messias, zu dir bin ich gekommen, vergib mir, was jene tun, in meinem Namen.“. Der Messias beugte das Haupt noch tiefer und schwieg. „Bin ich denn nicht euch erschienen, hab’ ich denn nicht euch unter den Flügeln bergen wollen, wie eine Henne ihr Küchlein? Hab’ ich denn nicht für euch mein Blut vergossen vor meiner Mutter Augen? Bin ich nicht zu unserem Tempel gewallt, habe ich nicht im Tempelhof geweilt und unter uns, für uns meine Worte ausgestreut? Nun aber sind Fremde gekommen. Das Bahrtuch haben sie von mir gerissen und Fahnen daraus geschnitten, die Fahnen haben sie in mein Blut getaucht; und so ziehen sie aus, Jammer und Verzweiflung meinen Brüdern zu bringen, mein Wort auf den Lippen. Mein Wort des Friedens haben sie in Kriegsgeschrei verwandelt. Ich sprach: ..Vergebt!“ und sie predigen Rache. Die Söhne meines Volkes haben sie ins Joch gespannt, meine Töchter haben sie schamrot gemacht.“ Der Messias beugte das Haupt noch tiefer und schwieg. „Auf meinen Thron haben sie sich gesetzt und wollen die Welt regieren. Sie künden Worte in meinem Namen, die ich nie sprach. 0, Fremdlinge, wer gab euch das Recht, zu richten zwischen Brüdern? Mein Herzleid könnt ihr nicht fühlen, meinen Jammer nicht fassen.“ Der Messias beugte das Haupt noch tiefer und schwieg. „Hier bei dir will ich sitzen, meine Hände an die Mauer ketten wie deine, meinen Blick will ich niederschlagen wie du, und mit meinen Brüdern und Schwestern will ich Spott und Schande erdulden. Mit dir will ich harren, bis der Tag Gottes anbricht. Dann stoße in die Posaune, die Völker zu sammeln, auf deinem Berge und wie der treue Hirt die Herde im Mittagsbrande zum Quellwasser leitet, will ich meine Gemeinde hüten, ich will die Wunden lindern, die der Löwe schlug, und wärmen, was im Winter erstarrte, und heilen, was die Wölfe zerrissen. Dann will ich unter ihnen weilen und meine Worte sollen aufleben in ihrem Herzen.“ (Schluß folgt.) Personalia Herr Dr. Felix Perles, Rabbiner in Königsberg, Sohn des unvergeßlichen Münchener Rabbiners Dr. Josef Perles, ist von der philosophischen Fakultät der Königsberger Universität zum Honorarprofessor für Neuhebräisch und Aramäisch ernannt worden. München. Am 15. ds. Mts. feierte unser verehrter Mitbürger Bankier Angelo Feuchtwan g e r seinen siebzigsten Geburtstag. Der Jubilar, ein geborener Münchener, gehört wohl zu den bekanntesten und populärsten Persönlichkeiten der hiesigen jüdischen Gemeinde. Sein offenes, gerades Wesen, sein aufrechter, ungebeugter Charakter, seine , nie versagende Hilfsbereitschaft in allen Fällen der Not haben ihm eine große Zahl von Freunden und Verehrern geschaffen. — Der Jubilar steht noch in voller Schaffenskraft als Seniorchef an der Spitze des von seinem Vater im Jahre 1857 begründeten altangesehenen Bankhauses J. L. Feuchtwanger, in dem er seit mehr als einem halben Jahrhundert tätig ist, und erfreut sich auch im Kreise seiner Berufsgenossen einer außerordentlichen Wertschätzung und Beliebtheit. — Die Gemeinde „Ohel Jacob“, zu deren Mitgründern der Vater des Jubilars gehörte, zählt den Jubilar zu ihren eifrigsten Mitgliedern. Die meisten der jüdischen Wohlfahrtsanstalten in und außerhalb Münchens erfreuen sich seiner tatkräftigen Förderung. Wir wünschen dem Jubilar noch recht viele Jahre in Frische und Gesundheit! Literarisches Echo Lia Rosen auf der jüdischen Bühne. Der Direktor des New Yorker jiddischen Künstler- Theaters, das soeben sein erfolgreiches Gastspiel in Wien beendete, hat die bekannte Schauspielerin Lia Rosen für sein Theater engagiert. Die Künstlerin wird schon in der Herbstsaison auf der jüdischen Bühne spielen. Lia Rosen, das Kind einer jüdischen Familie aus der Bukowina, gilt als eine der bedeutendsten Darstellerinnen der deutschen Bühne. Gemeindenu. Vereins-Echo München. Todesfälle in der Woche vom 15.—21. August: Fräulein Lilly Essinger, 24 Jahre; Herr Max Eisenmann, 59 Jahre; Herr Leop. Stern, 68 Jahre. München. Der hebräische Dichter Bialik passierte auf der Reise nach Palästina am 21. ds. München und wurde während seines kurzen Aufenthalts hier am Bahnhof von einer Anzahl Zionisten begrüßt. Spendenausweis Nürnberger Spendenausweis 29. Juli 1924. Spenden buch: Herr u. Frau Wilpred anl. der Geburt i. Sohnes 5.—, H. Lippmann u. Frau