Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 25 (20.6.1924)
- Date
- 1924-06-20
- Page
- Seite 127 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 Das Jüdische Echo 127 werden es nicht zulassen, daß man unsere Seele tötet. Das Eisenbahnministerium — sagte Dr. Leon Reich — hat in einem Geheimzirkular vorgeschrieben, daß in den Formularen für die Beamten in der Rubrik Nationalität zwei Sorten Juden verzeichnet werden sollen: „Juden-Polen“ und „Juden, die die polnische Nationalität nicht angenommen haben“. In die wirtschaftlichen Kommissionen und Konferenzen werden Juden nicht eingelassen. Sogar aus der Kommission für die nationalen Minderheiten sind Juden ausgeschlossen. Mißbräuche im Emigrationsamt Warschau (J.T.A.). Auf der letzten Sitzung der Budget-Kommission des Senats hat das Mitglied des jüdischen Parlamentsklubs, Senator Rotenstreich, das Emigrationsamt der Regierung beschuldigt, die von jüdischen Emigranten eingereichten Gesuche wegen Amerika-Visen absichtlich zurückgehalten zu haben, bis die polnische Quote durch polnische Emigranten aufgefüllt worden war. Angesichts einer solchen Praxis besteht keine Möglichkeit für Juden, nach den Vereinigten Staaten auszuwandern. Senator Rotenstreich behauptete weiter, daß die Schiffahrtsbureaus dazu angehalten werden, die Juden unter ihrem Personal zu entlassen. Die Schiffahrtsgesellschaften haben demgemäß alle ihre jüdischen Angestellten in Polen entlassen. Die von Senator Rotenstreich gemachten Feststellungen haben in den jüdischen Kreisen, die sich mit der Emigration befassen, große Bestüzung hervorgerufen. DU!!! II! £11 Hilf 1 III Feuilleton ||||H 1 llBiÜl! IIIIII 11 Die Marter der Hoffnung Graf Villiers de Hsle-Adam. Es war in Saragossa. Der Abend dämmerte, als der ehrwürdige Pedro Arbuez d’Espila, sechster Priester der Dominikaner von Segovia und dritter Groß-Inquisitor Spaniens, in den Keller des Inquisitionsgebäudes hinabstieg. Zwei Beisitzer des Gerichtes gingen ihm mit Laternen voran, der Foltermeister folgte ihm. Sie nahmen ihren Weg zu einem versteckten Kerker. Ein Schlüssel knirschte in dem Eisenschloß einer schweren Türe, sie kamen in einen mit Stickluft erfüllten dumpfen Raum. Ein dämmeriger Tagesschein fiel hinein und beleuchtete matt die in die Mauern eingelassenen schweren eisernen Ringe, eine von eingetrocknetem Blute schwarz gewordene Folterbank, ein Kohlenbecken und einen Wasserkrug. Gefesselt, einen eisernen Ring um den Hals, in elende Lumpen gehüllt, lag da ein ganz verstörter Mann, dessen Alter schwer zu bestimmen war, auf einem halbverfaulten Strohlager. Dieser Gefangene war niemand anders als der Rabbi Äser Abarbarnell, ein arragonischer Jude, der, des Wuchers und großer Härte gegen die Armen angeklagt, seit mehr als einem Jahre täglich gefoltert ‘wurde. Da aber seine geistige Blindheit ebenso hart wie seine Haut war, verweigerte er dennoch auf das entschiedenste, sich zum Christentum zu bekehren. Er rühmte sich, die Reihe seiner Ahnen über tausend Jahre zurückzählen zu können; sind doch alle vornehmen Juden außerordentlich stolz auf ihre Abkunft! Er stammte dem Talmud nach von Othoniel ab, dem letzten Richter in Israel, und von seiner Gattin Ipsiboe. Das hielt seinen Mut trotz der unaufhörlichen Folter stets aufrecht. Dem ehrwürdigen Pedro Arbuez d’Espila füllten sich die Augen mit Tränen, wenn er daran dachte, wie diese starke Seele sich so hartnäckig ihrem Heile verschlösse; er näherte sich dem zitternden Rabbi und sagte freundlich zu ihm: — „Mein Sohn, freue dich, das Ende deiner irdischen Prüfungen ist gekommen. Wenn ich angesichts deiner Hartnäckigkeit mit schwerem Herzen dich streng zu behandeln gezwungen war, so hat doch meine Aufgabe, dich zu bessern, ihre Grenzen. Du bist wie der dürre Feigenbaum, der, nachdem er unfruchtbar befunden worden ist, abgehauen und verbrannt werden soll. Aber es kommt Gott *) Aus „Grausame Geschichten“. Verlag Georg Müller, München.—Zu haben in der „Ewer“-Buchhandlung, Ottostr. 2. allein zu, über deine Seele zu richten. Vielleicht wird die unendliche Gnade des höchsten Gottes dir noch im letzten Augenblicke leuchten. Hoffen wir es: es gibt solche Beispiele! Ruhe daher heute abend in Frieden. Morgen früh wird man dich zu dem Autodafe abholen, das heißt, du wirst dem „Quemadro“ ausgesetzt werden, der glühenden Kohlenpfanne, die dir einen Vorgeschmack des ewigen Feuers geben soll. Du weißt, mein Sohn, sie brennt nur ganz langsam und aus der Ferne. Dank den nassen, eiskalten Tüchern, mit denen wir sorgsam die Stirn und das Herz des Brandopfers bedecken und kühlen, tritt der Tod erst nach zwei bis drei Stunden, oft sogar noch viel später ein. Dreiundvierzig Sünder sollen geopfert werden. Erwäge wohl, daß dir als allerletztem dieser Reihe die nötige Zeit vergönnt wird, Gottes Barmherzigkeit anzuflehen, daß er die Feuertaufe annehmen möge, die der heilge Geist selbst über dich verhängt. Hoffe auf Erleuchtung, und nun, ruhe in Frieden!“ — Nach diesen Worten ließ er dem Unglückseligen die Ketten abnehmen und umarmte ihn auf das zärtlichste. Dann umarmte ihn der Foltermeister, wobei er ihn leise bat, ihm zu vergeben, daß er ihm so viele Schmerzen zugefügt habe; darauf begrüßten auch die beiden Begleiter den Gefangenen mit einem Kusse, beide ohne ein Wort zu sprechen. Endlich ließ man ihn einsam und verlassen in der Finsternis zurück. * * * Stumpfsinnig vor Leid, mit ausgedörrten Lippen betrachtete Rabbi Äser Abarbarnell ohne besondere Aufmerksamkeit die verschlossene Türe. „Verschlossen?“.... Das Wort erweckte in ihm eine verwirrte Träumerei. Es war ihm nämlich plötzlich, als habe er den Schein der Laterne durch die Öffnung zwischen Mauer und Türe schimmern sehen. Ein matter, krankhafter Hoffnungsgedanke tauchte in seinem entkräfteten Gehirn auf und erschütterte ihn. Er schleppte sich näher, um den Zustand der Türe zu prüfen. Er versuchte ganz leise und vorsichtig seinen Finger zwischen eine kleine Ritze zu schieben und sieh! es gelang ihm, die Türe vorsichtig nach innen zu ziehen. O Wunder! Durch einen Zufall hatte der Begleiter des Inquisitors, der ihn eingeschlossen, den großen Schlüssel ein wenig zu früh umgedreht, das verrostete Schloß hatte nicht richtig gefaßt, es war zurückgesprungen und die Türe war tatsächlich unverschlossen geblieben. Der Rabbi wagte es, hinauszublicken. Es war hell genug,