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Das jüdische Echo · 1924-06-20 · 25 (20.6.1924) · p. Seite 128

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
11 (1924)
Issue
25 (20.6.1924)
Date
1924-06-20
Page
Seite 128 (sequence 8)
Language
German
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128 Das Jüdische Echo Nr. 25 einen Halbkreis dunkler Mauern zu unterscheiden, in dem spiralförmige Stufen angebracht waren. Ihm gerade gegenüber führten fünf oder sechs steinerne Stufen in eine Art dunkler Halle, die in einen weiten Gang mündete, von dem man, von seinem Standpunkte aus, nur die ersten Bogen sehen konnte. Auf allen Vieren kroch er langsam bis auf die Schwelle. Es war ein Gang von endloser Länge. Ein blasses Gesicht, ein traumhaftes Halbdunkel herrschte darin; kleine Lampen, die von den Gewölben herabhingen, erhellten mit mattem, bläulichem Glanze die Luft. Der Gang verlor sich in tiefen Schatten, nirgends war eine Tür sichtbar. Nur an der linken Seite waren hie und da sogenannte Ochsenaugen, die stark vergittert waren, in der Wand angebracht, durch die die Dämmerung hereinbrach. Es mußte wohl die Abenddämmerung sein, da zuweilen ein rötlicher Schimmer auf den Steinplatten spielte. Diese schreckliche Stille! Aber vielleicht war der Weg, der durch diese Finsternis führte, der Weg zur Freiheit! Fest klammerte sich der Jude an diese schwache Hoffnung, war sie doch seine letzte! Ohne zu zögern, wagte er sich weiter und tastete sich an der langen Mauer hin. Er kroch langsam und unterdrückte einen schmerzhaften Schrei, als eine Wunde aufbrach und ihn mit furchtbaren Schmerzen erfüllte. Plötzlich drang der Widerhall leise sich nahender Schritte an sein Ohr. Ein Angstschauder schüttelte ihn, die Aufregung erstickte ihn beinahe. Sein Auge verfinsterte sich. Nun also war alles aus! Er kauerte sich angstvoll in einer Höhlung der Mauer zusammen und wartete halbtot vor Aufregung. Es war einer der Inquisitionsrichter, der vorübereilte, er ging rasch vorbei, mit einem Folterwerkzeug in der Hand; seine Kapuze war herabgezogen, sein Anblick war schreckhaft. Die Aufregung, die den Rabbi ergriff, war so heftig, daß alle Lebenstätigkeit aufgehoben zu sein schien, es dauerte beinahe eine Stunde, ehe er imstande war, wieder ein Glied zu rühren. In der Angst, überrascht und dann sofort zur Folter geschleppt zu werden, kam ihm einen Augenblick lang der Gedanke, in seinen Kerker zurückzukehren. Aber immer noch lebte die Hoffnung in seiner Seele, jene wunderbare Macht, die den Unglücklichen selbst in den verzweifeltsten Lagen noch Kraft verleiht. Ein Wunder war geschehen! Daran ließ sich nicht zweifeln. Er versuchte abermals dem Ausgang zuzukriechen. Ermattet von der Oual des Hungers und zitternd vor Todesangst kam er demselben immer näher. Es war, als ob dieser düstere Gang sich in geheimnisvoller Weise mehr und mehr in die Länge zöge. Langsam, langsam kroch er durch das Dunkel, in der Hoffnung, den rettenden Ausgang zu gewinnen 0 Schrecken! Abermals ertönten Schritte und zwar dieses Mal ruhig und fest. Die Gestalten zweier Inquisitoren mit breiten, aufgeklappten Hüten erschienen in der fahlen Dämmerung vor ihm. Sie plauderten mit leiser Stimme miteinander und schienen in lebhaftem Widerspruch über einen wichtigen Gegenstand zu sein, denn sie gestikulierten heftig. Bei diesem Anblick schloß der Rabbi Äser Abarbarnell die Augen, sein Herz klopfte zum Zerspringen. Die Lumpen, in die er gekleidet war, wurden feucht von kaltem Angstschweiß, unbeweglich, lang ausgestreckt, drückte er sich so fest wie möglich