Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1924
- Issue
- 9 (30.5.1924)
- Date
- 1924-05-30
- Page
- Seite 27 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 Mitteilungen des Israel. Lehrervereins für Bayern 27 die Oberstufe einer Mädchenschule erreichen mußte — nur die geistig Ärmsten blieben in der Volksschule. So sanken diese zu Zwergschulen herab, in den Oberklassen mit einem Schülermaterial, das in Hilfsschulen gehörte. Die Staatsregierung hat, stets auf dem Prinzip der Konfessionsschule stehend, auch den jüdischen Schulen Gerechtigkeit und Förderung erwiesen — und schon deshalb, weil für jüdische Lehrer es keine andere Anstellungsmöglichkeit, z. B. an Simultanschulen gab, auch Schulen mit 1 und 2 Kindern jahrelang erhalten. Als das Schulbedarfsgesetz vom 29. August 1920 die Mindestzahl der Schüler auf 10 festsetzte, blieben auch dann noch Schulen bestehen, wenn die Frequenz unter diese Zahl sank. Erst die Abbauverordnung vom 29. März 1924 machte die Auflösung unabwendbar; doch auch jetzt blieb die Möglichkeit, die pensionierten Beamten an den in Privatvolksschulen umgewandelten öffentlichen jüdischen Volksschulen ihrer Wirksamkeit zu erhalten. Leider machen nur selten Gemeinden von diesem Auskunftsmittel Gebrauch, das bei normaler Schülerzahl und Milderung der Abbauverordnungen die Wiedererrichtung öffentlicher jüdischer Schulen nicht ausschließt. Die jüdischen Lehrer wissen der Staatsregierung für das Wohlwollen und die Gerechtigkeit Dank, insbesondere werden wir der Referenten Herren Ministerialrat Hezner und Oberregierungsrat Säule, die in den letzten 10 Jahren die Sachwalter der jüdischen Volksschulen im Kultusministerium waren, nur mit Gefühlen herzlichster Dankbarkeit gedenken. Als ich die Adler-Dingfelder Denkschrift im Jahre 1913 mit den Worten schloß: „Wer da wünscht und hofft, daß die kommende Generation in Treue dem Judentum erhalten bleibt, muß, wie die Verhältnisse gegenwärtig in allen Staaten Süddeutschlands mit Ausnahme Badens gelagert sind, für die jüdische Volksschule nicht bloß in den Klein- und Mittelgemeinden, sondern auch in den Großgerneinden eintreten" — damals konnte ich nicht ahnen, daß noch vor Abschluß eines Jahrzehnts die Schulen in den Klein- und Mittelgemeinden dem Untergang geweiht, nicht hoffen, daß trotz der heftigen Widerstände Volksschulen in Großgemeinden gegründet wurden. Gegensätze besonderer Art haben dies erzielt, Orthodoxie und Zionismus als aktive Kräfte — der Antisemitismus, von dem Schule und Lehrkräfte in steigendem Maße infiziert wurden, als der negative Gegenpol. So wurden in Berlin, Breslau, Leipzig, Würzburg, Nürnberg, München neue öffentliche jüdische Volksschulen errichtet — eine Erscheinung, die jeder jüdische Lehrer, besonders wenn er wie ich ein Ideal, für das ich seit 30 Jahren in Wort und Schrift kämpfe, gerne der Erfüllung entgegenreifen sieht. Wenn ich etwas an diesen Neugründungen bedaure, so ist es die Tatsache, daß nicht die Gemeinden (die Würzburger Volksschule bildet eine Ausnahme), sondern Teilgemeinden und Privatvereinigungen die Träger der Schule sind — ein Umstand, der die Einheit und Einigkeit innerhalb der Gemeinden auf eine harte Probe stellt. Aber auch rechtlich und materiell wäre die Hauptgemeinde ein tragfähigeres Fundament. Zwei weitere Schwierigkeiten werden diese Volksschulen zu überwinden haben, den Schüler m a n g e 1, bedingt durch die abnehmende Geburtenzahl und durch die Ausweisung so vieler