Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 29 (18.7.1924)
- Date
- 1924-07-18
- Page
- Seite 177 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 Das Jüdische Echo 177 Voilä! so weit wären wir, wenn er nicht wieder abschnappt. Verlasse dich auf Fürsten (auch der Finanz) nicht, sie sind wie eine Wiege. Dann aßen wir. Sein Sohn Charles, ein netter, kluger, strammer junger Mensch, war auch au fait, auch Leopold R. Die Sache scheint vom Haus R. zur eigenen gemacht zu sein. Cairo. 2. April. Das Luncheon bei Baron Oppenheim (de Cologne) hiat eine der komischsten Aufklärungen gefunden, indeed. Es versammelte sich in dem. sehr orientalisch geschmackvollen Hause O.s eine Putsche Gesellschaft von Professoren und Diplomaten. Der Hausherr tänzeltespät herein, unter Mittelgröße, Schmarre auf der Backe. Offiziersschnurrbart, schneidig, Taille, eine gute, aber etwas zu bemühte preu;‘sehe Junkerkopie. Das ganze Unbehagen einer fremden steifen Gesellschaft. Aber als er mich nach meinem gelehrten Fache fragte, fühlte ich mich noch unkomfortabler. „Gar keines“, sagte ich, denn ich erriet, daß er mich gar nicht hatte einladen wollen. Mosse-s, possierliche Mischung von Muhlendammern und etrangers de distinction, waren auch da und fanden die- Sache „vornehm“. Erst nach Tisch konnte ich mir den Hausherrn beiseite nehmen und ihn fragen, ob denn kein Mißverständnis vorliege. „Sie hatten die Freundlichkeit. Ihre Karte bei mir abzugeben.“ „Nein, zuerst Sie bei mir. lieber Baron, Sie waren zweimal bei mir.“ „Einmal.“ Kurz, es stellte sich heraus, daß die erste Karte ein Irrtum war. Gottheil kannte er allerdings in New York (so hatte ich, in Erinnerung an einen Brief G.s, vermutet); aber von der zionistischen Biewegung wollte er nichts wissen, bat mich sogar, ihn in keiner Weise damit in Verbindung zu bringen. (Plus 0. de Cologne que jamais.) Worauf ich ihm als Antwort auf diese seine (getaufte) Judenangst vom Kaiser und Großherzog erzählte. Er behauptete dann, aus politischer Erfahrung heraus gegen den- Zionismus zu sein. Er erbarmte mich. Welche lebenslange Anstrengung das Assimilantentum mit sich bringt, dafür ist dieser O. de Cologne-Nachkomme der beste Beweis, Eine lebenslange Komödie. Er spielt preu‘schien Junker; und ich glaube, am liebsten wäre ihm, er könnte Schma Jisroel sagen, wenn er eine Durchgezogene auf die Quartseite kriegt. Und dazu Herr und Frau Mosse. Inseratenbureau aus Berlin, die ihn vornehm finden. Wie sich diese Juden anstrengen, um komische Rollen zu spielen. I IIIII II! 1 || Feuilleton ||»|| IIP 1 || I ■IllPI i Im Speisewagen Von Theodor Herzl. Ein elegischer Schwank. Ort der Handlung: der Speisewagen des Eilzuges Wien—Prag—Berlin. Personen: Die Fürstin. Der Theater-Direktor. Ein Herr. Ein Garcon der Schläfwagengesellschaft. Beschreibung der Personen: Die Fürstin, dreißig Jahre alt, nicht schön, aber hübsch; ein Charme; feines Profil, um den Mund tiefe Falten-, die vom Lachen herrühren. Sie ist außerordentlich einfach gekleidet, mit einer verstohlen rauschenden Eleganz, die den Kenner ergreift. Der Theaterdirektor, vierzig Jahre alt; roter Schnurrbart, dessen edler Schwung den Gebrauch einer Strammheitsbinde verrät; im Knopfloch eine phantastische Rosette, welche den Besitz hoher asiatischer und afrikanischer Orden anzeigt. Er liest den Pariser „Figaro“. Der Kopf des Blattes ist imposant nach außen gekehrt. Es kann keinem der Anwesenden entgehen, daß dieser Herr den Pariser „Figaro“ liest, und das ist auf der Strecke Wien—Prag nicht ohne Wirkung. Das Haupt des Direktors deckt eine schwarzseidene Reisemütze. Auf seinem Bauche tanzt ein Monokle. Der Herr, am Ausgang der Dreißig, Weltbummler ohne Beruf: schwarzer Schnurrbart, Hakennase, dunkle Augen, das Haar an den Schläfen ergrauend; lautlos korrektes Betragen; liest scheinbar vertieft ein Buch in gelbem Umschlag, das er eben erst aufgeschnitten hat, Der Garcon, verschlafen. Der Theater-Direktor (hat schon früher krampfhafte Versuche gemacht, die Aufmerksamkeit der Fürstin auf sich zu ziehen, jetzt vernehmlich): Garcong, haben Sie ’ne gute Marke fine Champagne? (Mit Betonung.) Fine Champagne! Aber echten. Garcon: Bitte, wir führen nur echte Flaschen, mein Herr! Theater-Direktor (scherzend): Die Flaschen sind echt, ja, das glaub’ ich. mein Lieber! Na, bringen Sie immerhin! (Blickt sieg-reich umher, mit dem Ausdruck „He, bin ich ein Kerl?“ im Gesichte.) Fürstin (blickt heimlich lächelnd zum Fenster hinaus.) Theater-Direktor (hält sie nunmehr für reif zur Annäherung): Aimez-vous la fine Champagne, madame? Fürstin (schüttelt verneinend den Kopf und blickt sehr ernst durchs Fenster). Der Herr (der beide vom Sehen kennt — sie vom Turf zu Asoot und Deauville, ihn aus einer Berliner Premiere — beißt sich in die Lippen und liest gespannt in seinem Buche). Theater-Direktor (klemmt das Einglas ins Auge, betrachtet die Kognakflasche mit dem Ernst des Forschers): Hmja, die Flasche! .... (Nimmt einen Schluck.) Aber der Inhalt! C’est incredibile! Fürstin (lacht über den Schnitzer ein klein wenig). Theater-Direktor (faßt das als Entgegenkommen auf): On est tres mauvaisement — (denkt nach) soigne dans les wagons-lits. Vous ne trouvez pas, madame? Fürstin (kurz und leise): Non, monsieur. Der Herr (findet in seinem Buche etwas Hochkomisches und lacht laut auf, errötet aber leichtals ihn die Fürstin daraufhin zum ersten Male mit ihrem Blicke streift).