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Das jüdische Echo · 1924-07-04 · 27 (4.7.1924) · p. Seite 148

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
11 (1924)
Issue
27 (4.7.1924)
Date
1924-07-04
Page
Seite 148 (sequence 4)
Language
German
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148 Das Jüdische Echo Nr. 27 von ihm stamme. Diese Kreise, die sich oft als maßgebend für das öffentliche Ehrgefühl ansehen, scheinen nicht begreifen zu können, daß es einem Juden nicht gleichgültig sein kann, wenn die Universität die Berufung eines Gelehrten, dessen wissenschaftliche und persönliche hervorragende Eignung von keiner Seite bestritten wird, ausschließlich deswegen ablehnt, weil er Jude ist. Also nicht aus persönlicher Gekränktheit — zu der kein Grund vorhegt — ist Willstätters Schritt zu erklären. Er hat seine Ursache in der immer stärker werdenden antisemitischen Tendenz* an der Universität die ein ruhiges wissenschaftliches Arbeiten unmöglich macht. Der Versuch, für die Ablehnung Prof. Goldschmidts Opportunitätsgründe gehend zu u^achera, ändert die Tatsachen nicht im Geringsten. Es ist schwer vorstellbar, daß Universitätsprofessoren sich „von Rücksichten auf die Zeitstimmung“ leiten lassen, wenn nicht ihre eigene Stimmung derselben entspricht. Es würde sonst heißen, die Universität irgendwelchen Skandalmachern ausliefern, wenn man vornherein sich von der Rücksicht auf mögliche Skandale leiten ließe. Es wäre zu verstehen, wenn auch keinesfalls zu billigen, wenn die politische Behörde, hier also das Kultusministerium, das die. Berufung schließlich vorzunehmen hat. politische Gründe beachtet, aber die Universität darf sich von anderen als wissenschaftlichen Erwägungen nicht leiten lassen, wenn sie nicht, wie es hier geschehen, einen Mann der Wissenschaft, der mit Willen Jude ist, tief kränken will. Nun diese Kränkung geschehen, aber ohne daß die Absicht erkennbar wäre, die an der Universität herrschende antisemitische Tendenz, also die Kränkung selbst, beseitigen zu wollen, bemühen sich eine Reihe von Faktoren, Geheimrat Willstätter zum Bleiben zu bewegen: Senat md Fakultät, eine Studentenversammlung und der Stadtrat und schließlich „stundenlange private Bemühung des Kultusministers“. Es ist beschämend, daß diese Faktoren (abgesehen vom Stadtrat. der ja keinen direkten Einfluß hat), glauben, mit persönlicher Anerkennung in mannigfacher Form eine Kränkung erledigt, die nicht persönlicher Art war. Es heißt doch die vornehmen und selbstlosen Motive Willstätters sehr verkennen, wenn man meint, ihn dadurch umstimmen zu können. Wie wir hören, ist denn auch der Entschluß Willstätters fest und unabänderlich. Der Fall Goldschmidt ist schließlich auch nicht die einzige Ursache, sondern als der letzte Anlaß anzusehen, der Willstätter von der Universität vertreibt. Er konnte die sich häufender? antisemitischen Pöbeleien aller Art der Studentenschaft, den immer stärker werdenden Antisemitismus der Professoren nicht übersehen. Der Skandal im vorigen Jahr gegen den Juden Professor Spiegelberg mußte naturgemäß auch den Juden Willstätter treffen, ebenso wie die antisemitischen Hetzplakate aller Art der Studenten und deren Kundgebungen, die Juden die Fähigkeit und das Recht absprechen wollen, deutsche Jugend zu lehren und zu führbn. Ist den Universitätsbehörden, die all dies nicht nur geduldet, sondern gefördert haben, nie eingefallen, daß dies Treiben schließlich den jüdischen Professoren den Aufenthalt an der Universität