Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 31 (1.8.1924)
- Date
- 1924-08-01
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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196 Das Jüdische Echo Nr. 31 imd Behörden durch, im mittleren und im unteren Dienst? Vielleicht daß man noch irgendwo an Aschenbrödelposten ein paar jüdische Postbeamte findet, sonst nichts, nichts, nichts. Noch nicht einmal Weichenschieber, noch nicht einmal Museumsdiener konnte der Jude im bayerischen Staate werden. Noch nicht einmal Volksschullehrer, und sei) er noch so geeignet; und habe man ihn sogar während des Krieges in dieser Eigenschaft notwendig gebraucht; nachher wird ihtn die Anstellung wie selbstverständlich verweigert. * Wenn man die Juden samt und sonders authängte, würden die Völkischen Anträge in „ihrem“ Landtag stellen, die Juden seien Schuld, daß der Strickverbrauch ein so großer sei. ¥ Justitia fundamentum regnorum. Kein Hauch von diesem Geiste weht durch die Reden der Regierungsträger. Dr. Wohlmuth bedauert noch, daß die Rücksicht auf Gegenwirkung die Staatsregierung verhindere, entsprechend zu verfahren. Im Gedenkjahre Kants ist Gesetz und Pflicht auch dem Schwachen gegenüber blauer Dunst. Und das Schlimmste ist die Heuchelei, die vom Auslande Gerechtigkeit fordert und diese selbe Gerechtigkeit in den eigenen vier Pfählen nicht walten läßt; nicht walten läßt denen gegenüber, die zehn Jahr Kriegsnot mit ihnen getragen. Schulter an Schulter mit ihnen gekämpft. Tausende von Opfern gleich ihnen dargebracht. Was sollen wir Juden tun? Uns auf uns selbst besinnen. Und wenn die einen beten; „Herr richte sie nicht, denn sie wissen nicht, was sie tun,“ so werden die andern den Blick auf Deutschlands Zukunft richten und sagen, „niedriger hängen!“ Dr. Fred. H. Seligmann Nachschrift der Redaktion: Wir gaben hier einem unserer Redaktion nicht nahestehenden Verfasser Raum, ohne uns mit seinen Ausführungen in allen Einzelheiten zu identifizieren. Judenfeindliche Beschlüsse im bayer. Landtag Der Verfassungsausschuß des bayerischen Landtags führte in seiner Sitzung vom 26. Juli die Beratung über die bekannten völkischen Judenentrechtungsanträge zu Ende. In diesen Anträgen wurde bekanntlich gefordert, daß die Namensänderungen, die seit 1. August 1914 vorgenommen wurden, rückgängig zu machen sind, daß Juden zu Staatsprüfungen nicht mehr zugelassen werden und daß sie insbesondere nicht mehr als Professoren an den Hochschulen zuzulassen sind, daß ihnen der Zugang zum Staatsdienst gesperrt werden soll und daß die im Staatsdienst beschäftigten Juden sofort abzubauen seien. Ferner, daß den Juden verboten ist, Land zu erwerben, und' d'aß schließlich alle seit 1914 eingewanderten Juden auszuwei'sen sind und ihr Vermögen zu beschlagnahmen. ist. Dieser Antrag wurde abgelehnt, nicht aber aus Gründen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit, sondern vor allem, weil Reichs- und Landesverfassung ihm entgegenstehen. Gegen die Stimmen der Sozialdemokraten, Demokraten und Kommunisten, also mit den Stimmen der Bayerischen Volkspartei, der Deutschen Volkspartei und der Deutschnationalen, wurde dagegen folgender Antrag angenommen: 1. Die Staatsregierung ist zu ersuchen, den Angehörigen der jüdischen Rasse in der Regel die Genehmigung zur Änderung des Familiennamens nicht mehr zu erteilen, sowie die unterstellten Behörden anzuweisen, auch, die- Genehmigung zur Änderung des Vornamens Angehöriger der jüdischen Rasse in der Regel zu verweigern. 2. Die Staatsregierung ist zu veranlassen, sofort genaue Erhebungen* anzustellen und das Ergebnis raschestens vorzulegen, wo und' wieviele Angehörige der jüdischen Rasse sich in Diensten des bayerischen Staates, sei es als Beamte, oder als Vertragsangestellte, befinden. In der Aussprache unterbreitete Kultusminister Matt folgendes statistisches Material auis dem Studienjahr 1921/22, das Aufschluß gibt über den jüdischen Prozentsatz innerhalb der Lehrkörper der bayerischen Hochschulen. Danach waren an der Münchener Universität von 292 Professoren und Privatdozenten 24 Juden. In Würzburg unter 114 zwei Juden, in Erlangen unter 95 keiner und an der Technischen Hochschule München von 87 drei Juden, insgesamt also von 598 Professoren und Privatdozenten 29 Juden. In Mürtchener demokratischen Kreisen weist man darauf hin, daß auch die angenommenen Anträge gegen die Weimarer Verfassung verstoßen, die einen Unterschied zwischen verschiedenen Rassen innerhalb Deutschlands nicht kennt. Tagung des Zionistischen Aktionskomitees Herbert Samuel auf der Sitzung des Aktionskomitees An der zweiten Sitzung des Aktionskomitees, Mittwoch, den 25. Juli, nahm auch der High Commissioner von Palästina, Sir Herbert Samuel, teil. Er sagte, sein diesjähriger Besuch in London falle glücklicherweise mit der Tagung des Aktionskomitees zusammen, er habe deshalb Gelegenheit, mit Persönlichkeiten zusammenzukommen, die die Führer des großen Unternehmens in Palästina seien. Während der letzten vier Jahre seien in Palästina bedeutende Fortschritte gemacht worden, in den beiden letzten Jahren herrschte deswegen auch in Palästina eine größere Ruhe und Ordnung als früher. Die Immigration fand nicht in dem Maße statt, wie man es gewünscht hatte, und wie dies im Interesse der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes nötig gewesen wäre. Zum Glück sei jedoch seit kurzem die Zahl der Immigranten gewachsen. Während seiner kürzlich unternommenen Reise durch Palästina hätte er mit großer Befriedigung die Entwicklung im Tale Jisroel wahrgenommen. Als er früher einmal dort war, hatte er keinen einzigen Juden angetroffen, nun aber seien blühende Städte in dem Tal entstanden. Die unlängst in Tel-Aviv stattgefundene Industrie-Ausstellung wirkte förmlich wie eine Offenbarung; sie war ein Merkzeichen einer vor sich gegangenen Entwicklung und ein sicherer Beweis dafür, daß Palästina in Zukunft der Industrie- Mittelpunkt des Mittleren Ostens werden könnte. Zum großen Teil sei diese Industrietätigkeit den polnischen Juden zu verdanken. Die Regierung wird den normalen Zolltarif herabsetzen, damit die Erzeugnise nicht nur in Palästina Verwendung finden, sondern auch in die benachbarten Länder ausgeführt werden können. Was die Vorschläge über Erweiterung der Jewisli Agency betrifft, so sei es wünschenswert,