Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 26 (27.6.1924)
- Date
- 1924-06-27
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9103074-9151711--06061-9078762- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Das Jüdische Echo Nummer 26 27. Juni 1924 11. Jahrgang Die Juden und die Wahlen in Deutschland Ein Rückblick und Ausblick Die Wahlergebnisse haben wohl niemand sehr verwundert, er müßte denn sehr optimistisch, oder auch — es kommt ja ganz auf die subjektive Einstellung des einzelnen zu den Fragen der „hohen Politik“ an — sehr pessimistisch veranlagt sein. Immerhin haben wir. es jetzt schwarz auf weiß, daß wenigstens in den Großstädten Bayerns jeder dritte, und wenn es gut geht, jeder vierte Erwachsene durch die Abgabe des Stimmzettels seiner Meinung dahin Ausdruck verliehen hat, daß er seinerseits jede Verantwortung für all das furchtbare Unglück, das in den letzten 10 Jahren über das deutsche Reich und damit einstweilen auch über Bayern hereingebrochen ist, von sich weisen und den Juden in die Schuhe schieben müsse. Jeder dritte oder vierte Wahlberechtigte in Bayern hat mit seinem Stimmzettel die Erklärung abgegeben, daß er für die Brechung der Zinsknechtschaft, für die staatlich sanktionierte Minderberechtigung der Juden eintreten wolle. Wie wird sich unser Schicksal in den nächsten Monaten und Jahren gestalten? Wird man uns den Zugang zu den öffentlichen Ämtern, unserer Jugend den Eintritt in die höheren und hohen Schulen erschweren oder vielleicht ganz unmöglich machen? Wird man die öffentliche und private Herabsetzung der Ehre von Juden, die ja de facto heute schon oftmals straflos erfolgen kann, legalisieren, die Juden nichtbayerischer Staatsangehörigkeit restlos ausweisen, für die übrigen ein neues Ghetto errichten? Oder wird Alles beim Alten bleiben, wird vielleicht eine Zeit gesteigerter Rechtssicherheit auch für uns Juden herei-nbrechen? Wir wissen es nicht, wir können es nicht wissen und halten es für falsch und gefährlich, uns auf das Gebiet vager Prophezeiungen zu begeben. In dieser Zeit, einer Krise, von der wir gewiß nicht mit Bestimmtheit sagen können, daß sie ihren Höhepunkt erreicht habe, in diesen schweren Tagen und Wochen, in denen wir verzweifelt nach einem Auswege, nach einer Möglichkeit suchen, Menschen, mit denen wir, mit denen unsere Vorfahren gelebt haben, die wir bisher bei Hunderten von Gelegenheiten den Schlüssen klarer Vernunft durchaus zugänglich gefunden haben, die Überzeugung von unserer Treue zum Staate, von unserem tiefen Mitfühlen an seinem Ergehen, von unserer Schuldlosigkeit an all den fantastischen und sinnlosen Dingen, die uns nachgesagt und angedichtet werden, einzuhämmern, ohne diese Möglichkeit, diesen Ausweg finden zu können, tut es gut, sich daran zu erinnern, daß wir ja nicht ein Volk von Gestern und Heute sind, sondern eine Geschichte haben, die uns an so vielen Beispielen zeigt, daß der schwere Kampf, den wir heute zu bestehen haben, zwar für viele von uns, aber wahrlich nicht für das Judentum etwas Neues ist. Wir haben schon einmal eine Brechung der Zinsknechtschaft erlebt, damals als man in Spanien unsere Väter über Nacht von Haus und Hof vertrieb und noch lebt in unserer Geschichte das Martyrium, das unsere Vorfahren in der Zeit der Kreuzzüge und im späteren Mittelalter durchzukosten hatten. Wir wissen, was Spanien die Vertreibung der Juden „genützt“ hat, aber wir wissen auch, daß das Judentum in seinem inneren Bestände durch all die Drangsal und Leiden, die ihm beschieden waren, nicht getroffen worden ist, nicht getroffen werden konnte. Es ist nicht nötig, so weit zurückzugreifen. Wir lesen im dritten Bande von Dubnows „Neuester Geschichte des jüdischen Volkes“*): 1889 fand eine Tagung der Antisemiten in Bochum statt, an der die radikaleren Parteielemente, denen „S t ö kk e r s“ gemäßigte Taktik nicht mehr genügte, teilnahmen. Hier gaben Vertreter des „reinen Antisemitismus“ den Ton an: Liebermann von Sonnenberg und der neue Götze der Partei, Otto Böckel, ein Reichstagsabgeordneter, der in Hessen eine antisemitische Volkpartei gegründet hatte. In seinen Reden und Broschüren verlangte Böckel, die Antisemiten sollten als selbständige Partei, die die Interessen der Bauern und des Kleinbürgertums vertritt, auftreten (Böckel wurde deshalb scherzhaft Bauernkönig genannt). Der Bochumer Kongreß faßte denn auch den Beschluß, daß der Antisemitismus gleichzeitig die Erstarkung des Deutschtums und sozialere Formen erstreben sollte, und gab deshalb der Partei eine neue Bezeichnung als „D eutsch-soziale Parte i“. **) Durch die Änderung des Parteinamens erhielt aber das Parteiprogramm einen noch radikaleren Charakter: der Kongreß beschloß, dafür einzutreten, daß den Juden das Wahlrecht für das Parlament und sogar für die Stadtvertretung genommen werde, und sie weder zum Staatsdienst noch zum Kommunaldienst zugelassen werden sollten. Richter, Anwälte, Ärzte und Techniker sollten die Juden nur für ihre Standesgenossen sein dürfen. Jüdische Kaufleute dürften nicht Mitglieder von Handelskammern sein; die Juden müßten als Ausländer vom Militärdienst befreit werden und statt dessen eine Kopfsteuer bezahlen.“ Selbstverständlich wurde auch eine Nachprüfung der staatsgefährlichen Lehren des Talmuds verlangt und die unverzügliche Ausweisung aller nichtnaturalisierten Juden gefordert. „Dieses Verlangen“, so lesen wir weiter, „wurde gestellt, nachdem durch eine grausame Verfügung der preußischen Regierung aus Preußen bereits Hunderte jüdischer Familien, die sich dort schon lange angesiedelt hatten, vertrieben worden, neue Emigranten aber von den Grenzgendarmen erbarmungslos nach Rußland zurückgetrieben worden waren. — Die Radikalen eroberten sich alle Sympathien. 1890 trugen bei den Reichstagswahlen die extremen Antisemiten den Sieg davon; fünf antisemitische Deputierte kamen in den Reichstag, darunter Liebermann und Böckel.“ Eine Reihe von Ritualmordprozessen fällt in diese Periode. Als sich der fortschrittliche Abgeordnete R i c k e r t im Februar des Jahres 1892 gegen diese Kulturschande aussprach, antwortete ihm Böckler: „Ich kenne mein Volk und bin überzeugt, daß dreiviertel unseres deutschen *) Erschienen im Jüd. Verlag, vorrätig in der „Ewer“-Buchhandlung. **) Vgl. hiezu das Programm der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei, sowie die von uns auszugsweise veröffentlichte „Deutsche J u - denordnun g“.