Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 23 (6.6.1924)
- Date
- 1924-06-06
- Page
- Seite 108 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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108 Das Jüdische Echo Nr. 23 tötest, unseren Herrn David zu beweinen, der uns ein gütiger König war!“ Ein paar weißbärtige Krieger schluchtzen wie Kinder. Joabs Arm krampfte sich um die Säule, neben der er stand, als wollte er sie zerbrechen. Adonia faßte sich zuerst und rief: „Ich bin König von Israel!“ Er wandte sich zu dem Thronsessel, der an der Rückwand des Saales stand. Dort ließ er sich nieder, das nackte Schwert auf den Knien. Da öffnete sich die Tür, die in das Zimmer führte, in dem David lag. Alle Anwesenden standen in starrem Staunen. Ein Greis schritt über die Schwelle in langem, schleppendem Nachtgewand. Seine Augen waren unheimlich weit geöffnet, so daß die dunkle Iris ganz in der bläulichweißen Umgebung verschwamm. Man sah ihn näherkommen, Schritt für Schritt; aber niemand hatte den Eindruck, daß ein Sterblicher je so gegangen wäre. Langsam, unerbittlich sicher bewegte sich der Schweigende auf den Thron zu, auf dem Adonia saß. Adonia fiel nieder und berührte den Boden mit der Stirn. Auf einmal beugte sich alles zur Erde. Nie vorher hatten Israeliten vor ihrem Könige gekniet. David schritt die Stufen des Thrones empor. Die Schleppe seines Gewandes hatte sich um seine Beine geschlungen und hielt sie gefesselt, hinderte aber seine Bewegungen nicht. Er ging an Adonia vorbei, ohne daß offenbar wurde, ob er ihn oder irgend einen anderen bemerkt hatte. Der König saß auf dem Thron. Seine Züge waren unbeweglich und in ihrer Starrheit furchtbar. Sein gewaltiger Oberkörper ragte kerzengrade empor. Seine Füße waren geschlossen wie die eines ägyptischen Götterbildes. Adonia zitterte in einer Art von Fieber. Das Grauen hatte ihn überwältigt, so daß er nicht das Haupt zu heben wagte. Seine langen Locken, die er nicht scheren ließ, hingen ihm wirr über die feuchte Sirn. Auf einmal schaute alles rückwärts zur Pforte. Eine Gasse bildete sich, durch die Menge schritt die Königin Bathseba neben Salomo, ihrem Sohne. Hinter - ihr ging der Prophet Nathan. Als die Fürstin den König sah, begann sie zu schluchzen: „Mein Herr und Gatte, mein Herr und Gatte.“ Adonia war aufgesprungen beim Anblick des Bruders. Sein Antlitz war bleich vor Zorn, rot flimmerte der Haß vor seinen Augen. Er drängte das Weib zur Seite, so daß er Salomo gegenüberstand, Gesicht zu Gesicht. Sein ganzes Wesen, Körper und Geist empörten sich gegen den stolzen und ernsten Jüngling, der seinen Blicken nicht auswich. Ihn ärgerte die Jugend und Reinheit des anderen zum Ersticken, und er hätte diese schlanken Glieder, die hell und süß wie die eines Mädchens waren, mit den Füßen zertreten mögen. Plötzlich wandte er sich zum König. Er war heißer vor Erregung und sprach mit geballten Literarisches Echo Die Eröffnung des Palästina-Theaters in Berlin Berlin (J.T.A.). Das in Berlin unter der Leitung des Mitbegründers der Moskauer „Habimah“, M. Gnosin, ausgebildete Palästina-Theater wird schon am 14. Juni mit der Uraufführung des Dramas „Belsazar“ seine Tätigkeit beginnen. Dieser Abend wird zugleich auch als die Feier der Eröffnung des Palästina-Theaters gelten: In der jüdischen Öffentlichkeit gibt sich für diese Veranstaltung großes Interesse kund. Zu der letzten geschlossenen Probe der Truppe erschienen einige der hervoragendsten Vertreter Fäusten. Er verlangte die Herrschaft als Krieger und einer, der des Reiches Macht mehren würde. „Was soll der Knabe auf Israels Stuhl, auf dem Helden saßen?