jüdischen Familien, die ihre Kinder den Schulen anvertraut hätten und den Lehrermangel. In Bayern stehen ja für die nächsten Jahre noch auf Wartegeld gesetzte Lehrer zur Verfügung — aber für später droht auch ihnen, wie allen Gemeinden die Gefahr, daß unserem Stande der Nachwuchs fehlt. Zum Beweis! Mein Freund, Seminarleiter Stoll- Würzburg, schreibt: „Der zur Zeit in Deutschland herrschende Lehrermangel muß sich in den nächsten Jahren verschärfen; denn die Seminare in Kassel und Hannover sind aufgelöst, Köln vegetiert mit einem Schüler, das Berliner Seminar soll 2 oder 3 Schüler haben, das Würzburger Seminar zählt im kommenden Schuljahr (1924/5) in der L Klasse 3, in der 2. Klasse 0, in der 3. Klasse 3. Schüler. Die bayerischen Präparandenschulen weisen in der 1. Klasse 2, in der mittleren Klasse 0, in der 3. Klasse einen Schüler auf. Zum Vergleich sei beigefügt, daß die Besuchsziffern der bayerischen Präparandenschulen vor einem Jahrzehnt in 3 Klassen 40—50, die des Seminars 30—35 betragen haben. Daraus folgt, daß das bayerische und deutsche Judentum ihre Zukunft nur sichern können, wenn sie die soziale und wirtschaftliche Lage ihres Beamtenstandes so bessern, daß die Ergreifung des jüdischen Lehrerberufs den jungen Leuten wieder erstrebenswert erscheint." Der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden hat wohl seit 1. Januar 1924 die volle Einreihung der Beamten durchgeführt und zwar, sofern sie seminaristische Vorbildung aufweisen, in die Gruppe VII und VIII. Er trägt für die Kleingemeinden 50 Prozent dieser Besoldung — aber auch diese Sicherung der Stellung und des Gehalts, welche die Beamten dankend anerkennen, bildet keinen Anreiz zur Wahl des Berufes eines jüdischen Lehrers und Kantors. Es ist ein ehrendes Zeugnis für die Berufsfreudigkeit und den idealen Sinn der jungen Seminarabsolventen, daß sie auf besser besoldete Stellungen als Religionslehrer-Kantoren verzichten, wenn sie eine Volksschullehrerstelle erhalten können. So wird der Untergang der jüdischen Volksschulen, deren Lehrerstellen von jeher das Strebeziel für die Jugend des jüdischen Lehrerstandes bildeten, den Nachwuchs von den sterbenden Lehrerbildungsanstalten fernhalten. Da auch die Hörsäle der Rabbinerseminare sich lichten, so taucht flle »bange Frage auf: Woher nehmen Üiß Gemeinden ihre künftigen geistigen Führer? In einer Zeit, da Feinde von außen uns an Leib und Leben bedrohen, uns aus schwer errungenen Positionen verdrängen möchten, mit Mitteln wie sie nur das Mittelalter angewendet, dürfen wir uns nicht bloß auf den Abwehrkampf beschränken, wir müssen uns innerlich festigen. Mag der Sturm die Krone zerzausen, wenn der Stamm nur standhält. In den schlimmsten Zeiten des Mittelalters hatten die Juden ihre geistigen Führer. Wir müssen dafür Sorge tragen, daß es den kommenden Generationen nicht an Führern fehlt. Nicht bloß die Abwehr fordert Opfer an Geld und Gut, auch der innere Aufbau. Mögen die Führer der Gemeinden und Organisationen diese Opfer bringen, ehe es zu spät ist. Hufgelöste Volksschulen Aus Mitteilungen von Kollegen erfahren wir, daß leider eine Reihe jüdischer Volksschulen aufgelöst wurden. Oberfranken: Hirschaid, womit die letzte jüdische Volksschule des Kreises verschwindet. Mittelfranken: Ansbach, Berolzheim, Scheinfeld, Sugenheim, Uhlfeld, Treuchtlingen. (Wird als Privat-Volksschule weiter geführt). Schwaben: Altenstadt. Aus der Pfalz und aus Unterfranken sind uns keine Mitteilungen zugegangen.