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Das jüdische Echo · 1924-07-18 · 29 (18.7.1924) · p. Seite 172

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
11 (1924)
Issue
29 (18.7.1924)
Date
1924-07-18
Page
Seite 172 (sequence 4)
Language
German
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172 Das Jüdische Echo Nr. 29 daß sie sich mit Lebensbedingungeil abfindet, gegen die jeder Rest von einfachem menschlichen Ehrgefühl sich aufbäumen müßte, die Achseln zuckt und allenfalls sich den billigen Trost einredet, daß auch diese antisemitische Welle vorübergehen wird. Am schlimmsten ist die Entwürdigung bei den auf den Höhen des Lebens wandelnden Reichen und Angesehenen. Wo es sich ums Judentum handelt, sehen und hören sie nicht. Ihr sonst so empfindlicher Ehrbegriff ist da einfach abhanden gekommen. Und bei allzuvielen Zionisten, besser gesagt zionistischen Mitläufern eine Lauheit, die nur möglich ist, wenn man sich mit diesem entwürdigenden Leben abgefunden hat, von dem eben Herzl uns gezeigt hat, daß man es eher opfern kann, als sich mit ihm abzufinden, das nur ertragen werden kann und darf unter der restlosen Arbeit, es durch Zion zu überwinden. Jeder Jude müßte Herlzs Leben aus seinen zionistischen Schriften und vor allem aus seinen Tagebüchern, die zu lesen selbst ein ungeheures Erlebnis ist, in sich aufnehmen. Er wird ersehen, daß es ein ungeheurer Vorwurf gegen uns Träge ist. Ein Vorwurf und eine Mahnung! Zum 20. Tamraus Wiederum naht der Jahrzeitstag um Theodor Herzl heran. Am 20. Tammus (22. Juli) werden es 20 Jahre, seitdem uns der große Führer entrissen wurde. Zu keiner Zeit, in keiner Stunde hat der größte Teil des jüdischen Volkes seiner vergessen und es bedarf sicher nicht des Jahrzeitstags, um uns an den Mann zu erinnern, der einzigartig in der Geschichte des jüdischen Volkes in der Diaspora dasteht. Wenn wir nun doch den 20. Tammus stets besonders der Erinnerung an den großen Toten weihen, so geschieht es, um uns immer wieder an sein Werk zu erinnern, um immer wieder die Juden zu ermahnen, die Festigung der von ihm ins Leben gerufenen großen Idee zu stärken, um die Jugend darauf hinzuweisen, was der große Meister geleistet und wie sie in erster Reihe dazu berufen ist, das von ihm Geschaffene aufzubauen und seiner weiteren Entwicklung zuzuführen. Zwanzig Jahre sind eine kurze Spanne Zeit und doch wurden in diesem Zeitraum Pläne verwirklicht, welche nur die stürmische Jugend nicht befriedigen. Wenn man bedenkt, was in diesen 20 Jahren alles geschaffen wurde, muß der größte Pessimist zugestehen, daß die kleine Zahl unseres Volkes, welche Herzl’s Erbe verwaltet und weiter zu entwickeln berufen ist, doch Großes geleistet hat. Seitdem die Balfourdeklaration festen Boden gefaßt hat, sehen wir bei großen Teilen der Judenheit, besonders in Amerika, England usw. immer größeres Interesse für Palästina gewinnen und die Erfolge, welche sich durch die Eingänge für Nationalfonds, Keren Hajessod usw. ergeben, zeigen deutlich, wie sich die Lage geändert hat. Wohl läßt der Erfolg in Deutschland noch manches zu wünschen übrig, aber in allen anderen Ländern sind die maßgebenden und mächtigen jüdischen Kreise bereit, dem Aufbau Palästinas kräftig beizustehen. Herzl’s Ideen werden so allmählich Gemeingut des ganzen jüdischen Volkes und es ist die Pflicht führender Kreise im Zionismus, den Todestag Herzl’s nicht vorübergehen zu lassen, um immer weitere Kreise für das große Werk zu gewinnen. Kleine Mißverständnisse lassen sich bei großen Bewegungen nicht vermeiden und schaden auch nicht; im Gegenteil, Aussprachen haben immer ihr Gutes. So sehen wir auch dem neuen Jahrzehnt seit Herzl’s Tod hoffnungsvoll entgegen; möge sich jedermann bewußt sein, daß nur emsige Arbeit eines jeden von uns den Erfolg sichert. Nicht Reden und Schreiben tuts, sondern die Tat. nmn ntrjn tio« „Sprich wenig, tue viel.