Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 31 (1.8.1924)
- Date
- 1924-08-01
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Jüdische Echo Nummer 31 1. August 1924 11. Jahrgang Vom bayerischen Landtag Bayern befindet sich in der Lage des Frosches, der über Vivisektion philosophiert. Unerhörte Gewalt geschieht. Franzosen, Engländer haben „zur höheren Gesundheit der Menschheit“ lebendiges Fleisch aus dem zuckenden deutschen Körper gerissen. M e n sc h lichk e it! G er ech t i gk ei t! Kul t u r! Und die Frösche beschließen zur Abwehr, zur Rettung der Menschheit, Gerechtigkeit und Kultur, die Vivisektion an schwächeren Tieren ihrerseits ein ziinihren. ¥ „Eine allgemeine Ausweisung der Juden sei in der Praxis natürlich undurchführbar. Das würde .. zu Repressalien führen... zudem fehle hierbei nach der Verfassung die gesetzliche Grundlage.“ So durfte sich im Verfassungsausschuß des bayer. Landtags der neue Innenminister Stützet äußern. Ob es gerecht, ob es menschlich sei. scheidet aus der Betrachtung aus. Man ist Realpolitiker. Auch ob es nützlich ist fürs Vaterland. So sehr ist man doch nifcht Realpolitiker. Nur die Angst vor Repressalien...; man entschuldigt sich ordentlich ... das böse Ausland ... man würde sonst vielleicht sicher gerne... Und ganz zum Schluß und nebensächlich „zudem fehlt die gesetzliche Grundlage“! Zudem! Die Niedrigkeit, das Undeutsche solcher Einstellung scheint nach den Presseberichten niemand vom Regierungstische aufgefallen zu sein. Das müssen erst wir Juden aufzeigen. Und dler Demokrat Eisenbeis. allein auf weiter Flur — wahrscheinlich wenigstens ein Juden kn echt. * Staatsnotwendigkeiten, Vaterland bedeuten nichts, Propaganda für die Partei alles. Das mußten sich die Völkischen ausgerechnet vom Abg. Hilpert sagen lassen. Verschleiert und verblümt natürlich. Urdeutsch. Sprachs und stellte einen deutschnationalen Antrag, der „deutsches Volkstum“ als Grundlage für den organischem Aufbau der Verfassung fordert. War der Propaganda- Antrag der Völkischen nach Hilpert „undurchführbar“, so mußte er selbst sich vom den Koalitionsfreunden bescheinigen lassen, sein Ausdruck „deutsches Volkstum“ sei „unklar“. Sehr milde ausgedrückt. Merken die Herren denn noch immer nicht, daß sich weder deutsches Volkstum noch jüdische Rasse jemals positiv eindeutig festlegen läßt? Sagt uns doch, wie denn? Im einzelnen fühlt man vielleicht, daß Willstätter, Haber,, Einstein, Friedrich Stahl irgendwie zur jüdischen Rasse gehören und daß Keßler, der Raubmörder von Berchtesgaden. Lincoln Trebiisch und manch anderer zum deutschen Volkstum zu rechnen sind. Ist für das Vaterland, für die Kultur, für die deutsche Kultur vor allem wirklich etwas anderes entscheidend als die Gesinnung? Der einzige Mann mit sogen, jüdischem Blut; in den Adern im Bayerischem Landtag sitzt auf den Bänken der Völkischen. Ich als jüdischer Deutscher verwahre mich dagegen, daß Dummheit eine Eigentümlichkeit deutschen Volkstums sein soll. * Die Namensänderungen plagen die Völkischen. Der gelbe Jmdenfleck, den manche am Namen tragen, auch am Vornamen, darf nicht verwischt oder verdeckt werdtm. Äußerlichkeiten, gebogene Nase, verbogener Name — daran hängen sie sich. Und vom Regierungstisch kommt; die merkwürdige Aufklärung, daß in zehn vollen Jahren in ganz Bayern 52 (zweiundfünfzig) Gesuche um Namensänderung von jüdischer Seite eingelaufen, 23 (dreiundzwanzig) genehimilgt worden seien, „ein ganz verschwindender Prozentsatz unter der großen Zahl der Gesuche“. In unser geliebtes Deutsch übertragen, heißt diese Ohrfeige: der Jude hält an seinem Namen, an seiner Persönlichkeit, an seiner Tradition, auch wenn er öffentlichen und offensichtlichen Nachteil davon hat. Bel den Nichtjuden ist der Versuch häufiger vor der eigenen Vergangenheit davonzulaufen, sich vor der eigenen Persönlichkeit zu verstecken. Wo steckt also Tradition und wo „zersetzender Einfluß“? ¥ Eine neue Judenstatistik. Die Regierung solle erheben, wieviele Angehörige der jüdischen Rasse in Diensten des bayerischen Staates stehen. Die Definition des Begriffes „jüdische Rasse“ bleibt dem Vorsitzenden der Regierung überlassen. Diesen Antrag hat ganz sicher kein Jude gemacht. Er scheint mir nach der rein technischen Seite das blamabelste zu sein, was sich je ein Parlament geleistet hat. Eini Vorschlag: wie wärs denn, wenn man einen hervorragenden Chemiker bäte, ein Serum zu erfind'en, das die Eigenschaft hätte. Blutproben je nach arischer oder semitischer Beimengung blau oder gelb zu färben. Ich glaube, es müßte wohl etwa Prof. Willstätter sein ... Mit der nächsten Steuerfassion wäre eine Blutprobe mit abzugeben ... Der Vorschlag hat aber, ich verrate es gleich, seine jüdische Bosheit in sich. Denn mancher, der sich arg blau gebärdet, könnte infolge unvorsichtiger Wahl der Urahnen, plötzlich wenn nicht gelb so doch eben gemischt, grün anlaufen. Und es gäbe dann wenigstens eine Erklärung für das Überwiegen dieser Farbe bei gewissen Parteigängern. ¥ Alles verludet. Wir hoffen auf das baldige Erscheinen der Statistik. Die Herren werden sich dann andere Argumente suchen müssen. Wie es an den Universitäten steht, wurde im Landtag schon nachgewiesen: unter 598 Hochschullehrern in Bayern sind 29 Juden. Unter den Bedeutendsten ist der Prozentsatz,— nicht wahr: leider! — größer. In der höheren Justiz gilbts auch noch ein paar jüdische Beamte. Wie stehts in der höheren Verwaltung? Im auswärtigen Dienst? In den Ministerien des Handels, der Finanzen, im Eisenbahu- und Postwesen? Wie stehts. durch alle Ämter