Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 29 (18.7.1924)
- Date
- 1924-07-18
- Page
- Seite 178 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9072829-9103074-9151720--06108-9078808- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
178 Das Jüdische Echo Nr. 29 Theater-Direktor (blickt ihn mißtrauisch an). Fürstin (sieht mit zuckenden Mundwinkeln, aber tiefernst in die Landschaft hinaus). Theater-Dirktor: Madame est francaise? Je voudrais jurer dessus. Fürstin: Non, monsieur. Theater-Direktor (der es dem Herrn dort in der andern Ecke nun erst recht zeigen möchte): Pourtant vous parlez tres bien francais — je m’en connais dedans. Fürstin (schweigt). (Pause.) Der Herr (lacht in sein Buch hinein). Theater-Direktor (wird purpurrot): Gargong!... (Klopft lärmend an sein Glas, der Bursche erscheint.) Zahlen! Gargon: Bitte sehr — in Kronen oder Mark? Theater-Direktor (großartig): Egal — ich habe beides. Gargon: Alles zusammen macht achtzehn Kronen sechzig, bitte sehr. Theater-Direktor: (gibt ihm eine Zehnernote): Sie brauchen mir nichts herauszugeben. Pourboire!... Ja sagen Sie, woher kenne ich Sie denn? Garcon: Bitte sehr, von hier. Theater-Direktor: Ah ja — haben Sie mich nicht auch im vorigen Monat bedient — wie ich (triumphierender Rundblick und starke Betonung) mit dem Herzog von Franken reiste? Gargon (lacht): Freilich! Sie waren allein da mit dem Herzog. Fürstin (betrachtet den Direktor sekundenlang). Theater-Direktor (für sich): Aha!... (Laut zum Burschen): Ja, wir waren allein, der Herzog und ich. Garcon: Er war nachher sehr böse. Theater-Direktor (wiegt sich ahnungslos auf seinem Stuhle): Ah? Davon weiß ich gar nichts. Garcon: Ja. Der Herr Adjutant hat mirs gesagt, wie er die Rechnung gezahlt hat. Der Herzog ist nach der allgemeinen Speisestunde gekommen, damit er allein sein kann — und da haben Sie sich zu ihm gesetzt und haben ihn angesprochen. Fürstin und der Herr (blicken mit Anstrengung in die Landschaft hinaus, um nicht zu lachen). Theater-Direktor (gereizt): Das muß ein Irrtum sein. Garcon: Bitte sehr, nein. Der Herzog hat mich sogar höchsteigenhändig gefragt... Theater-Direktor: Nun, was? Garcon: Ich weiß nicht, ob ich es sagen darf. Theater-Direktor: Sagen Sie es nur! Garcon: Der Herzog fragte nach Ihnen. Theater-Direktor: Natürlich!... Welche Worte gebrauchte Seine königliche Hoheit? Garcon (zögernd): Er fragte mich: „Wissen Sie vielleicht, wer der zudringliche Mensch war?“ Theater-Direktor: Sie sind ein Dummkopf! Garcon: Bitte sehr, bitte sehr! Theater-Direktor (steht rasch auf und verläßt den Speisewagen, ohne sich umzusehen). Garcon (brummt): Selber einer! (Räumt ab und geht in die Küche.) Fürstin (lacht bis zu Tränen). Der Herr: Ich habe mich königlich unterhalten. Fürstin (lacht ruhiger). Der Herr: Da ich Sie, Madame, und ihn kenne. Fürstin (blickt ihn sehr erstaunt an, schweigt ein Weilchen, in dem sie überlegt, ob sie dem Fremden Rede stehen soll; doch macht er keinen schlechten Eindruck, und sie spricht endlich mit zögernder Neugierde): Wer ist dieser — Herr? Der Herr: Ein Berliner Theater-Direktor. Possierlicher Mensch. Ich