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Das jüdische Echo · 1924-08-15 · 33 (15.8.1924) · p. Seite 221

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
11 (1924)
Issue
33 (15.8.1924)
Date
1924-08-15
Page
Seite 221 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 33 Da« Jüdisch« Echo 221 Die jüdische Aufgabe (Der Keren Hajessod) Von Chaim W e i z m a n n Aus: Chaim Weizmann: Israel und sein Land. (Vorrätig in der Ewer-Buchhandlung.) Ich halte es selbst mitten in einer angespannten Kampagne für angemessen, für eine kurze Zeit unsere gegenwärtige Beschäftigung zu unterbrechen und für eine Weile zu den Wurzeln des Problems zurückzukehren, an dessen Lösung wir arbeiten, und so uns selbst geistig und moralisch zu erfrischen. Unsere zionistische Anspannung gilt gegenwärtig der Geldsammlimg für ' Palästina. Vergessen wir für einen" Augenblick unsere unmittelbaren praktischen Sorgen Und wiederholen wir uns einige von den Wahrheiten, die uns bis hierher geführt haben und die uns mjt Gottes Hilfe bis zum endgültigen Siege führen werden. Es gibt eine Uransicht unseres Problems, welche besondere Aufmerksamkeit verdient, weil sie die tiefste Daseinsberechtigung unseres Problems spiegelt. Mehr als einmal hat man auf den merkwürdigen Mangel an Kontinuität iii der gegenwärtigen Lage des jüdischen Volkes, angespielt, auf seine fragmentarischen Kräfte, auf die Zerstreuung seiner Kräfte, auf den Mängel an Übereinstimmung zwischen seinen Träumen und ihren Verwirklichungen. Aber das sind nur die Wirkungen eines-größeren, tragischeren Mangels an Kontinuität. in unserem gesamten nationalen Leben. Vergleichen Sie die Anstrengungen und Leistungen.; des jüdischen Volkes auf dem Gebiete der Weltzivilisation mit den Anstrengungen und Leistungen anderer Völker. Wir sind außerordentlich stolz auf die Juden, die als Männer der Wissenschaft oder der Kunst den .Schätz geistiger Werte der Menschheit bereichert haben. Wir sagen, dies sei unser Beitrag, unser Maaßer,, die Steuer, die wir gern zum Nutzen der Kulturen, in deren Mitte wir leben, uns auferlegen. Aber wenn: Sie die Zahl der jüdischen Genies genau prüfen und sie mit der außerordentlichen Menge von über dem Durchschnitt stehenden Männern vergleichen, die wir hervorgebracht haben, vortreffliehenüind.fähigen Männern, werden Sie enttäuscht sein. Wir haben Namen der ersten Ordnung hervorgebracht, aber ihre Zahl ist nicht so groß, wie sie in Anbetracht der Menge fähiger Männer, die wir aufweisen können, erwartet werden kann. Wir haben das Verhältnis nicht aufrecht erhalten, das zwischen Genie und Talent herrschen soll. Wir haben nicht genug Männer des Typus hervorgebracht, der Schule macht, Männer, um die herum Welten von Ideen, Schülern und Jüngern emporwachsen,_ wie es mit der zionistischen Bewegung der Fall ist. Das durchschnittliche intellektuelle Niveau des englischen Volkes ist sicherlich nicht höher als das durchschnittliche intellektuelle Niveau der Juden. Aber England war fähig, eine ungeheure Anzahl von Genies hervorzubringen, Männer, um die kleine Welten von Schülern sich gesammelt haben, und wenn Sie eine Erklärung für diese Überlegenheit der Schöpferkraft finden wollen, dann müssen Sie das Problem unseres Mangels an Kontinuität heranziehen. Das einzige Gebiet, wo wir Juden Kontinuität der Tradition gekannt haben, war das jüdische Geistesleben des Ghettos, Innerhalb der Mauern des Ghettos schufen wir, bevor sie unter