“ Er verglich sich dem Bruder und fand Worte der Verachtung für den Schützling der Pfaffen. Er schloß mit der Forderung: „Herr soll der Stärkste sein! Mein sei die Krone!“ David redete. Seine Stimme klang sehr verändert. Er holte die Worte aus Tiefen, die Lebenden sonst verschlossen sind. Er sprach mit Menschen, die längst tot waren, als ständen sie vor ihm. Er reckte die Hand gegen Adonia, den der Kronreif immer noch schmückte. „Wie oft verrätst du mich, mein Sohn Absalom?“ Schwer und hart tönten die Worte; der König hatte sich erhoben und stand aufrecht ganz im Sonnenlichte, das nur ihn umstrahlte und alles sonst dunkel ließ: Er war der Richter und sein Urteil war Vernichtung. Auf einmal schärfte sich sein Blick, die Starrheit seiner Züge wich, er erkannte die Umstehenden. Mit einer unsagbar gütigen Bewegung zog er Salomo an sich. „Mein Sohn, mein lieber Sohn.“ Da sauste es blank durch die Luft, die Planken krachten, dicht vor Salomo bohrte sich Adonias Schwert in den Boden. Wie sinnlos stürzte der Täter davon. Segnend berührte David des Knaben Haupt: „Dir leg’ ich auf die Seele Israels Geschick. Sei stark und gut! Die Zeit des Aufbaus ist vorbei; es gilt erhalten! Nur einer konnte schaffen; das Bewahren sei aller Werk. Ein Staat ist geworden; ein Volk soll werden. Kraft hat verbunden, Geist soll verschmelzen. Das ist dein Erbe, Salomo. Sei glücklich und herrsche!“ Des Königs Züge wurden stolz und ruhig. Noch stand er aufrecht. Er lächelte. Dann fiel er lautlos und ohne Kampf zusammen. Abisag von Sunem hielt das Haupt des Toten im Schoß. Sie weinte ganz ohne Fassung. Der tyrische Arzt hatte sich von fruchtlosen Bemühungen erhoben und erzählte stockend und immer noch zitternd: „Er lag wie tot, ganz kalt und starr; nie habe ich einen Lebenden so gesehen. Aber bei dem Getöse richtete er sich auf und ging; denkt euch: kalt und starr und richtete sich ^uf und ging.“ Der Priester Zadok sagte: „Er war der Hort Israels, sein Geist riß den Körper zurück ins Sein. Er konnte nicht sterben, wenn sein Werk wankte.“ Da sprach der Prophet Nathan: „Er durfte sterben; denn sein Wille lebt. Mag Stadt und Reich vergehen, ewig bleibt Volk und Geist!“ Und der Prophet wandte sich und sah alles im Saale auf den Knien. Da hob er die Hände, und die Priester und Leviten traten hinter ihn und taten gleich ihm. Sie weihten Israel mit dem uralten Zeichen des Segens. der Berliner Künstlerwelt, unter ihnen der Intendant des Staats-Schauspielhauses in Berlin, Leop. Jessner, der sich mit Begeisterung über die Leistungen der Truppe aussprach. Herr M. Ussischkin, unter dessen Mitwirkung sich die Truppe eine hebräische Bühnensprache geschaffen hat, ist in Berlin eingetroffen und wird den letzten Proben beiwohnen. Richard Strauss’ musikalische jüdische Figuren Wien (J.T.A.). Zeitungen wissen über das aus Anlaß des sechzigsten Geburtstages von Richard Strauß in der Wiener Staatsoper aufgeführte Tanzpoem „Schlagobers“ des berühmten Komponisten zu berichten;