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Das jüdische Echo · 1924-07-18 · 29 (18.7.1924) · p. Seite 179

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
11 (1924)
Issue
29 (18.7.1924)
Date
1924-07-18
Page
Seite 179 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 29 Das Jüdische Echo 179 loser zu sprechen, ist originell. Es ist mir noch nie passiert. Der Herr: Dann bin ich sicher, daß Sie mich nicht vergessen werden, auch wenn Sie mich nie Wiedersehen. Fürstin: Sie bilden sich gleich eine Menge ein. Der Herr: Nein. Ich bin eigentlich sprachlos darüber, daß wir miteinander reden. Fürstin: Ich auch. Der Herr: Vorhin, als der Hanswurst Sie belästigte, dachte ich mir: wie kann ein Mensch so dumm und geschmacklos sein, eine Dame wie Sie anzureden! Und dann war ich plötzlich selbst so dumm und .... Fürstin: Geschmacklos? Der Herr: Sie verstehen mich. Es ist mauvais genre. Aber in den Märchen muß das vorgekommen sein, in den charmanten Märchen. Da wissen die Prinzessinnen auch nicht, wer der Fremdling ist. Und das ist offenbar das Hübscheste am Märchen. Fürstin: Finden Sie. Der Herr: Das Sprechen wird einem leicht. In der Gesellschaft redet man immer nur aus der Position heraus, die man einnimmt. Aber in einem solchen Falle kommen einem andere Worte auf die Lippen, unerwartete, nie gebrauchte, für die man gar nicht verantwortlich ist. Fürstin: Eigentlich wahr. Der Herr: Wenn ich es recht bedenke, reise ich seit fünfzehn Jahren in der Welt herum, nur um Sie zu treffen, Madame. Fürstin (lacht): Mich? Sie hatten es in Goodwood bequemer. Der Herr: Nein. Nicht gerade Sie. Ich habe mir natürlich nie erlaubt, an Sie zu denken, obwohl ein letzter Knecht von der Königin träumen darf.Ich bin sehr schüchtern. Fürstin: Das merkt man nicht. Der Herr: Mit Leuten, die man unterwegs begegnet, möchte ich nie in Berührung kommen. Fürstin: Da haben Sie recht. Es gibt auf Reisen unmögliche Menschen, denen man kaum ausweichen kann: Geschäftsleute, Pöbel, Juden... Der Herr: Wie meinen Sie? Fürstin: Alles durcheinander. Si$ sehen, selbst der Herzog von Franken mußte sich diesen Menschen gefallen lassen. Der Herr: Ja, es ist schwer zu ändern. Die Bahnen müssen auch gewöhnliche Fahrgäste annehmen; ich glaube sogar, die erhalten die Bahnen. Aber wir, die wir das Seltene lieben, kommen dabei nicht auf unsere Rechnung. Fürstin: Sie sprechen mir aus der Seele. Der Herr: Und gerade das Reisen könnte so schön sein. Draußen jagt die Landschaft vorüber. Wie gut, daß man weitereilen darf. Es wird einem so wohl ums Herz. Gedanken, zusammenhanglos, hoch und fröhlich ziehen durch die Seele, wie der Vogelschwarm da oben durch den blassen Himmel. Dann fehlt nur eine Frau, der man es sagen kann. Aber sie muß sehr stolz, sehr zart, sehr unnahbar sein, und sie muß die Melodie fühlen können, die man in ihr erklingen macht. Fürstin: Wer sind Sie. Der Herr: Ein Träumer, der vorübergeht. Fürstin: Sie sprechen anders, als unsere mixed multitude. Ich möchte wissen, wer Sie sind? Der Herr: Vielleicht der Schelm von Bergen. Fürstin: Wer ist das? Der Herr: Befehlen Sie mir nicht, mich zu nennen, Fürstin! Ich möchte noch bis zur nächsten Station mit Ihnen plaudern. Dann steige ich aus und verschwinde. Wenn Sie eine Ahnung haben, was Märchen sind, muß Ihnen das lieber sein. Dann werden Sie noch eine Weile an den Rätselhaften denken. Ich werde nie in meinem Leben etwas Schöneres erlebt haben. Es begann unter Scherzen und verlor sich in einem Traum. Ich war kein Herr, der irgendwie heißt, und Sie waren die ferne Prinzessin, nicht eine wirkliche Dame aus dem genealogischen Taschenbuch. Ich war der Windstoß, der über eine Harfe strich. ^Fürstin: Immer mehr will ich wissen, wer Sie sind. Der Herr: Sie werden mir zürnen, wenn ich es nach alledem sage. Fürstin: Ich werde Ihnen nur verzeihen, wenn Sie es mir sagen. Rasch, rasch! Der Herr (entschlossen): Nun denn, Durchlaucht — ich heiße Kohn. Fürstin (verdutzt): So?... Das ist... (Blickt zum Fenster hinaus.) Wo sind wir denn schon? ... (Drückt auf den Taster an der Wand.) Garcon (erscheint): Befehlen? Fürstin: Meine Kammerfrau wird Ihre Rechnung bezahlen kommen. (Erhebt sich, nickt leicht mit dem Kopfe und verläßt den Speisewagen.) Der Herr (für sich): Das war vorauszusehen... (Der Zug braust weiter.) Her zl-Worte*) Heute ist das jüdische Proletariat nicht nur das ärmste und' unglücklichste, sondern auch das unruhigste und 'das am meisten beunruhigende. (V. Kongr eß rede.) Das Ghetto existiert noch überall, wie unsichtbar auch seine Mauern seien. Das Ghetto besteht im Mißtrauen der Gentiles. im Zusammenhockeni der Juden und in der Scheu, die Zusammengehörigkeit einzugestehes. Einer der vielen wunderlichen, Widersprüche unseres Volkslebens ist: daß wir weit auseinandergestreut und doch auf allen einzelnen Punkten unbehaglich zusam- mengepreßt sind (Der ewige Jude.) *) Aus dem gleichnamigen Buche; zusammengestellt von Felix A. Theilhaber. Das Judentum ist eine Massenherberge des Elends mit Filialen in der ganzen Welt. (III. Kongreßrede.) Wer untergehen kann, will und muß. der soll untergehen. Die Volkspersömlicbkeü der Juden kann, will und muß aber nicht untergehen. Sie kann nicht, weil äußere Feinde de Zusammenhalten. Sie will nicht, das hat sie in zwei Jahrtausenden unter ungeheuren Leiden bewiesen. (Der Judenstaat.) Ganze Äste des Judentums können absterben, abfallen; der Baum lebt. (Der Judenstaat.) Die Judenfrage besteht überall, wo Juden in merklicher Anzahl leben. Wo sie nicht ist, da wird sie durch hinwandernde Juden einge-

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