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Das jüdische Echo · 1924-07-18 · 29 (18.7.1924) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
11 (1924)
Issue
29 (18.7.1924)
Date
1924-07-18
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Das Jüdische Echo Nummer 29 18. Juli 1924 11. Jahrgang 20 Jahre nach Herzl Dies war Herzls Größe als Mensch und Jude: daß er von der Peripherie des Judentums kam, der wie so viele Juden seiner Zeit — und unserer Zeit, kaum etwas Wirkliches vom Judentum wußte, von dem Augenblick an, in dem er erkannte, daß die Lage der Juden unerträglich, materiell und noch mehr moralisch unerträglich ist, keine andere Sorge und Aufgabe mehr kannte, als das Judenproblem. Von dem Augenblick an war ihm der Beruf, in dem er _ eine vielbeneidete Stellung einnahm, Last und sogar seine Familie trat in den Hintergrund. Er war von dem Gefühl überwältigt, die Juden, das jüdische Volk kann so nicht weiterleben, ich als Jude kann so nicht weiterleben, ungeachtet alles persönlichen Wohlergehens. Dies war die Größe und Vornehmheit seiner Seele und das Achselzucken der anderen, die so unendlich gescheit waren — und sind, Herzl und den Zionismus zu verlachen oder anzufeinden, weil er sie in ihrer schimpflichen Ruhe stört — ist deren Erbärmlichkeit. Herlzs Zionismus kam von der Judennot. Das Aufflammen des Judenhasses in Frankreich zur Zeit des Dreyfus-Skandals gab den Anstoß und Juden-Elend in aller Welt bildete noch lange den Antrieb. Nordau gab auf den Kongressen regelmäßig ein erschütterndes Bild vom Juden-Elend der Welt. Und heute, 'zwanzig Jahre nach Herzls Tod? War Herzl zu fein geartet oder sind wir allzu stumpf geworden? Das Juden-Elend jener Zeit war ja ein Paradies mit dem verglichen, was die Juden in diesen Jahren seit dem Kriege erleiden. Auf den Pogrom inKischenew folgte ein Aufschrei der Juden in der ganzen Welt. In den letzten Jahren hat die Erde Ströme jüdischen Bluts in der Ukraine getrunken und in kleinerem Umfange — immer noch größer als damals in Kischenew — gab es Judenmord in vielen Ländern. Nirgends in Europa gibt es Ruhe und Sicherheit für die Juden; überall hat sich der durch Krieg und „Frieden“ entfachte Chauvinismus zu einer schweren Bedrohung der Juden entwickelt. In dieser Stadt München, die trotz des „Bayrischen Vaterland“ keinen Antisemitismus zu kennen glaubte, ist eine europäische Zentrale der Judenhetze entstanden. Die Juden dieser Stadt, haben den hierher einberufenen ersten Zionistenkongreß vertrieben, damit kein Antisemitismus entstehe. Der Kongreß blieb München fern, der Judenhaß hat hier seine Hochburg gefunden. Hier, wo die Juden nie Antisemitismus spürten (er war immer da, sie „spürten“ ihn nur nicht),, hat der Judenhaß sich selbst für Juden mit einer Elefantenhaut und in allen Dingen des Lebens zur Bedrohung entwickelt, in Formen, die schlimmer sind, als das, was die Juden im zaristischen Rußland erlitten. Schlimmer deswegen, weil es sich dort fast ausschließlich um administrativen Antisemitismus handelte, dem zumindest die gehobenen Schichten des Volkes fern standen. Und hier...? Als Herzl. die Unhaltbarkeit der Lage der Juden erkannt hatte, gab es für ihn keine ruhige Stunde mehr. Sein Leben gehörte restlos der Idee des Zionismus, die das jüdische Volk erlösen sollte. Sein tiefer Glaube an die Idee und sein Gefühl des bitteren Zwanges, die Idee zum Siege zu führen, weil es eine andere Hoffnung für die Juden nicht gab, verliehen ihm die unerhörte Kraft, die wir an ihm bewundern. In der kurzen Spanne von acht Jahren, die ihm vom Beginn der „Judensache“, vom Erscheinen des Judenstaates an noch zu leben vergönnt war, vollbrachte er das Werk, das er hinterließ: Er entflammte und sammelte eine große Zahl von Juden von allen vier Enden der Welt, schuf die zionistische Weltorganisation und unterhielt stete Verbindungen mit den Mächtigen der Erde. So einfach natürlich und so zwangsläufig notwendig zugleich erschien ihm das Werk, daß keine Enttäuschung, kein Mißerfolg ihn niederdrücken konnte. Er fand sofort eine neue Kombination, wenn eine Hoffnung fehlging. Am lehrreichsten ist das El-Arisch-Projekt, das mit unendlichen Mühen und Hoffnungen, mit einer erstaunlichen politischen Kombinationsfähigkeit betrieben wurde. Eben hielt Herzl „die Sache so für fertig“, daß er sich schon mit Details seines Aufbruchs beschäftigt und morgen schon entspringt seinem nie ruhenden Geist der Plan, von Portugal Mozambique als Tauschobjekt für ein Gebiet vor den Toren Palästinas zu erwerben und sofort erfolgen die ernstesten politischen Schritte hierzu. Er kann nicht mutlos werden, denn es gibt keine andere Hoffnung als d e n Z i o n i s m u s , da ein Weiterleben als Parias ihm für das ganze jüdische Volk ebenso unmöglich erscheint, wie für sich selbst. So jagt er ruhelos von Enttäuschung zu Erfolg und von Erfolg zu Enttäuschung, bis er sich in kurzen acht Jahren verbraucht hat, bis das Herz seinen Dienst versagt. Die meisten Enttäuschungen bereiten ihm nicht „die Mächtigen der Erde“. Als er zum Deutschen Kaiser während eines langen Gesprächs vom Zionismus sagte: „Die Sache kommt mir als eine ganz natürliche vor“, antwortete dieser: „Mir auch!“ Der Deutsche Kaiser fand den Zionismus natürlich — die reichen Juden bekämpften ihn. Nochmal müssen wir fragen: Und heute zwanzig JahrenachHerzl? Die politische Saatist wundervoll aufgegangen. Kein Staat bestreitet das Recht des jüdischen Volkes auf Palästina. Die Staaten haben im Völkerbund die Schaffung der jüdischen Heimstätten beschlossen, und England hat die Durchführung übernommen. Aus dem politischen Traum ist politische Wirklichkeit geworden. Auf der anderen Seite ist die moralische und materielle Judennot zu einer vordem unvorstellbaren Katastrophe angewachsen. Der Judenhaß hat selbst die „zivilisierten“ Staaten Mittel- und West-Europas überschwemmt und die Juden unter Lebensbedingungen gestellt, gegen die das primitivste Ehrgefühl sich aufbäumen müßte, aus denen die zionistische Rettung gierig ergreifen müßte, wer nicht in Würdelosigkeit versinken will. Dies aber ist das Ungeheuerliche, daß die große Mehrzahl der Juden in Würdelosigkeit versinkt,

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