Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 27 (4.7.1924)
- Date
- 1924-07-04
- Page
- Seite 154 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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154 Das Jüdisch© Echo Nr. 27 Das Handbuch wird außer den eingehenden und neuesten Angaben über die Gemeinden, deren Einrichtungen, Vorstandsmitglieder, leitende Beamten (Verzeichnis aller Rabbiner und Lehrer), auch die neuesten Verzeichnisse aller Wohlfahrtseinrichtungen der offenen, geschlossenen und! halboffenen Fürsorge, aller jüdischen Schulen: und K ul tur e in rieh tun gen, al 1 er landwirtsch af tl ie heru handwerklichen und hauswirtschaftlichen Ausb i 1 d u n g s s t ä 11 e n, aller Vereine und Organisationen auf dem Gebiete des Wohlfahrts- und Bildungswesens, der jüdischen Buchhandlungen, rituellen Spei'seeinrichtungen usw. enthalten, kurz, es soll ein umfassendes Nachschlagewerk für sämtliche bestehenden jüdischen Einrichtungen in Deutschland werden. Der Deutsch-Isr. Gemeindebund und die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden haben das Büro für Statistik der Juden, Berlin C. 2, Rosenstraße 2/4 das unter der Leitung des Herrn Dr. Jakob Segall steht, beauftragt, das Material zu sammeln, und die notwendigen Vorarbeiten für die Herausgabe des Buches, welches bereits am 1. Oktober ds. js. erscheinen soll, durchzuführen. In diesen Tagen gehen sämtlichen Gemeinden, Organisationen, Anstalten usw. Fragebogen durch das Büro für Statistik zu, um deren sorgfältigste Ausfüllung und rascheste Rücksendung dringend gebeten wird'. Das Gelingen des Werkes hängt von dem Interesse und der tätigen Mithilfe aller jüdischen Kreise ab, die es als Ehrenpflicht betrachten sollten, durch Überlassung lückenlosen Materials und schnellster Erledigung von Umfragen die Herausgabe zu unterstützen. Max Nordau. Nordau’s zionistische Schriften sind im Jüd. Verlag in 2. Auflage erschienen; beigegeben ist die Wiedergabe eines Porträts, das seine Tochter gemalt hat. Nordau’s zionistische Schriften sind nur in der äußeren Form ein Buch. In Wahrheit sind sie ein Denkmal und man erinnert sich bei ihrer Betrachtung an ein altes Dichterwort: Exegi monumentum. Genau so waren seine Reden keine Reden im landläufigen Sinne; wer ihn als Vortragenden gehört hat, hörte Hammerschläge aus kräftiger Faust, der Gedanke und das Wort waren von stärkster Wucht, und ihr Autor war wohl ein Mann, wohlerfahren in allen Techniken der Redekunst, aber so sehr erfahren, daß er es als das klügste erfand, seine lebendige, kluge und echte Persönlichkeit ohne alle Mittelchen wirken zu lassen. Man hat gegen Nordau viel Ressentiment gehegt. Man hat seine „conventionellen Lügen“ — nicht nur von orthodoxer Seite — seine scheinbar restlose Assimilation an französisch-europäisches 19. Jahrhundert als Beweis dafür angesehen, daß alles Jüdische in ihm abgestorben und sein Zionismus eine Gewaltsamkeit sei. Das Gefühl war nicht ohne Grund. Hämmern in Wort und Schrift, wie er, das konnte keiner, dem die scheue Sensibilität eigen war, zu der — wenigstens bei den jüdischen Literaten — manche Umstände jenen altjüdischen, oft verbrecherisch dickköpfigen Bekennermut umgeprägt haben. Nordau hat sich wirklich von den meisten zeitgenössischen Juden Mittel- und Westeuropas empfindlich unterschieden. Aber vielleicht war er eben wegen dieser vermeintlich unjüdischen Seiten ein recht markanter Jude? Ich bin davon überzeugt. Mit solcher