Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 33 (15.8.1924)
- Date
- 1924-08-15
- Page
- Seite 220 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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220 Das Jüdische Echo Nr. 33 handlungen mit den verschiedensten Regierungen gemachte Axiom, daß er als Sachwalter der Ansprüche, nicht etwa einer jüdischen G r u p p e , sondern des g e sä m t e n jüdischen Volkes auftrete, wird dadurch eine neue und schöne Bekräftigung erfahren; Wie notwendig dies gerade heute bei den zahlreichen äußeren Widerständen, die unsere Arbeit im wesentlichen durch die Araber und die englische Anti-Waste-Campagne erfährt und bei den widerlichen innerpolitischen Auseinandersetzungen, insbesondere mit einer intransigenten Orthodoxie, die sich nicht scheut, für ihre mehr als zweifelhaften Ansprüche die Hilfe der Araber in Anspruch zu nehmen, für den Fortgang der Arbeit ist, weiß jeder, der sich auch nur oberflächlich mit den, Lebensfragen Palästinas beschäftigt hat. Und doch scheint es uns, als ob noch eine andere, für die gesamt-jüdische Zukunft mindestens ebenso wesentliche Aufgabe durch das Eingreifen des Präsidenten der zionistischen Organisation, durch Chaim Weizmann gelöst worden wäre. Wenn man noch vor wenigen Jahren sich eine gültige Anschauung über Wesen und Bestand der Judenheit bilden wollte, so mußte man nach dem Osten gehen, wo jenes Zentrum jüdischen Lebens, jenes jüdische Kräftereservoir bestand, das trotz der oft verzweifelten Lage, in der sich auch damals die Juden in Rußland und Polen befanden, sichere Gewähr für eine für absehbare Zeit unerschütterliche Widerstandsfähigkeit jüdischer Energien zu bürgen schien. So wie die ursprüngliche Palästinabewegung der Chowewe-Zion, so gingen auch alle übrigen positiv-jüdischen Bestrebungen von dort aus oder es bedurfte doch nur eines Anstoßes von außen, um die Massen des Ostens zur Reaktion zu bringen. Hebräische und jiddische Sprache und Schrifttum fanden dort eifrigste und nicht selten alleinige Förderung und Pflege, aber auch in materieller Hinsicht konnten sich die großen jüdischen Hilfs- und Aufbaubestrebungen in erster Linie auf die jüdische Bevölkerung des Ostens stützen, die ja auch zahlenmäßig den weitaus größten Teil aller Juden bildete. Ganz anders heute. Ein jüdisches^Zentrurn im Osten, in dem Sinne, wie es früher existierte, gibt es nicht mehr. Der Krieg und seine Folgen, von denen in diesem Zusammenhänge nur die Revolution in Rußland als wesentlichste hervorgehoben werden soll, haben auch unter den Juden gründlich aufgeräumt. Die vorher auf das enge Gebiet des Ansiedelungsrayons beschränkten Juden sind heute nach allen Himmelsrichtungen hin verschlagen, und, was ebenfalls nicht vergessen werden darf, der geistige Einfluß des Bolschewismus hat bei vielen und besonders bei der jetzt herangereiften jüngeren Generation eine katastrophale Entfremdung von allem Jüdischen hervorgerufen. Man kennt ja das traurige Vorgehen von Juden gegen ihre jüdischen Brüder, die nicht von ihrer Beschäftigung mit jüdischer Lehre und jüdischen Inhalten lassen wollten, man weiß von der Schließung der Chedarim und Jeschiwot durch und auf Veranlassung von extrem-sozialistischen Juden. Es kommt noch hinzu jene verzweifelte finanzielle Lage in Polen und Rußland, die natürlich außer der Unfähigkeit, Geldmittel für jüdische Zwecke bereitzustellen, auch Verkümmerung wichtiger geistiger Bedürfnisse zur Folge haben mußte. In diesem, für die jüdische Zukunft gar nicht verhängnisvoll genug zu bewertenden Augenblick mußten sich die Augen aller wahren jüdischen Politiker auf