an die Mauer. Gerade über ihm leuchtete eine kleine ewige Lampe, er wagte nicht, sich zu bewegen und flehte inbrünstig zu dem Gotte Davids. — Als sie gerade bei ihm angekommen waren, blieben die beiden Inquisitoren, die ganz und gar von ihrer Unterhaltung in Anspruch genommen schienen, stehen und zwar gerade unter der Lampe. Der eine von ihnen, der den Worten des anderen gespannt zu lauschen schien, warf seinen Blick auf den Rabbi. Unter der Einwirkung dieses Blickes war es dem Unglücklichen, als ob er schon von glühenden Zangen gefoltert würde. Die Oual sollte also von neuem beginnen! Halb ohnmächtig, kaum zu atmen wagend und mit gesenkten Augenlidern lag er heftig zitternd da, als das Gewand des Inquisitors ihn leicht streifte. Aber seltsamer und doch vielleicht ganz natürlicher Weise war der Inquisitor so vollständig von dem Inhalte seines Gespräches in Anspruch genommen, daß seine Augen auf dem Rabbi ruhten, ohne ihn doch zu sehen. Nach einigen Minuten setzten die beiden düsteren Gestalten ihren Weg fort und gingen eifrig und leise miteinander sprechend dem Kreuzgange zu, aus dem der Gefangene gekommen war. Man hatte ihn nicht gesehen! In dem furchtbaren Aufruhr seiner Sinne durchkreuzte der Gedanke sein Gehirn: „Sollte ich schon tot sein, da man mich nicht mehr sieht?“ Eine entsetzliche optische Täuschung riß ihn aus seiner Letargie. Als sein Blick auf die Mauer fiel, schien es ihm, als ob aus derselben, ganz nahe seinem Gesichte, zwei wilde Augen ihn beobachteten. Aufs äußerste bestürzt, in wahrer Todesangst, warf er den Kopf zurück, sein Haar sträubte sich!.... Aber nein, nein, er überzeugte sich von der Täuschung, indem er langsam mit der Hand über die Steine fuhr. Es waren nur zwei weiße Flecken an der Mauer. Vorwärts! Er mußte sich eilen, das Ziel zu erreichen, das ihm die Erlösung bringen sollte. Er war noch etwa dreißig Schritte von einem Punkte entfernt, wo der Gang sich in völlige Dunkelheit zu verlieren schien; auf dem Bauche liegend und auf Händen und Füßen rutschend, nahm er seinen beschwerlichen Weg wieder auf. Er erreichte bald den dunkelsten Teil des schrecklichen Ganges. Da fühlte er plötzlich einen kalten und scharfen Luftzug, der unter der kleinen Tür herkam, auf welche die beiden Mauern mündeten. 0 Gott! Wenn diese Pforte sich öffnen sollte. Das ganze Sein des beklagenswerten Flüchtlings wurde von einem Schwindel der Hoffnung ergriffen. Er versuchte die Ursache des Dunkels zu ergründen. Er tastete umher, kein Schloß, kein Riegel! Eine einfache Klinke! Er richtete sich auf. Die Klinke gab dem Drucke seiner Hand nach; die kleine Pforte öffnete sich vor ihm. „Halleluja!“ murmelte der Rabbi mit einem tiefen Seufzer der Dankbarkeit, als er aufrecht in der Tür stehend hinausblickte. Die Pforte ging auf weite Gärten, über denen der Sternenhimmel sich ausspannte. Um ihn war Frühling, war Freiheit, war Leben! Die Gärten führten auf das nahe Feld und zogen sich bis zum Gebirge hin, dessen wellenförmige Züge sich bläulich vom Horizont abhoben. — Da, da war das Heil! O fliehen! Er würde die ganze Nacht durch die Zitronenwälder laufen, deren Duft ihm entgegenkam. Einmal in den Bergen, war er gerettet! Er atmete die köstliche, heilige Luft ein. Der Wind belebte ihn, seine Lungen dehnten sich! Und um Gott für die unendliche Barmherzigkeit zu danken, breitete er in inbrünstigem Gebete seine Arme weit aus und erhob die Augen zum Firmament. Er war in Verzückung. Da plötzlich war es ihm, als tauche ein Schattenbild vor (Fortsetzung Seite 131)

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