Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Israelitischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1924
- Issue
- 9 (30.5.1924)
- Date
- 1924-05-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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MITTE ILUNGEN des Israelitischen Lehrervereins für Bayern Schriltleitung: M. Rosenfeld, München Nr. 9 München, 30. Mai 1924 Der Untergang der jüdischen Volksschulen in Bayern Von S. Dingfelder - München Kriegs- und Revolutionsjahre haben so viel geistiges und soziales Gut zerstört, das Jahrzehnte und noch länger den Stürmen getrotzt. Ein solches Gut waren uns länger denn ein Jahrhundert die jüdischen Volksschulen. Begründet auf dem Judenedikt vom 10. Juni 1813 konnten viele dieser Schulen in den Kriegs- und Nachkriegsjahren auf einen Bestand von 100 Jahren zurückblicken, keine Gemeinde aber hat eine Säkularfeier begangen; denn um die Jahrhundertwende begann das Sterben unserer jüdischen Schulen. Würden mit den Schulen nicht auch die Gemeinden und ihre religiösen Einrichtungen, Religionsunterricht und Gottesdienst verfallen, würden andere bessere Institutionen als gleichwertiger Ersatz an ihre Stelle treten, so dürften wir schweigend die Verluste, welche Judentum und Judenheit erleidet, buchen. So aber verschwinden aus unseren Klein- und Mittelgemeinden Bildungs- und Erziehungsstätten, die vielen Generationen das geistige, sittliche und religiöse Rüstzeug zum Lebenskampf gegeben haben, Kulturdenkmäler, die daran erinnerten, wie diese öffentlichen Schulen trotz aller Hemmungen aus den geistig und körperlich niedergehaltenen Schutzjuden vom Anfang des 19. Jahrhunderts den aufrechten deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens geschaffen haben. Nicht kampflos hat die jüdische Lehrerschaft in Bayern, wie im Reich diese Position geräumt; die Lehrervereinigungen und ihre Wortführer haben seit 40 Jahren um die Erhaltung und Neugründung jüdischer Volksschulen gekämpft, meist allein, ohne die Hilfe, ja oft im Widerstreit mit Gemeindeorganisationen — ich erinnere an den Kampf des D. J.G.B, gegen die jüdische Volksschule 1912/13. Vergeblich mahnte Steinhardt in den „Blättern für Erziehung und Unterricht", Rosenwald in der „Freien Lehrerzeitung", ungehört verhallte der Mahnruf, den Realschuldirektor Dr. Adler s. A. gemeinsam mit Dingfelder für die jüdischen Volksschulen in Preußen und Süddeutschland erhob, noch in letzter Stunde erinnerten bayerische Schulmänner die Gemeinden an das „Was uns nottut." — Zu spät! Mußte es so kommen — und warum? Jahre vor dem Krieg schrieb Felix Theilhaber sein viel berufenes und von Leisetretern bestrittenes Buch vom Untergang der Deutschen Juden '•— der Untergang der jüdischen Volksschule in Deutschland ist die Konsequenz, die aus den Zahlen jenes Buches ohne Prophetengabe sich voraussagen ließ. Der rapide Rückgang der jüdischen Geburtenziffer — dazu der katastrophale Ausfall der Eheschließungen und der Fruchtbarkeit während der Kriegsjahre haben das Ende herbeigeführt. Schon 1876 konnte M. J. Schleiden in seiner Schrift „Die Bedeutung der Juden" nachweisen, „die Juden vermehren sich überall in größerem Maßstabe als die Völker, unter denen sie leben, was wesentlich auf der geringen Sterblichkeit, besonders der Kinder, also auf sittlichen Gründen, nicht auf Uberschuß der Geburten beruht." Die sittlichen Gründe bestehen noch fort — da aber in modernen jüdischen Familien, die orthodoxen Kreise mit eingeschlossen, ein, höchstens zwei Kinder den ganzen Kindersegen bilden, so haben wir trotz der günstigen Sterbeziffern eine Unterbilanz zu verzeichnen, die von Jahr zu Jahr zunimmt. Zwei Zahlen nur: 1913 betrug die Zahl der israelitischen Volksschüler in München 781; 1924 sank sie auf 250 herab, an der am meisten von jüdischen Kindern besuchten Simultanschule sind die Zahlen: 1913—330, 1924—102. Die Münchner Volksschulen zählten 1913/14: 75 973, 1924: 51 684, verloren also Vs des Schülerbestandes; die jüdische Schülerzahl aber sank im gleichen Zeitraum um -'/a. Die Öffentlichkeit vermeidet es, allzuoft und allzulaut von diesem Krebsschaden, der am Mark der Judenheit nagt, zu sprechen; die künstliche Niederhaltung der Geburtenzahl hat recht materielle Beweggründe, nur zwei davon: die Mütter scheuen die Mühen und Sorgen, die mit der Erziehung einer größeren Kinderschar verbunden sind; die Väter möchten den Besitz, den sie erarbeitet, nicht an viele Erben zersplittern, sondern ungeteilt den Nachkommen erhalten. Unsagbares Leid hat diese kurzsichtige Familienpolitik, so weltenfern der religiös-sittlichen Bibelforderung: „Seid fruchtbar und mehret euch!" über jüdische Häuser gebracht. Kein Volksteil hat in ähnlichem Verhältnis so viele einzige Söhne, ja einzige Kinder auf dem Altar des Vaterlandes geopfert, als der jüdische — aber auch die vorsichtige Vermögenspolitik der Väter wurde durch die Inflation und das Valutaelend vereitelt; das Erbgut wurde durch sie stärker dezimiert, als durch eine stattliche Kinderschar zu befürchten war. Neben der Unterbilanz der Geburten führte die Abwanderung der Juden aus den Dörfern und Kleinstädten nach den Großstädten zur Auflösung der Volksschulen und der Gemeinden. Von den bayerischen Juden wohnten 1840 auf dem Lande 51 000 (88 Prozent) in Städten 8000 (12 Prozent); 1900 auf dem Lande 16 600 (30 Prozent) in Städten 39 000 (70 Prozent). Die Gründe dieser Landflucht sind mannigfacher Art. Sie liegen auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet, nicht zum wenigsten aber auf intellektuellern. Besonders das Streben jüdischer Eltern ihren Kindern eine höhere Schulbildung zu verschaffen, um sie akademischen Berufen zuzuführen, ist eine Triebfeder für diese Umschichtung. So schwinden die Schulen bereits in einer Zeit dahin, wo die Geburtenminderung noch nicht so schroff in die Erscheinung tritt. 1850 zählte man in Bayern 150, 1870: 124, 1910: 84, 1920: 65 Volksschulen. 1924 dürften unter dem Druck der Beamtenabbau-Verordnung kaum 20 gesichert sein. Als um 1900 auch Provinzialstädte höhere Mädchenschulen, Realschulen und Gymnasien einrichteten, sanken die jüdischen Volksschulen zu Vorklassen herab; denn es galt als Ehrensache, daß der Sohn, auch wenn er noch so unbefähigt war, das „Einjährige", wenn auch nach mehrfacher Repetition der Klassen, die Tochter