Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- 11 (1924)
- Issue
- 23 (6.6.1924)
- Date
- 1924-06-06
- Page
- Seite 107 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- Adonijah 2× ep/1003245
- Joab 2× ep/1005321
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Nr. 23 Das Jüdische Echo 107 „Besser im Kampfe fallen, als in Weichlichkeit und Ohnmacht ersticken!“ „Kennst du Salomo? Er ist ein Knabe, aber er ist furchtlos und klug. Er wird über unsere Ehre wachen, aber auch über den Frieden, daß' ihn kein Mutwilliger störe. Kennst du Salomo? Er ist hold wie die Sonne, das Volk wird ihn lieben, und er wird die Menschen glücklich machen. Er war bisher in den Gemächern der Frauen, aber ich werde ihn dir zeigen.“ „Das Kind der Bathseba? Ich will ihn nicht sehen, seine Geburt befleckt ihn.“ „Er ist fromm wie die Natur selbst, jeder Atemzug ist ein Gebet. Der Herr verzeiht die Schuld der Väter den Kindern, die ihn lieben.“ Durch die Pforte trat ein königlicher Kämmerer. Er neigte sich tief und sprach leise mit dem Propheten. Joab fuhr auf: „Was habt ihr zu tuscheln, das ich nicht wissen darf? Hierher, Heled,“ wandte er sich an den erschrockenen Diener, „was gibts?“ Nathan antwortete todernst: „Der König liegt bewußtlos. Gott schütze ihn.“ „Ich will hinein, ich muß ihn sehen!“ Joab stieß Heled beiseite und wollte den Eintritt erzwingen. Nathan klatschte in die Hände. Zwei Reihen Speerspitzen glänzten Joab entgegen. Des Feldherrn Hand fuhr zum Schwert. Aber er zog es nicht, er wandte sich und schritt wortlos von dannen. Nathan ging zurück in die königlichen Gemächer. Seine Stirn war gefurcht, sein Blick suchte den Boden. Er kannte den Feldhauptmann zu gut, um nicht zu wissen, daß er jetzt schon zum Schlage ausholte. Schwer lastete die Sorge auf dem Sinnenden. Die Wache am Vorzimmer des Königs riß den Vorhang zur Seite, als sie den Propheten gewahrte. Das weite Gemach war erfüllt von blauem, süßem Rauche. Vor den zwölf Zedernsäulen, auf denen die Decke ruhte, standen mattglänzende Schalen aus Porphyr, in denen köstliches Gewürz schwälte. Nathan stutzte auf der Schwelle. Seine Augen, die das Alter getrübt hatte, begannen vom Rauche zu tränen und gewahrten nichts als die vergoldeten Säulen, deren dicke Stümpfe in phantastische Blumen ausliefen. Plötzlich tauchte Benaja, der Führer der Leibwachen, aus dem Nebel. „Ich war bis jetzt beim König — wenn kein Wunder geschieht, erlebt David die Mitternacht nicht.“ „Ist er wach?“ „Er liegt wie tot auf dem Bette: seine Füße sind kalt und seine Hände blau.“ „Ist die Leibwache unter Waffen?“ Benaja nickte. „Laß’ Doppelposten aufziehen heut nacht, niemand soll schlafen!“ Flüsternd erzählte Nathan von seiner Begegnung mit Joab. Das leise Gespäch machte die Stille im Saal noch drückender. Alles war Schweigen und Erwartung. Um die Räucherschalen summten die Fliegen. Ein großer, schwarzer Käfer schwirrte durch den Raum und erfüllte die Luft mit dem unerträglichen Surren seiner Flügel. Die Stille brauste in den Ohren der Wartenden. Alle Herzen hämmerten in einem Takte. Alle Herzen würden auf einmal Stillstehen, wenn das eine geschehen würde. — Im Nebenraum tönten Schritte; ein eifriges Laufen, abgerissene Worte. Die Wartenden schreckten empor. Einige