glaube übrigens nicht, daß er so dumm ist, wie er sich benommen hat. Fürstin: Das wäre schrecklich. Der Herr: Sein Unglück könnte freilich auch einem geistreichen Manne widerfahren. Fürstin: Welches Unglück? Der Herr: Von einer Frau, der er gefallen will, ausgelacht zu werden. Fürstin (lächelt abweisend, sieht wieder zum Fenster hinaus). Der Herr: Es ist nicht zu sagen, was das für ein Genuß war, als ich sah, daß er mit Ihnen ein Gespräch anknüpfen wollte. Fürstin (lacht). Der Herr: Ich habe ihn vom ersten Augenblick an beobachtet, wie er sich dort in die Ecke setzte, wie er ein Menu machte, das auf Ihre Einbildungskraft wirken sollte. Er hat nämlich keine Ahnung, wer Sie sind, Madame. Sonst hätte er Sie vielleicht nicht mit getrüffelter Gansleber zu blenden versucht. Fürstin: Ich möchte wissen, was er sich bestellte, als er mit dem Herzog von Franken reiste. Der Herr: Sicher auch was Auffälliges.Der Mann ist übrigens ein Typus. Ich habe solche Käuze schon in allen Weltteilen getroffen. Wenn sie im Kupee oder auf dem Schiffe eine Dame erblicken, wollen Sie gleich ein Reiseabeteuer erleben. Als ob es noch Abenteuer in der Welt gäbe. Fürstin: Ah, wirklich — es gibt keine mehr?' Der Herr: Sie dürfen mir glauben. Ich treibe mich so viel in der Welt herum. Ich wüßte es. Ich habe noch nie unterwegs eine Bekanntschaft gemacht. Fürstin: Nein!... Der Herr:: Ich mache nie den Versuch, mit einer Reisegefährtin zu reden. Fürstin: Das sehe ich... Und Sie reisen viel. Der Herr: Die Hälfte des Jahres. Ich habe keine andere Passion. Wenn ich einmal ein paar Monate still liege, geschieht es nur, um die Reiselust in mir bis zur Wut anzustacheln. Ich kenne alle großen Städte und alle Länder und bin überall ein Fremder. Wenn ich die Ringstraße satt habe, gehe ich ein bißchen in der Rue de la Paix oder in Regent Street spazieren. Wenn mit Granada nicht mehr unterhält, versuche ich es mit dem Newskij- Prospekt oder mit dem Park von Ghezireh oder mit den feinen Grachten Hollands.Überall kenne ich Leute, die mich nicht kennen, und das ist so amüsant. Fürstin: Das läßt sich denken... Woher kennen Sie mich? Der Herr: Vom Turf. Ich glaube, zuerst in Goodwood. Ich sah Sie mit der Herzogin von Devonshire. Fürstin: Möglich... Sie kennen die Herzogin? Der Herr: Ich? Nein. Vom Sehen. Ich sagte schon, daß ich nirgends Attachen habe. Fürstin: Wie merkwürdig! Der Herr: In Ihnen erwacht jetzt der Wunsch, zu wissen, wer ich bin. Je voudrais jurer dessus, wie der Clown vorhin sagte .... Lassen Sie mich lieber * weiter ungezogen sein und meinen Namen verschweigen. Fürstin (zieht dje Augenbrauen hoch, mißt ihn flüchtig und lächelt): Das ist sehr drollig... Der Herr: Sie kennen . so viele Botschaftssekretäre, Garde-Offiziere und andere mixed multitude der Salons. Die haben alle Namen, große Namen, glänzende Namen, alte Namen — es muß doch für Sie originell sein, einen Namenlosen zu kennen. Obwohl auch ich das Vergnügen habe, einen sehr alten Namen zu tragen. Fürstin (beinahe liebenswürdig): Ah! Ich dachte es mir gleich. Man errät ja die Roture... Aber Sie haben recht: Ihr Einfall, mit mir als Namen-