verleiden muß? Was bedeutet es, wenn Professoren und Studenten Willstätter ihre Verehrung als Forscher, Lehrer und als Mensch aussprechen, v,enn er in einer Adresse als Lehrer und Führer der Jugend gefeiert wird, wenn anderseits die allgemeine antisemitische Tendenz an der Universität weiter herrscht? Der Rücktritt Willstätters ist eine eindringliche Warnung vor der Fortsetzung des Weges, auf diem München den Rest seiner einstigen Weltgeltung als Kulturstadt zu verlieren hat. So gilt der Schritt Willstätters schließlich am allerwenigsten seinem Interesse, sondern — wenn er recht verstanden wird, der kulturellen Entwicklung Münchens. Es gilt zu entscheiden, ob München weiterhin die Haupt-Pfleg- und Sammelstätte der Judenhetze in Europa sein und sich durch die Folge-Erscheinungen aus der Reihe der Städte, die Bedeutung für die Weltkultur haben, streichen will, oder ob freie Geistestätigkeit ihm allmählich seinen einstigen Rang in der Welt wiedergewinnen kann. Nach Bruno Walter Richard Willstätter — viele Männer dieser Bedeutung hat München nicht zu verlieren! Von den Äußerungen der Öffentlichkeit in dieser Sache hat uns die Stellungnahme der „Münchener Neuesten Nachrichten“ am peinlichsten berührt, dieses Blatt, das stolz darauf sein kann, zur Vergiftung der Atmosphäre in München am allermeisten beigetragen zu haben, dieses Blatt, das lange Zeit als Hauptorgan der Nationalsozialisten! wirkte und alle antisemitischen Bestrebungen raumgebend förderte, hätte allen Grund zu schweigen. Es hat die Entwicklung stark verschuldet, die Willstätter München verleidet. Bezeichnend ist, daß sie den Anlaß des Rücktritts „verhältnismäßig unbedeutend“ findet. Das ist offenbar aus der Perspektive des getauften Juden Paul Nikolaus Coßmann gesehen?! Der Ehrbegriff Willstätters gibt eine ganz andere Antwort! Willstätter nach Berlin? Nach einer Meldung hat die Kaiser Wilhelm Gesellschaft Geheimrat Willstätter eingeladen, einer neu zu errichtenden, nach seinen Wünschen auszugestaltenden Forschungsstelle vorzustehen. Nach unserer Information liegt bisher ein Entschluß Geheimrat Willstätters nicht vor. Palästina-Machrichten Eine neue, jüdische Siedlung im Süden von Jaffa* Polnische Juden haben an der Grenze von Bajit w’gan einen Bodenkomplex von 1800 Dunam erstanden, um dort eine städtische Siedlung anzulegen. Da sie mit dem Bau bald beginnen möchten, haben sie zwecks Durchführung der notwendigen Vorbereitungen Herrn A. Tennenbaum. Redakteur des „Lodzer Tageblatt“ nach Palästina entsandt. Ein gemjeäinsamer Bebauungsplah für diesen Bodenkomplex wie auch für Bajit w’gan,, das ebenfalls 1500 Dunam umfaßt, wird jetzt im Ausland von bewährten Fachleuten entworfen. Alle die zahlreichen Touristen, die diesen Platz, besucht haben, sind von der Schönheit der Lage, der Güte des Bodens und dem prachtvollen Klima entzückt. (Ziko.) Schon wieder die Agudah. Jerusalem (J.T.A.) Die „Agudäs Jisroel in Palästina“ hat unter der Führerschaft von Rabbiner Sonnenfeld der Regierung eine Bittschrift überreicht, im welcher gesagt wird, daß 3000 orthodoxe Juden gegen den augenblicklich vom Kolonialamt geprüften Gesetzentwurf bezüglich der, Gemeindeverwaltungen protestieren. Sie ersuchen darin, daß eine besondere Klausel zu ihren Gunsten eingefügt werden soll, die ihnen volle Freiheit bezüglich aller orthodoxischen Institute zubilligt und ihnen die Lhiabhängigkeit von den jüdischen tfehörcien, die sie als zionistisch orientiert an-

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