“ Wilhelm II. und Theodor Herzl Von Dr. Willy Cohn." I. In welchem Maße die Herzlichen Taigebuchbände eine Fundgrube für den Historiker bilden, kann an dieser Stelle in vollem Umfang nicht auseinandergesetzt werden. Nur soviel sei gesagt,, daß der Begründer des politischen Zionismus es verstanden hat, die leitenden Männer seiner Epoche für die neue Bewegung zu interessieren; bei der Machtstellung, die in den 90er Jahren des abgelaufenen Jahrhunderts Wilhelm II. in Europa einnahm, mußte es für Herzl von Bedeutung sein, mit ihm in Berührung zu kommen. Am 23. August 1897 notiert er in sein Tagebuch: Wir werden also sehen, was der Kongreß bringt. Hat er zur Folge, daß die politischen Mächte die Sache in Erwägung ziehen, daß mich beispielsweise der Deutsche Kaiser rufen läßt, so werde ich fortarlbeiten.“ — Die Beziehungen, die Herzl zum Großherzog Friedrich von Baden besaß, wollte er benützen, um sich durch ihn bei Wilhelm II. einführen zu lassen; in diesem Sinne schreibt er am 2*2. Oktober an den Großherzog. Am 1. Dezember erhält er von diesem einen ablehnenden Bescheid. Im Januar des nächsten Jahres hatte er Gelegenheit mit dem Chef des kaiserlichem Zivilkabinettes Lucanus zu sprechen. Er erlangte zwar damals noch nicht die gewünschte Audienz, aber er erfährt, daß der Kaiser über den Zionismus unterrichtet ist. Die Idee aber verläßt ihn nicht mehr; unter Benützung seiner Beziehungen zu Hechler, der wieder protestantisch-kirchlichen Kreisen sehr nahe stand, will er es im Mai erreichen. Für die Realisier rung seiner Pläne ist es ihm nach wie vor von größter Wichtigkeit. Immer wieder finden wir im Tagebuch Briefentwürfe an den Kaiser eingestreut. Wilhelm II. rüstete zur Palästinafahrt, und das schien für Theodor Herzl der gegebene Augenblick, um weiter zu kommen. Es mutet heute, nach allem, was die Welt erlebt hat, sonderbar an, wenn man in einem solchen Entwurf die folgenden) Zeilen liest: „Wenn es mir vergönnt wäre, Ew. Kaiserliche Majestät über die politischen und sozialen Fragen, welche im Zionismus mitschwimgen, mündlichen Vortrag halten zu dürfen, wie vor zwei Jahren Sr. Königlichen Hoheit dem Großherzog — ich glaube, ich würde den genialen Deutschen Kaiser für diese prachtvolle Idee der Ärmsten erwärmen können.“ Im September hat Herzl auf der Mainau eine Audienz beim Großherzog; hier wird nun ausführlich über die Möglichkeit gesprochen., den Kaiser für den Zionismus zu interessieren. Friedrich von Baden hatte hier schon gut vorgearbeifet. Als Wilhelm anläßlich der Leichenfeier der ermordeten Kaiserin Elisabeth nach Wien kommt, hat Herzl Gelegenheit, mit dem Freunde des Deutschen Kaisers, Philipp von Eulenburg, der sich sehr für den Zionismus interessierte, zu sprechen. Aber der Gegenspieler ist Graf Bernhard Bülow. der spätere Reichskanzler, der kühl abwartend und ablehnend der Bewegung gegenübersteht. Die ersehnte Audienz beim Kaiser erreichte Herzl in

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