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Das jüdische Echo · 1924-05-30 · 22 (30.5.1924) · p. Seite 92

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
11 (1924)
Issue
22 (30.5.1924)
Date
1924-05-30
Page
Seite 92 (sequence 6)
Language
German
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92 Das Jüdische Echo Nr. 22 kläger würden ewig streiten, wie hier das Lichte mit dem Finstern streitet, das Warme mit dem Kalten, das Leben mit dem Tode.“ . . . „Die Welt schwankt und kann weder hinauf, noch hinab, und darum wird es ewig Trauungen und Scheidungen geben, Beschneidungsfeiern und Beerdigungen, Liebe und Haß .... ln alle Ewigkeit! . . . .“ Trompetengeschmetter und Hörnerklang reißen die Seele plötzlich aus ihren Gedanken .... Sie schaut hinab und sieht eine mittelalterliche deutsche Stadt. Häuser mit seltsam verzierten Giebeln drängen sich um den Rathausplatz, und auf dem Markte wogt eine buntgekleidete Menge; in den Fenstern drängt sich Kopf an Kopf; auf den Dächern hocken Menschen, und andere sitzen rittlings auf den Balken, die aus den Mauern unterhalb der Dächer herausragen; alle Altane sind voller Zuschauer .... Vor dem Rathause steht ein Tisch mit grünem Tischtuch, das mit goldenen Fransen und Troddeln verziert ist. Um den Tisch herum sitzen auf vergoldeten Sesseln die Ratsherren in samtenen Gewändern und Zobelmützen mit weißen Federn und diamantenen Spangen. Und in der Mitte thront der Gerichtsherr: Adlerfedern wehen von seinem Hute. Etwas abseits steht gefesselt ein Judenmädchen. Und noch etwas weiter halten zehn Knechte ein wildes Pferd an den Zügeln fest. Und der Gerichtsherr erhebt sich von seinem Sitz, um den Gerichtsbeschluß zu verkünden. Doch zuvor wendet er sich an die Menge und sagt: „Dieses Judenmädel hat eine schwere Missetat begangen, eine Missetat, die ihr selbst Gott bei all seiner Barmherzigkeit niemals vergeben würde.“ . „Sie stahl sich nachts aus der Judenstadt heraus und ging an unserem heiligen Feste in den reinen Gassen unserer Stadt herum.“ .... „Sie entweihte mit ihren frechen Augen das Allerheiligste, das man in der Prozession trug.“ „Mit ihren verruchten Ohren fing sie den Gesang unserer weißgekleideten unschuldigen Kinder auf und die Klänge unserer Orgel. . . . Und wer weiß, ob der leibhaftige Teufel, der die Gestalt der verdammten Jüdin, der unreinen Rabbinerstochter angenommen hat, das Allerheiligste nicht auch berührt und befleckt hat?“ . . . „Was wollte denn der Teufel in dieser schönen Gestalt? Denn ich kann es nicht leugnen, sie ist schön, wie es nur eine Teufelih sein kann; seht nur die übermütig strahlenden Augen unter den fromm gesenkten Lidern! Seht nur das alabasterweiße Gesicht, das im Kerker nur etwas blasser geworden ist, aber von seinem Glanze nichts verloren hat! Seht ihre Hände, ihre schmaien Hände, durch die die Sonne hindurchscheint!“ .... „Was wollte also der Teufel, der ihre Gestalt angenommen hat? Doch nur eine Christenseele fangen und von der Andacht der heiligen Prozession ablenken .... Und das ist ihm auch gelungen: „Seht nur das schöne Mädel!“ rief ein Jüngling von einem unserer vornehmsten Geschlechter aus, der in der Prozession mitritt.