Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 26 (27.6.1924)
- Date
- 1924-06-27
- Page
- Seite 136 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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136 Das JMlscä© Echo Nr. 26 Volkes nicht auf Ihrer, sondern auf unserer Seite stehen werden.“ Das Schwurgericht, das in einem dieser Prozesse mit sechs protestantischen und sechs katholischen Geschworenen besetzt war, fällte sein freisprechendes Urteil ohne Stimmenmehrheit. Die sechs katholischen Geschworenen waren davon überzeugt, daß tatsächlich ein Ritualmord Vorgelegen habe. Verschiedene regelrechte Pogrome verzeichnet die Geschichtsschreibung dieser Tage. In Neustettin wurde im Februar 1881 die Synagoge niedergebrannt. Einige Monate darauf kam es dort zu einem offenen Pogrom. In jüdischen Häusern und Geschäften wurden die Fensterscheiben eingeworfen, Möbel zertrümmert und geplündert. Ähnliche Pogrome, die von einer weitverzweigten Organisation vorbereitet wurden, fanden auch an anderen Stellen (Hammerstein, Könitz, Bublitz, Jastrow) statt. Es ist gewiß nicht ohne weiteres möglich, absolut eindeutige Schlüsse aus derartigen Analogien zu ziehen. Immerhin glauben wir, daß diese kurze Aufzählung, die beliebig ergänzt werden könnte, und von jedem, der sich die Muße nimmt, ein jüdisches Geschichtsbuch zu studieren, vervollkommnet werden kann, uns eben doch wieder einmal ganz stark und deutlich zeigt, wie sehr wir uns als Glieder einer großen, geschlossenen Kette fühlen müssen und dürfen, und wie wichtig es ist, unsere Politik nicht an den Bedürfnissen des Augenblickes, sondern nur an den ewiggleichen Forderungen unseres Rechtes auf Existenz, auf würdige Existenz, zu orientieren. Der National-Sozialismus der neunziger Jahre war den Deutschen des beginnenden 20. Jahrhunderts vollkommen fremd geworden. In unseren Tagen ist er, stärker als zuvor, spontan wieder aufgelebt. Durch Gründung von Abwehrvereinen mannigfacher Art, durch Herausgabe von Flugschriften und Broschüren versuchten damals wie heute die Juden den Kampf gegen die Hetze aufzunehmen. Man glaubte, wie so vielfach auch heute, durch Vertuschung der Gegensätze, durch bis ins Extreme gesteigerte Assimilation die Welle des Judenhasses ablenken zu können. Welches war der Erfolg? In seinem Aufruf an die jüdische Gesellschaft, der im Jahre 1901 erschien, sagte Martin P h i 1 i p p s o n , Historiker und Führer der Berliner Gemeinde: „Wir suchten alles zu vermeiden, was uns vor der Welt als Juden erscheinen ließ. Wir sorgten nur dafür, nicht allzusehr aufzufallen, niemand an unsere selbständige Existenz zu erinnern. Was wir erreicht haben, weiß jedermann. Eben auf die Feiglinge, die sich hinter dem Busch verborgen hielten, ergoß der Antisemitismus sein ganzes Maß von Haß, Verachtung und Barbarei.“ Und Philippson kam im Gegensatz zu dieser von ihm bekämpften Politik zur Forderung, daß die Juden den Mut haben müßten, als besondere politische Organisation aufzutreten, einen jüdischen Landtag oder eine periodische Tagung von Delegierten mit einem ständigen Exekutiv-Komitee zu schaffen, dessen Aufgabe es sein sollte, „gegen die Minderung unserer bürgerlichen Rechte mit allen gesetzlichen Mitteln zu kämpfen.