Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 34 (22.8.1924)
- Date
- 1924-08-22
- Page
- Seite 235 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 34 Das J flitsche Echo 237 Rumänien Flucht der Juden aus einer Gegend in Transsylvanien Klausenburg (J.T.A.). In der Gegend von Aradna (Siebenbürgen) üben die Antisemiten einen solchen Terror aus, daß die gesamte jüdische Bevölkerung dieses Gebietes die Dörfer und kleinen Städte verläßt. So haben u. a. sämtliche Juden der Stadt Vilagos, wo wiederholt Exzesse stattgefunden haben, ihre Heimat verlassen. Als letzter verließ der Rechtsanwalt Dr. Jacob Vajda Vilagos. Als sein Zug sich in Bewegung setzte, sprang der Ortspriester (!) in Dr. Vajda’s Wagenabteil und hieb auf den Flüchtling ein. Verlängerung des Aufenthaltes der jüdischen Flüchtlinge in Bessarabien Bukarest (J.T.A.). Das Hauptbüro der Ica in Rumänien teilt mit, daß die Regierung die Aufenthaltsfrist für die jüdischen Flüchtlinge in Beßarabien, die am 1. August abgelaufen war, bis Ende dieses Jahres verlängert hat. Amerika Das amerikanisch-jüdische Hilfskomitee liquidiert New York (J.T.A.). Nach mehr als neunjähriger Tätigkeit hat das amerikanisch-jüdische Hilfskomitee seine Büros geschlossen. Das Komitee hat viele tausende Familien unterstützt, über 4000 Kinder ernährt und bekleidet, ferner etwa 1 000 000 tons Nahrungsmittel nach Mitteleuropa gesandt. Das Komitee wurde am 25. Oktober 1914 gegründet; Herr Henry H. Rosenfeld hat das Hilfswerk die ganze Zeit hindurch geleitet. Über 63 Millionen Dollar hat das Komitee in Amerika aufgebracht und durch das Joint Distribution Commitee verteilen lassen. Als in den ersten Kriegstagen die Leiden der Juden Europas bekannt wurden, berief Herr Louis Marshall die Vertreter von 38 jüdischen Organisationen, mit deren Hilfe das amerikanisch-jüdische Hilfskomitee gegründet wurde. Der Präsident des Komitees ^ar Herr Louis Marshall, der Sekretär Dr. Cyrus L. Sulzberger und der Schatzmeister Herr Felix M. Warburg. Mexiko Mexiko wünscht Juden-Einwanderung New York (J.T.A.). In einem Interview mit dem Leiter der J.T.A. in New York äußerte sich der gegenwärtig in den Vereinigten Staaten weilende neugewählte Präsident der Republik Mexiko, Calles, zu der Frage einer Einwanderung jüdischer Flüchtlinge nach Mexiko dahin, Mexiko würde eine starke jüdische Einwanderung mit Freuden begrüßen. Die mexikanische Regierung will die Einwanderung nicht allein von landwirtschaftlichen Arbeitern, sondern auch von Industrie-Arbeitern und anderen jüdischen Schichten gestatten. Präsident Calles sagte, er verhandle gegenwärtig in Amerika mit der Exekutive des amerikanisch-jüdischen Kongresses, der Emigranten- Hilfsgesellschaft „Hias“ und den jüdischen Arbeiterorganisationen in der Frage der Einwanderung der heimatlosen jüdischen Flüchtlinge nach Mexiko. Das Angebot des Präsidenten Calles lautet: Das amerikanische Judentum garantiert die Summe von 2 Millionen Dollar, die für die Ansiedlung der jüdischen Flüchtlinge nötig sind. Die mexikanische Regierung will ihrerseits das notwendige Land für eine jüdische landwirtschaftliche Siedlung in großem Stil zur Verfügung stellen, ferner den neuen Siedlern die Bodensteuer vollkommen erlassen und die Fahrtspesen reduzieren, ferner den Kolonisten auch sonst helfend zur Seite stehen. Die mexikanischen Konsulate in der ganzen Welt würden angewiesen werden, keinerlei Gebühren für Einreise-Visen von den jüdischen Emigranten entgegenzunehmen. Der Präsident Calles sagte, er hoffe, die Juden werden die Großindustrie Mexikos, insbesondere die Kleiderindustrie, in einer Weise aufbauen, daß Mexiko keinen Import mehr benötigen wird. Wie erinnerlich, war schon voriges Jahr von einem amerikanischen Angebot betreffend eine jüdische Siedlung in Mexiko die Rede. Damals hieß es aber, die amerikanische Regierung wolle nur vorgebildete jüdische Landwirte ins Land kommen lassen. Das gegenwärtige Angebot geht also über die damaligen Pläne weit hinaus. Feuilleton Eine Karnevalsnacht Von Schalom Asch. Nach dem Jüdischen von Hugo Zuckermann. Bis an die Tür hatte Reb Schmul Hördes die Tochter geleitet. Es drängte ihn, ein Wort zu sagen, doch das Mädchen hob den Blick nicht uni ob der tiefen Falte, die ihre Lippen zusammenpreßte, lag beklemmendes Schweigen; und so würgte der Alte die Worte hinunter, strich sich mit breiter Bewegung über den Bart und schritt schweigend im Zimmer auf und ab. Und als das Mädchen mit ihrem Bruder, der die Laterne vorantrug, längst draußen war, seufzte er tief auf: „Herr der Welt, blicke hin auf die Schmach, die deine Kinder tragen um deiner Ehre willen.“ Das Mädchen“ trug über’m Arm einen roten Sammet, besteckt mit Nadeln und Häkchen, von Gold- und Silberfäden durchzogen. Still schritt sie ihrem Bruder zur Seite durch die schmalen Gäßlein des römischen Ghetto. Klar lag die Mondnacht da und die Laterne, die der Bruder trug, kündete, daß ein bräutlich Mädchen nahe, und brannte mehr ihr zu Ehren, als die Straßen zu beleuchten, die der Mond erhellte, — darf doch keine Braut im Dunkel über die Gasse gehen. Schweigend durchschritten sie die Oktavia- Allee, durch welche einst die Römer ihrem Titus entgegenjubelten, als er heimzog nach der Bezwingung Jerusalems, dort wo das hölzerne Kreuz aufgerichtet, ist mit der Trutzschrift in hebräischen Zeichen: „Hartnäckig Volk, was wendest du dich ab von Gottes Wort!“ Die Juden hatten diese Inschrift schon so oft abgelesen, sie hatten das Gleiche schon so oft aus der Geistlichen Munde hören müssen, wenn sie am Sabbatnachmittag der Büttel mit Peitschenschlägen zur Kirche trieb, und dennoch brannten ihnen die Worte heiß auf der Seele, ein heftiger Schreck, eine schwere Beklemmung lastete auf ihrer Brust. Stumm gingen sie weiter, fest aneinander geschmiegt und kamen vor Reb Josefs Haus. Der Bruder trat nicht ein, obwohl seine Braut hier wohnte, als scheute er, sie hier zu treffen in solcher Stunde.