“ . . . Das war schon zu viel; die Schergen faßten sie und schleppten sie weg. Und sie wehrte sich auch gar nicht: denn die Schergen waren damals durch die Teilnahme an der heiligen Handlung von allen ihren Sünden rein und der Böse hatte über sie keine Gewalt .... Und so soll die Teufelin bestraft werden: „Man wird sie mit ihren langen teuflischen Zöpfen an den Schweif dieses wilden Pferdes anbinden .... Und das Pferd wird sie durch alle die Gassen schleifen, die sie mit ihrem Schritte entweiht hat . . . . Und ihr Blut soll alle die Steine reinwaschen, die sie mit ihren Füßen befleckt hat!“ Die Menge erhob ein wildes Freudengeschrei, und als das Geschrei allmählich verstummt war, fragte man die Verurteilte, ob sie nicht einen letzten Wunsch vorzubringen hätte. „Ich habe wohl einen Wunsch“, antwortete sie ruhig: „Man gebe mir drei Nadeln!“ „Sie hat vor Schreck den Verstand verloren!“ meinte einer der Ratsherren. „Nein!“ erwiderte sie gelassen. „Das ist wirklich mein letzter Wunsch und meine letzte Bitte!“ Man erfüllte ihr den Wunsch und gab ihr die Nadeln. „Und nun“, befahl der Gerichtsherr, „bindet sie an das Pferd!“ Die Schergen banden mit zitternden Händen die schwarzen Flechten der Rabbinerstochter an den Schweif des wilden Pferdes, das die Knechte nur mit Mühe halten konnten ..... „Macht eine Gasse frei!“ ruft der Gerichtsherr der Menge zu. Und die Leute drücken sich an die Mauern und ein jeder erhebt seine Hand: Die einen haben Peitschen, die' andern Stöcke und andere wiederum Tücher in den Händen. Und alle sind bereit, das wilde Pferd zu jagen und zu hetzen. Allen stockt der Atem, alle Augen brennen und niemand von der Menge merkt, wie die Verurteilte sich niederbückt und sich den Saum ihres Kleides mit den Nadeln an die Beine ansteckt... Tief bohrt sie die Nadeln in das Fleisch hinein: sie tut es, damit ihr Leib nicht entblößt werde, während das Pferd sie durch die Gassen schleifen wird .... Nur die irrende Seele allein merkte das .... „Laßt das Pferd los!“ befiehlt der Gerichtsherr, und die Knechte springen zur Seite, und das Pferd ist frei. Im gleichen Augenblick dringt aus .ledern Munde ein wildes Geschrei, die Peitschen knallen und pfeifen, die Stöcke und Ruten sausen durch die Luft und das Pferd rast durch den Platz, durch Gäßchen und ins freie Feld Hinaus .... Und die irrende Seele zog eine blutbefleckte Nadel aus dem Fleische des Mädchens und flog mit ihr in den Himmel hinauf! „Nun fehlt nur noch ein Geschenk!“ tröstete sie der Engel an der Himmelspforte. Und die Seele flog wieder hinab: sie brauchte nur noch ein Geschenk zu finden! Und wieder gehen Jahrhunderte vorüber, und sie verfällt wieder in Trübsinn. Es scheint ihr, daß die Welt noch unbedeutender geworden sei.. Noch kleinlicher seien die Menschen, und nichtiger ihre Werke, die guten, wie die schlechten ... Und auf einmal denkt sich die Seele: „Wenn der Herr, gelobt sei sein Name, sich einmal entschließen wollte, die Welt, so wie sie jetzt ist, zu richten ... Und wenn sich rechts der Fürsprech hinstellte und aus seinem weißen Sack lauter Stäubchen und Körnchen, und links der Ankläger aus seinem schwarzen Sack lauter Spitterchen und Bröckchen schüttelte, so würden sie wohl mit dieser Arbeit niemals fertig werden, es gibt zu viel Nichtigkeiten in der Welt, zu viel!“ „Und selbst wenn sie die Säcke endlich einmal entleert hätten, was würde dann geschehen? Das Zünglein bliebe gewiß unbeweglich in der Mitte stehen und würde nicht einmal schwanken. Denn bei so viel Staub kann keine der Wagschalen überwiegen . . . .“ „Und was würde dann Gott tun? Was würde er beschließen?“

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