dem Klange der Trompeten der Assimilation einzustürzen begannen, eine eigene Kultur. Es mag ein Geistesleben und eine Kultur gewesen sein, zu der die Außenwelt keine Beziehung finden konnte, aber hier erzeugte ein unaufhörlicher Strom der Überlieferung die Wirkung und die Kraft der Tradition. Diese Wälle begannen zu zerbröckeln. Wir verloren diese Inspiration, diese Kontinuität. Wir arbeiteten dann mit dem Material der andern Vermittler in der Welt der Wissenschaft und Philosophie. Wir spielten diese nützliche Rolle zum Vorteil der andern, aber wir hörten auf, wir selbst zu sein. So kehren wir nach Palästina zurück. Hier stehen für uns die Mauern der Tradition. Hier ist der Versuch, den Abgrund zu überbrücken, der sich zwischen uns und unserer Vergangenheit aufgetah hat, unsere Kontinuität wieder herzustellen. Den Abgrund zu überbrücken, ist eine furchtbare Anstrengung und erfordert die Ausdauer eines Riesen. Es ist nur Menschen möglich, die ein Ideal haben. Aber wir haben das Ideal und wir werden siegen. Lassen Sie mich hier ein Erlebnis erzählen, das, wie ich weiß, in jedem von Ihnen hier und in allen Juden der ganzen Wrelt latent ist. Während der letzten Tage des. Weltkrieges war ich in Palästina, und ich hätte ein Zusammentreffen mit dem Emir Faisul in Transjordanien vereinbart. Unter normalen Verhältnissen dauert die Reise von dem Punkt, wo ich meinen Stand hatte, nach Transjordanien nicht mehr als fünf Stunden. Zu jener Zeit aber schnitt die türkische Front noch in palästinensiches Gebiet, ein, und um zu der Stelle zu gelangen, wo der. Emir sich aufhielt, hatte ich einen langen Umweg zu machen, südwärts gegen Ägypten zü gehen, dann das Rote Meer zu überschreiten und wieder heraufzuziehen nach Transjordanien. Ich unternahm die Reise. Zwölf Tage war ich unterwegs, fünf davon durch brennende Wüste am Sinai vorbei und dann über die Wasser des Roten Meeres. . Ich kam dann wieder nördlich durch das Land von Moab, urtd dem Emir ward Kunde gesandt von meiner bevorstehenden Ankunft. Und da schickte er. zu meiner Begrüßung eine Anzahl seiner Diener aus mit Gaben von Kamelen und Schafen, und mit Brot und Salz. Und am letzten Tage meiner Reise kam über mich eine seltsame Empfindung des Wunders meiner Reise. Wie Abraham in alter Zeit nahte ich mich dem Lande, welches Gött seinem auserwählten Volk verheißen hatte. Und wie er kam ich durch das Land der Moabiter, um, so zu sagen, Besitz zu ergreifen. Und da kam zu meiner Begrüßung ein Zug der Diener des Emirs entgegen und sie boten mir das Brot und Salz des Willkomms und sie spannten ein Zelt, um mir Obdach zu geben, und sie schlachteten ein Lamm, auf daß ich es esse, und sie sagten mir, daß ihr Herr mich erwarte, ungeduldig, mir zu begegnen. Und dort und damals versanken zweitausend, dreitausend, viertausend Jahre. Ich fühlte, ich wußte, daß es erst gestern war, daß wir das Land besessen hatten, es war erst gestern, daß unser Urvater Abraham über die Stelle gezogen war und daß er von hier weiter ausgezogen war in der Bestimmung seines Volkes unter Gottes Leitung und mit Gottes Segen. Und ich fühlte damals, daß all die Jahre unseres Exils, all die Länder, in denen wir gelebt haben, und all die Leiden, die wir ertragen haben, keine Bedeutung mehr haben. Der Abgrund war überbrückt worden. Dies war Heimaterde; dies war das Versprechen und die Erfüllung, dies war die Gewißheit. *

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