das einzige Land richten, das bis zu einem gewissen Grade zum mindesten geeignet ist, in diesem Chaos neuen Halt zu bieten, neue Hoffnungen für die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft zu wecken, — auf Amerika. Die starke Auswanderungsbewegung nach diesem „gelobten Lande“ hatte doch eine ansehnliche jüdische Minderheit in den Großstädten dieses Landes, vorzüglich in New York, konzentriert. Die materiellen Lebensbedingungen waren, wenn auch nicht übermäßig glänzend, so doch. großenteils durchaus erträglich. Wohl aber wußte man, daß das typische Amerikanertum im guten, aber ganz stark auch im schlechten Sinne mit unheimlicher Schnelle auf jene Menschen eingewirkt hätte, daß sie, wie sie sich nach wenigen Jahren der englischen Sprache bedienten, wie sie amerikanische Lebensgepflogenheiten und Geschäftsgewohnheiten angenommen, so auch jüdische Tradition und Wissen, jüdische Verbundenheiten abgestreift hatten. Sie waren smarte Geschäftsleute, aber sehr wenig smarte Juden geworden. Unendlich schwierig erschien daher die Aufgabe, diesen Menschen wieder Freude am Jüdischen, wieder das Gefühl der Verantwortung am Volksganzen zu geben und ihnen die Bedeutung, die dem amerikanischen Judentum gerade in dieser Hinsicht zukommt, klar und eindringlich vor Augen zu führen. Mit größter Spannung, aber auch mit ernstestem Pessimismus blickten daher alle die, die am Schicksal der Judenheit wirklich interessiert sind, auf das Experiment, das unter Einsatz größter Opfer an Kraft und Gut unter Führung Weizmanns dort im Lande der „ungeahnten Möglichkeiten“ vor sich gehen sollte. Nicht allein die Aufbringung der so unbedingt notwendigen Geldmittel galt es ja, so hatte Weizmann wiederholt in Europa und drüben verkündet, man wollte mehr, man wollte die Menschen Palästina und damit überhaupt dem jüdischen Gedanken erobern. Und nun setzte die Offensive ein, die gekennzeichnet ist durch zahllose Versammlungen und Festessen, jener Sturmangriff der Plakate und Propaganda-Broschüren, der es dem amerikanischen Juden unmöglich machte, achtungslos vorüberzugehen an dem Stück Weltgeschichte, das seit dem ersten Basler Kongreß im Jahre 1897 in unaufhörlicher Folge vor den Augen der staunenden Mitwelt abzurollen begonnen hatte. Das Experiment kann heute als gelungen bezeichnet werden. Die Zweifler, und wer gehörte nicht zu ihnen, haben Unrecht behalten. Dem zähen, unermüdlichen Willen jenes Chemie-Professors aus Manchester, des kleinen Ostjudenjungen aus Minsk ist es gelungen, einen Sieg zu erfechten, der sich würdig jeder großen Waffen- und Geistestat an die Seite stellen kann. Wir wissen, daß es nur die Größe und Reinheit der zionistischen Idee ist, der Weizmann, der wir diesen Erfolg zu verdanken haben. Niemand weiß es vielleicht so gut als Weizmann selbst, dem seine Reisen nach Palästina, seine ständige engste Fühlung mit den Chaluzim allein jene Kraft geben, andere Menschen, gleichgültige, blasierte, widerstrebende Menschen mitfortzureissen, zu tätiger Begeisterung für das große Werk des Aufbaues. Oft hat Weizmann dies in privatem Kreise und in voller Öffentlichkeit ausgesprochen. Aber wir wollen auch nicht vergessen, daß auch die große Idee eines großen Mannes bedarf, der imstande ist, sie weiterzutragen, sie fortzuentwickeln, ihre ewigen Werte den zeitlichen Erfordernissen nahe zu bringen, ohne daß doch die Idee selbst in ihrem Wesen beeinträchtigt wird. Wir glauben, daß eine spätere Geschichtsschreibung die Namen Chaim Weizmann und Theodor Herzl in sehr enge Verbindung bringen wird. Mehr, so meinen wir, kann zum Ruhme Weizmanns nicht gesagt werden. Li-r.