Leidenschaft vertieft sich nicht leicht ein anderer als ein echter Jude in die Totalität moralischer Lebensfragen. Bei allem Niveauunterschied: ein Stückchen alten Prophetentums liegt in dieser Zertrümmerungswut, kaum in der Leistung, aber sicher im Streben. Aber nicht allein in der leidenschaftlichen Problemstellung erkennen wir den Juden, sondern auch in der leidenschaftlichen Beantwortung, in der Unbedingtheit und Rücksichtslosigkeit des Nordau’schen „Nein“. Noch ein anderer, heute viel Genannter hat sich ähnlich geäußert: Karl Marx. Zu solchem General-Nein gelangt im allgemeinen nur der Jude, der die Mängel seiner Existenz täglich heiß erlebt und sie — vielleicht fälschlich — als allgemein menschliche betrachtet. Wenn Nichtjuden zu solchem Nein gelangen — wir denken an Wedekind, z. T. an Nietzsche — dann sind für diese eher rein individuelle Gründe vorhanden. Es hat etwas Rührendes, wie dieser herbe Hitzkopf mit Hingabe an Herzl’s Idee und Person sich attachiert, wie der schwer Lenkbare die politischen Lehren seines Freundes und Meisters — Wolfsohn darin ähnlich — bis zum letzten Tage und bis zum Doktrinarismus treu bleibt. Man lese seine „Zionistischen Schriften“ nicht nur um ihres Inhaltes willen. Der Inhalt bietet heute nicht mehr viel Neues, das Sachliche liest man im „Zionistischen ABC-Buch“ kürzer. Man lese seine Schriften wegen seiner strebend-bemühten Persönlichkeit, die hinter jedem Worte steht; die Persönlichkeit des Toten wird durch seine Schriften ebenso fesseln, wie es die machtvolle Rede des Lebenden getan hat. Personalia Berlin. Fraui Lina Wagner-Tauber vollendet am 3. Tammus, der in diesem Jahr auf den 5. Juli' fällt, ihr fünfzigstes Lebensjahr. Diese seltene Frau hat ihren Namen in die Geschichte des deutschen Zionismus und gleichzeitig der weitgehenden jüdischen Sozialaufgaben in Berlin mit unvergänglichen Lettern eingeschrieben. Frau Wagner,, die Tochter eines Kaufmannes, der zugleich ein großer Kenner der jüdischen Wissenschaft war, verbindet mit einer seltenen Veranlagung von Gemüt und Phantasie, einen glasklaren Verstand. Sie ist eine der Mitbegründerinnen des Vor-Herz,Ischen Zionismus in Deutschland. Sie hat vor allem die Jüdischnationale Frauen- Vereinigung geschaffen, die Schwester der Zionistischen Vereinigung, und ist ihre Vorsitzende noch bis heute. Sie gründete und leitete mit andern gleichgesinnten Frauen die Kinder-Volksküche während des Krieges, sandte Ferien-Kolonien aus, schuf Kinderheime und leistete in Jugend-Organisationen Erziehungsarbeit, besonders durch die Verbreitung der Kenntnisse von jüdischer Geschichte und Kultur. Ihr Haus wurde der Mittelpunkt jüdischer Wohlfahrtsbestrebungen im. weitesten Sinne und die Stelle, wo tausende Hilfe suchen und finden. Frau Wagner, die eine ausgezeichnete Redner in ist, hat sich auch schriftstellerisch hervorgetan, besonders durch Schaffung von Jugenderzählungen und Märchen. Sie ist mit Herrn Jacob Wagner verheiratet, der als Sammler einer seltenen und in hohem Maße wertvollen hebräischen Bibliothek in Gelehrtenkreisen um so bekannter ist, als seine Bibliothek zugleich der Ausfluß einer seiner tiefsten bibliographischent und literarischen Kenntnisse der jüdischen Wissenschaft bedeutet. Frau Wagner übt noch heute als die Vorsitzende der Jüdisch-Nationalen Frauen- Vereinigung eine umfassende jüdische Tätigkeit aus. Es ist ihr zu wünschen, daß sie ihr persönliches Ideal, mit ihrer Familie in Palästina ihre