zitterten, als ständen sie in großer Kälte. Der Hauptmann Simei weinte, daß sein Bart ganz feucht wurde von seinen Tränen. Einmal öffnete sich die Tür und das blasse Köpfchen Abisags von Sunem, die den König Tag und Nacht pflegte, erschien in dem Spalt. Der Prophet Nathan ging hinüber zu dem Sterbenden. Minute für Minute tropfte in die Ewigkeit. Keiner rührte sich von seinem Platze, und jeder fühlte die Schlinge, die langsam seine Kehle zusammenschnürte. Plötzlich zerriß die Stille vor einem grellen Schrei, der aus der Unterstadt kam, den Berg Zion emporkletterte, sich über, die Mauern des Königsschlosses schwang und den ganzen großen Palast erfüllte bis in seine fernsten Winkel. Jetzt war alles Lärm, Erregung, ratlose Hast. Im Hof tönten laute Befehle. Geharnischte rasselten über Flure und Treppen. Alles aber ging unter in dem dumpfen Brausen*Jn dem Rauschen erreg-' ter Massen, das aus der* Stadt empordrang, im schrillen Schall der Trompeten, der von jauchzenden Schreien übertönt wurde. Die Priester und Höflinge waren starr vor Schreck: Der König starb! Was jubelte das Volk? Sie liefen durcheinander wie Lämmer,, wenn der Wolf um die Hürden streicht. Vom Burgdach, das ein blühender Garten war,, spähte man zu Tal. Die Stadt Jerusalem schien mit einem Schlage verändert. Die weißen Lehmhütten waren verschwunden in einem Meer von Grün. Die Straßen wimmelten von Menschen, die Palmzweige schwangen und sangen. Ein Haufe von Tausenden, Reitern und Fußgängern, wälzte sich den Zion hinauf. Ein Wald von Speeren bildete Spitze und Schluß des Zuges. Die Höflinge auf der Zinne des Schlosses tauschten erregte Bemerkungen. Auf einmal war Benaja, der Führer der Leibwachen, unter ihnen: „Das ist Joab,“ sagte er, „jetzt helf’ uns Gott!“ Die Versammelten sahen sich an und erbleichten; sie wußten, daß Joab erbarmungslos und Adonia grausam war. Benaja, der in Davids Kriegen verlernt hatte den Tod zu fürchten, lachte verächtlich und schwieg. Die erzenen Tore der Burg dröhnten von heftigen Schlägen. Laut tönte von unten die Stimme Joabs, der Einlaß forderte. Benaja suchte zu verhandeln. „öffne, oder es gibt Mord!“ rief der Feldhauptmann zurück. Schämst du dich nicht, Joab, den Frieden deines sterbenden Herrn zu stören?“ „Was Frieden! Ich stürme die Mauern, wenn du nicht aufmachst!“ Kreischend flogen die Flügel des Tores auseinander. Joab stampfte die langen Gänge hinunter zum Vorzimmer des Königs. Sein Anhang füllte die Räume des Schlosses mit wüstem Geschrei. Joab blickte sich um: „Wo ist Nathan, der Verräter?“ Der Prophet trat ihm entgegen: „Du schlägst schnell, Joab, aber ich hätte von dir mehr Ehrfucht vor deinem König erwartet!“ „Spare die Predigt. Auf die Knie, Priester, dein König steht vor dir!“ Aus der Menge trat ein Mann von riesiger Größe in blauem und rotem Purpur; um sein Haupt schlang sich ein Diadem, das mit Smaragden und Rubinen besetzt war. Nathan betrachtete ihn mit stillem Vorwurf: „Was soll der Reif, Adonia,, kannst du den Tod deines Vaters nicht erwarten?“ „Damit du meine Erstgeburt dem Knaben Salomo verkaufst? Jetzt bin ich Herr! Spürst du das Schwert über dem Nacken?!“ Adonia erhob drohend die Faust. „Du hast die Macht,“ erwiderte Nathan, „übe sie, wie du willst, aber erlaube uns, ehe du uns