“ Im einzelnen gibt dann Philippson eine genaue Schilderung der Befugnisse und des Aufgabenkreises, den ein solcher jüdischer Landtag haben müßte. Es lassen sich heute sicherlich eine ganze Menge von Einwänden gegen die einzelnen Forderungen Philippsons begründen. Ob es angängig oder auch nur wünschenswert ist, einen jüdischen Landtag in Deutschland, in dem die Juden doch nur eine sehr bescheidene Minorität darstellen, zu konstituieren, was in Ländern mit einer größeren jüdischen Bevölkerung natürlich eine Selbstverständlichkeit ist, das müßte erst genau untersucht, Vor- und Nachteile müßten bis ins einzelne gegeneinander abgewogen werden. Aber die Grundlinie der von Philippson geforderten jüdischen Politik ist auch heute noch unverändert richtig geblieben. Stärkung aller positiv jüdischen Tendenzen, Förderung eines schönen jüdischen Volksbewußtseins, das sind die besten Waffen, die wir den Angriffen unserer Gegner entgegenstellen können. Und hier schließt sich wieder einmal die Kette, bildet sich wieder einmal jener Kreis um das Zauberwort vom jüdischen Lande, um Erez Israel. Wir brauchen heute keine Statistiken und Tabellen mehr, wir benötigen keine langwierigen theoretischen Auseinandersetzungen, um uns klarzumachen, daß der Aufbau von Palästina, daß die Menschen, die diesen Aufbau tragen, die stärksten Helfer auf dem Wege sind, den schon Philippson als, den richtigen erkannt hat. Immer, wenn es schwere Krisen im Judentums gab, immer, wenn Angriffe von außen oder Zersetzung im Innern das Mark jüdischen Lebens bedrohten, fanden sich jüdische Menschen, die durch bewußte Einsetzung für die eine Aufgabe der Erhaltung und Neubelebung des Jüdischen neue Wege bahnten und Rettung brachten. Man wirft den Deutschen häufig — ob mit Recht oder Unrecht mag hier dahingestellt sein — vor, daß sie sich durch einen ganz besonderen Mangel an historischem Verständnis auszeichnen. Wenn wir nicht in den gleichen Fehler verfallen wollen,, dann müssen wir wenigstens diese eine Lehre aus unserer Vergangenheit ziehen: unbeirrt um das, was draußen geschieht, auf dem Wege weiter zu gehen, den wir nach gewissenhafter Prüfung, nach schweren Auseinandersetzungen und Kämpfen einmal als den richtigen erkannt haben. Diesen Weg zu gehen, geschlossen und würdig, ist fürwahr keine leichte Aufgabe, aber die einzige Möglichkeit, uns jüdischer Tradition, jüdischer Geschichte wert zu erweisen. Nicht die erste antisemitische Welle ist es, die in diesen Tagen zur Sturmflut anschwillt, um, das; ist gewiß, früher oder später wieder abzuebben und sicherlich nicht die letzte. Wir Juden kennen unsern Weg und wissen, daß er mit Leidensstationen dicht besetzt ist. Ihn doch zu gehen, aufrechten Hauptes, in stolzem Bewußtsein unserer Vergangenheit und in festem Glauben an unsere Zukunft, dies ist die Aufgabe, vor die auch unsere Generation gestellt ist. Li-r. Tätigkeitsbericht der Blau-Weiß- Werkstätten, Tel-flviv (Direkte Nachricht) Nachdem einleitende informatorische Arbeiten erledigt waren, konnte die Tätigkeit der Werkstätten am 15. Februar 1924 beginnen. Es standen zunächst zur Verfügung: ein projektierender Ingenieur, ein Elektrotechniker und ein Tischler. Es stellte sich sofort heraus, daß die Werkstatt überreichlich Aufträge erhielt, so daß bereits von Anfang an klar war, daß einerseits die Ausdehnungsmöglichkeiten unbeschränkt große sind, andererseits aber bei der gegebenen Beschränkung an Menschen und Materialien zunächst nur in ganz kleinem Stile gearbeitet werden konnte. Die ersten Arbeiten der Werkstatt waren im wesentlichen Elektroinstallationen von Licht und Kraftanlagen, denen in kurzer Zeit einige größere Maschinenmontagen und Tischlerarbeiten folgten. Es wurden ausgeführt: Elektrische Lichtanlage der englischen Missionsschule Jaffa, elektriche Licht- und Kraftanlage der Mazzesfabrik Zelewanski, Tel-Aviv; Gesamtmontage der Schuhfabrik Rabinowitz, Tel-Aviv, bestehend aus der elektrischen Lichtanlage, der : .c.'.L.ge eines 6 PS.-Elektromotors inkl. der elektrischen Zuleitungen, der Montage einer 12 Meter